Tödliche Hausgeburt: Lange Haft und Berufsverbot

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DORTMUND - Das Dortmunder Schwurgericht hat eine Hebamme aus Unna wegen Totschlags durch Unterlassen zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Außerdem verhängten die Richter ein lebenslanges Berufsverbot für die Geburtshelferin und Ärztin.

Von Lisa Moorwessel

Das Gericht sprach den Eltern des toten Kindes darüber hinaus Schadens- und Schmerzensgeldzahlungen in fünfstelliger Höhe zu.

Die 61-jährige Geburtshelferin gilt als überführt, für den Tod eines gesunden und ausgewachsenen Mädchens bei seiner Hausgeburt in einem Hotelzimmer in Unna im Juni 2008 verantwortlich zu sein.

In seiner fast dreistündigen Urteilsbegründung ließ der Vorsitzende Richter Wolfgang Meyer noch einmal die schwierige Beweisaufnahme Revue passieren, bei der an über 50 Verhandlungstagen in zwei Jahren mehr als 60 Zeugen und rund ein Dutzend medizinische Gutachter gehört worden waren.

Übereinstimmend waren die Sachverständigen zu der Diagnose gekommen, dass das Kind als risikobehaftete Beckenendlage während des über 16-stündigen Geburtsvorganges im Mutterleib erstickt war.

Noch Stunden, bevor es tot auf die Welt gekommen sei, habe die begleitende Hebamme die Möglichkeit gehabt, das Kind zu retten, hätte eine Einweisung ins Krankenhaus und einen Notkaiserschnitt veranlassen müssen.

Doch die überzeugte Verfechterin der außerklinischen Haugeburt habe aus ideologischen und persönlichen Gründen nicht gehandelt, sich eigenmächtig über Lehrbuchwissen und standesrechtliche Vorschriften hinweg gesetzt.

"Sie hatten Angst um Ihre Reputation, wollten ihre Fehleinschätzung vor den Eltern nicht offen legen und hofften, den Tod des Kindes vertuschen zu können", fasste Meyer die Gründe für die Tatenlosigkeit der Geburtshelferin noch einmal zusammen.

Natürlich habe sie gehofft und sich bemüht, dem Kind beim Geburtsvorgang zu helfen, so Meyer, aber im Verlaufe des dramatischen Geschehens in dem Hotelzimmer habe sie den Tod des ungeborenen Kindes letztlich in Kauf genommen.

Das zweijährige Verfahren wurde regelmäßig beobachtet von mit der Angeklagten befreundeten Hebammen, die immer wieder durch Zwischenrufe und Kommentare im Internet ihren Unmut über das Verfahren zum Ausdruck brachten.

In ihrer Wahrnehmung gab es eine "abstruse Verschwörungstheorie", so Meyer. Demnach sollte offenbar an der Angeklagten ein Exempel statuiert werden, "um außerklinische Geburtshilfe auf Dauer unmöglich zu machen". Ein bizarrer Vorwurf, den das Gericht als "naiv und einfältig" von sich wies.

Der Rechtsbeistand der Eltern des toten Mädchens, Alexander Kurz aus Mettmann, machte es gegenüber unserer Redaktion noch einmal deutlich: "In diesem Prozess ging es weder um einen Hexenprozess noch stand die Hausgeburtshilfe als solche auf der Anklagebank. Verhandelt wurde hier gegen eine ganz konkrete Angeklagte für ein krasses Fehlverhalten in einem Einzelfall".

Die Verteidiger kündigten nach der Urteilsverkündung bereits an, das Urteil vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe anzufechten.

Quelle: wa.de

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