Theatermarathon im Revier: „Odyssee Europa“

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Das Gesicht zur Fratze entstellt durch weiße Masken: Jakob Schneider spielt Odysseus am Theater Dortmund.

ESSEN – Innenstadt Essen, Samstag, 10 Uhr. Das Grillo-Theater hat sich in ein Terminal verwandelt, bei dem 400 Reisende einchecken. Die sechs Stadttheater des Ruhrgebiets haben sich zur Kulturhauptstadt die „Odyssee Europa“ einfallen lassen, bei der Inhalt und Form zur Deckung gebracht werden. An zwei Tagen sieht der Besucher sechs Stücke, in denen europäische Autoren Homers Stoff neu deuten, eine maßlose Überdosis Bühnenkunst. Gleichzeitig unternehmen sie eine Reise an unvertraute Orte zwischen Moers und Dortmund. Ein Abenteuer in mehrfacher Hinsicht. Von Ralf Stiftel

Das Grillo-Theater beginnt mit einer Koproduktion. Der polnische Theatermacher Grzegorz Jarzyna brachte Akteure des TR Warszawa aus Warschau mit, um „Areteia“ zu inszenieren. Das handelt von der Heimkehr des Helden nach Ithaka, zu zu seiner von Freiern umworbenen Frau Penelope und seinem ihm Sohn Telemach. Mit Lichtprojektionen, Live-E-Gitarren-Musik (Andy Manndorff), fein choreografierten Bewegungsabläufen, die sich spiegeln und wiederholen, und einem dressierten Hund entstehen suggestive Bilder. Jarzyna betont das Vatermord-Motiv: Kronos tötete seinen Vater und wurde von seinem Sohn Zeus getötet. Das Schicksal erleidet auch der heimkehrende Heros, von Andreas Grothgar mit großer physischer Präsenz verkörpert. Die Götter sprechen Polnisch (mit Übertitelung), was ihre Fremdheit vermittelt. Großartig Jan Peszek, der lange stumm spielt und ohne Worte so viel melancholische Komik ausdrückt. Der Aufwand fesselt eher als der Text. Trotzdem viel Beifall.

So viel, dass die Wartenden draußen sich die Zeit mit dem Steigerlied vertreiben. Gastgeber und Weggefährten erwarten die Reisenden, die aus dem Theater blinzelnd ins Tageslicht treten. Wir treffen Romy, die uns in Holsterhausen das „Ruhrpott-Café“ zeigt, einen Nachbarschaftstreff, wo man über Käffchen und Zigarette schnell beim „Du“ landet. Romy findet, dass die Zeit für Sehenswürdigkeiten zu knapp ist. Weil sie ihr Leben dort verbrachte, zeigt sie uns ihr Viertel, wo die Nachbarn im Sommer Straßenfeste feiern, als erste in Essen, auch wenn die im benachbarten Rüttenscheid inzwischen das bekanntere Fest haben. Andere Irrfahrer essen die beste Currywurst von Bochum oder trinken eins in der Brauereigaststätte Hibernia in Gelsenkirchen. Pünktlich erreichen wir das Schauspielhaus Bochum.

Roland Schimmelpfennig enthüllt uns den wahren Odysseus. „Der elfte Gesang“ zeigt den „Listenreichen“ bei Kirke, mit der er ein Jahr lang täglich dreimal das Lager teilt, während seine Gefährten von der Zauberin in Schweine verwandelt wurden (bei Homer ist das der zehnte Gesang). Der deutsche Dramatiker bringt einen Schnellschuster auf die Bühne, eine Supermarkt-Verkäuferin, einen Chirurgen mit blutigem Kittel. Aber sie sprechen im gehobenen Ton der antiken Gesänge. Wolfgang Michael demontiert den Helden, sein Odysseus ist ein hagerer, nervöser Kettenraucher, der skrupellos die anderen vorausschickt. Nur kalte Häme kennt dieser Zyniker für seine toten Mitstreiter, den dicken und dummen Ajas (Oliver Stern) zum Beispiel und Achilleus (Marco Massafra). Das Denken bremst seine Sprache, langsam zerkaut er die Wörter. Später holt ihn die Trauer ein, Michael spielt mit großer Präzision den Betrüger als Leidenden. Lisa Nielebock inszeniert den Text statisch, in Monologen, auf einer Kastenbühne. Die Schauspieler sind großartig. Der Text sprachlich geschliffen, abgründig. Die Zuschauer müssen sich anstrengen.

Zeit zur Ruhe bleibt nicht. Vor dem Theater treibt eine Frau per Megaphon die Reisenden in Busse. Nun geht es durch Vororte mit alten Backsteinhäusern bis ins Industriegebiet, einmal um die Schrottfirma. Zu Fuß gehen wir zum Rhein-Herne-Kanal, besteigen die Santa Monika II, wo uns traