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Kleine Tiere, großes Elend: Hammer Tierschützer retten 15 Kätzchen in Soest

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Von: Klaus Bunte

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Eines der geretteten Kätzchen.
Eines der geretteten Kätzchen. © Cäcilie Koch

Kleine Tiere, großes Elend: Hammer Tierschützer retteten in einem Ortsteil von Soest 15 herrenlose kleine Kätzchen.

Soest/Hamm – An einem Sonntag gegen 16 Uhr erhielt Cäcilie Koch eine Textnachricht einer privaten Tierschützerin: „Hier sind herrenlose Kitten, ich weiß nicht, was ich tun soll, ich muss zur Arbeit.” Koch, 2. Vorsitzende des Vereins „Hilfe für Straßenkatzen Hamm“ verständigte ihre Soester Verbündeten, „ich selber saß innerhalb von sieben Minuten im Auto. Wichtig ist: erst einmal hin. Denn wenn da schreiende Kitten sitzen, weiß man nie, was einen erwartet.“

Tierschützer aus Hamm retten in Ortsteil von Soest 15 Kätzchen

Der Einsatzort befand sich in einem Ortsteil südlich von Soest – der Besitzer des Grundstücks möchte anonym bleiben, „denn sonst kommen noch andere auf die Idee, hier ihre Tiere auszusetzen.“ Denn das Gelände ist zwar etwas entlegen, aber gut erreichbar – Tür auf, Katze raus, Tür zu. Daher sei es sehr wahrscheinlich, dass hier unkastrierte Katzen ausgesetzt wurden – vielleicht Tiere, die während Corona angeschafft wurden und jetzt nicht mehr gewollt sind. Das beobachtet nämlich derzeit auch Herbert Höptner, 1. Vorsitzender des Vereins und seit 18 Jahren im Einsatz auf der Straße: „An meinen Futterstellen kommen dauernd neue Katzen hinzu. Sie werden entsorgt wie alte Stofftiere. Und die Menschen mit den niedrigsten Einkommen haben die meisten Tiere und sehen sich gezwungen, sie auszusetzen, wenn sie die Tierarztrechnungen nicht begleichen können.“

Die schwarz-weißen Kätzchen wurden gerettet, noch bevor sie fünf Wochen alt waren
Die schwarz-weißen Kätzchen wurden gerettet, noch bevor sie fünf Wochen alt waren, können daher leicht an Menschen gewöhnt und vermittelt werden. © Cäcilie Koch

Außerdem fürchtet Koch, dass eine Veröffentlichung der genauen Adresse Katzenhasser anzieht, die Giftköder auslegen oder versuchen, sie zu erschießen, „das zeigen schon Kommentare auf Facebook: Man postet etwas über einen gelungenen Einsatz, dann schreiben 20 Leute, die Tiere gehörten doch alle vergiftet.“

Katzen-Rettung in Soest: Tiere schrien in Panik um ihr Leben

Die besagte Stelle ist auch dem Tierheim bestens bekannt: „Seit ich hier arbeite, also seit 20 Jahren, kastrieren wir dort frei laufende Katzen und hatten das gut im Griff, weil uns immer jemand informierte. Drei Jahre lang war es ruhig, denn alle Katzen dort waren ja kastriert und gekennzeichnet. Nun aber scheint jemand wieder erneut Katzen ausgesetzt zu haben, oder es haben sich neue wilde Katzen dort eingefunden“, so Tierheim-Leiterin Birgit Oberg. „Wichtig ist, dass wir darüber informiert werden.“

Als Cäcilie Koch auf dem weitläufigen Gelände eintraf, „da hörte ich schon lauter Kätzchen in Panik um ihr Leben schreien. Es war völlig unübersichtlich, es waren sieben Katzenkinder, drei davon in akuter Lebensgefahr, weil sie schon zwei Tage ohne die Mutter waren, was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste.“ Der Einsatz dauerte „nur“ bis 21.30 Uhr – dabei hatte der Grundstückseigentümer die Tiere schon mit etwas Futter angelockt, den Tierschützern so die Arbeit erleichtert.

Herbert Höptner, Vorsitzender des Vereins „Hilfe für Straßenkatzen Hamm“.
Engagiert sich seit 18 Jahren für den Schutz der kleinen Vierbeiner: Herbert Höptner, Vorsitzender des Vereins „Hilfe für Straßenkatzen Hamm“. © Klaus Bunte,

Koch: „Und da stand ein circa vier Wochen altes, mutiges Katerchen, das versuchte, ein Geschwisterchen zum Fressnapf zu locken. Er hat dem Wurf damit das Leben gerettet, indem er uns darauf aufmerksam machte. Nach und nach tauchten noch mehr Katzen von einem anderen Wurf auf. Drei Stunden dauerte es, sie einzufangen. Denn ein falscher Schritt, und das Tier ist weg. Und die ganze Zeit hörten wir weitere Tiere schreien.“

Tierschützer aus Hamm kommen rechtzeitig: Katzen nur bis zur fünften Woche zähmbar

Über die folgenden Tage wurden 15 Katzen mit speziellen Lebendfallen eingefangen. Damit die Tiere darin nicht in Panik verfallen und damit die anderen Katzen nicht Lunte riechen, wechseln sich die Tierschützer ab, kontrollieren nachts alle zwei Stunden, tagsüber behält eine Tierschützerin sie ständig im Blick, „eine ungeheure Arbeitserleichterung für uns“, zeigt sich auch Oberg dankbar für den ehrenamtlichen Einsatz, „diese Leute sind Gold wert, wir hätten überhaupt nicht das Personal dafür“.

Zwei weitere Tiere wurden gesichtet, aber bislang nicht gesichert. Koch: „Unsere Erfahrung aus Hamm zeigt: Hier laufen noch mindestens 50 weitere herum. Denn man sieht immer nur zehn bis 15 Prozent. Ich möchte nicht wissen, wie viele von denen hier irgendwo in den Büschen armselig verendet sind. Ich habe manchmal das Gefühl, für jede, die wir fangen, kommen drei nach.“

Anders als junge Kitten wollen ausgewachsene Katzen meist nichts mehr mit Menschen zu tun haben.
Anders als junge Kitten wollen ausgewachsene Katzen meist nichts mehr mit Menschen zu tun haben. Ihre Lebenszeit ist daher sehr begrenzt. © Cäcilie Koch

Katzenkinder können noch gezähmt und an Menschen gewöhnt, somit auch vermittelt werden, „die hier sind schon total zutraulich, aber saßen voll mit Flöhen. Die wären von den Parasiten ausgesaugt worden und nicht einmal zehn Wochen alt geworden. Und das ist die Schuld der Menschen, die Tiere unkastriert aussetzen.”

„Unsere Aufgabe ist es, dass die Tiere kastriert werden“

Aber schon nach der fünften Woche wird es problematisch. Bei ausgewachsenen Katzen sei es so gut wie unmöglich, sie an Menschen zu gewöhnen, so Höptner. Daher macht es keinen Zweck, sie im Tierheim abzugeben, das ist eh voll und braucht den Platz für vermittelbare Katzen. Weshalb das Tierheim sie lediglich kastriert wieder ausgesetzt in die Freiheit entlässt, „die wollen mit Menschen keinen Kontakt“, so Oberg. Koch: „In diesem Fall haben wir Glück. Es ist ein Geschenk, dass der Besitzer des Grundstücks seine Zustimmung gibt, sie hier wieder freizulassen. Er wird sie weiter füttern, wir schauen alle paar Monate vorbei und versorgen ihn mit Katzenfutter.“

Cäcilie Koch ist auf der Suche nach ausgesetzten Katzen oder frisch geborenen Kitten
2. Vorsitzende des Vereins: Cäcilie Koch ist auf der Suche nach ausgesetzten Katzen oder frisch geborenen Kitten – in diesem Holzstapel wurde sie bereits fündig. © Klaus Bunte

In diesem Gebiet gibt es für die Tiere viele Unterschlupfmöglichkeiten, ideal also, um sich fortzupflanzen – aber wo Verstecke sind, kommen sie nicht auf die Idee, abzuwandern. Koch: „Und unsere Aufgabe ist es, dass diese Tiere eingefangen und kastriert werden und sich nicht mehr weitervermehren. Es gibt Menschen, die sind für eine flächendeckende Tötung solcher Katzen, um des Artenschutzes willen. Aber mit einer flächendeckenden Kastration ließe sich das Problem beheben.“

Kurze Lebenserwartung in freier Wildbahn

Denn verwilderte Hauskatzen haben in freier Wildbahn keine nennenswerte Lebenserwartung: Sie würden nur vier bis fünf Jahre alt. Natürliche Feinde seien Eule, Fuchs und Waschbär, der größte Feind sei der Straßenverkehr. Die meisten Kitten, aber auch Straßenkatzen, sterben an diversen Krankheiten. Natürlich sei die ungleichmäßige Versorgung mit Nahrung nicht unschuldig. Während Freigänger es im Schnitt auf zehn bis zwölf und reine Wohnungskatzen auf 16 bis 18 Jahre brächten.

Aber auch für Wohnungskatzen empfehle sich eine Kastration, so Höptner: „Ein rolliges Männchen markiert, den Gestank wird man nicht so leicht los. Bei Weibchen, die dauernd rollig werden, entzündet sich die Gebärmutter, sie muss daran operiert werden und kann daran auch sterben.“

Doch die flächendeckende Kastration sei nicht so leicht umzusetzen. Koch: „Denn erklär mal einem Landwirt, auf dessen Hof man seit Generationen die Katzen, die sich mit den Streunern mischen, sich unkontrolliert vermehren lässt, damit sie ordentlich Mäuse fangen, dass das so nicht mehr geht. Kommt doch schließlich immer mal wieder eine Seuche, die die Population verkleinert.” Oberg pflichtet bei: „Genau so sehen die das. Würde der Landwirt sie schon kastrieren, solange sie nicht zu zweit sind, wäre die Sache gegessen.“ Koch: „So ein Kater läuft schon mal zehn Kilometer für ein rolliges Weibchen. Ich habe daheim eine Katze, die ein Bauer ersäufen wollte. Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern sogar gesetzlich verboten.“

Etwa 8000 Katzen allein in Hamm

Aber in ihrer kurzen Lebenszeit können sie sich munter fortpflanzen: Rein rechnerisch könne ein Pärchen unkastriert nach zehn Jahren ungefähr zehn Millionen Nachkommen haben, so Höptner. Dafür seien aber optimale Lebensbedingungen nötig, und die sind auf der Straße nun einmal nicht gegeben. Tatsächlich liege die Mortalität im ersten Lebensjahr bei über 50 Prozent. Was aber passiert, wenn die Tiere sich explosionsartig vermehren, sieht man in Hamm: Dort tummeln sich um die 8000 Katzen, so Koch, im Kreis Soest ebenfalls etliche Tausend, so Oberg, „und so lange sich weiterhin Gemeinden weigern, die Kastrationspflicht einzuführen, wird sich da auch nicht viel ändern.“

Die Kastrationen kosten massiv Geld, gerade in Hamm, wo der Verein seinen eigentlichen Sitz hat. Höptner: „Wir haben im Laufe der Jahre über 100.000 Euro dafür in die Hand nehmen müssen. Bis ich eine Katze gegen eine Vermittlungsgebühr abgebe, hat sie mich das Fünffache gekostet.“ Koch: „Doch wer meint, dass man Glück nicht kaufen kann, hat noch nie eine Vermittlungsgebühr gezahlt. Vergangenes Jahr bekamen wir vom Land Fördermittel. Es bezuschusst Kastrationen mit 40 Euro pro Katze und 20 Euro pro Kater. Aber die günstigste Kastration liegt für Männchen bei 90 Euro, bei Weibchen bei 120 Euro, den Rest finanzieren wir über Spenden, und die gehen derzeit gegen null – und in diesem Jahr bekamen wir keine Fördermittel. Wir haben kein Geld mehr.“

Kontakt

Telefon 0175/4438111 (Herbert Höptner), zur Facebook-Seite

Da sind auch die Waffelstände des Vereins – zuletzt beim Lippetaler Fahrradthon – und die Einnahmen durch den Verkauf Kochs eigener kunsthandwerklicher Artikel ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und dennoch kommen immer wieder Hilferufe: In den Tagen nach dem Soester Einsatz sammelten sie allein in Hamm und Soest weitere sieben Würfe ein.

Fangaktionen sollten den Profis überlassen werden

Wobei Koch darum bittet, solche Fangaktionen den Profis zu überlassen, „sonst fangen alle wie wild Katzen ein, darunter dann auch vielleicht Freigänger, die ein Zuhause haben, und Muttertiere, die noch ihre Kitten verpflegen, die von ihr nicht mehr aufgezogen und sozialisiert werden können. Und selbst, wenn man es schafft, auch die Kitten zu retten, ist es sehr schwer, sie den Müttern zuzuordnen, andernfalls müssen sie sonst mit der Flasche aufgezogen werden.“

Auch Oberg bittet darum, in solch einem Fall verständigt zu werden: „Es ist die Aufgabe der Tierheime, diese Tiere einzufangen und kastrieren zu lassen“, auch wenn die Tierärzte dafür zum Teil schon Überstunden machen müssten. Außerdem: Privatpersonen sei es gesetzlich gar nicht erlaubt, Fallen aufzustellen, weiß Koch: „Man braucht eine Befähigung nach Paragraf 11a des Tierschutzgesetzes. Um die zu bekommen, muss man sogar einen kostenpflichtigen Kurs mit Prüfung abschließen. “

Auch in Warstein gab es kürzlich eine Rettung von Katzenbabys: Ein Autofahrer fand fünf Tiere im Straßengraben an einer Bundesstraße. Wenig später wären die Kätzchen wohl tot gewesen.

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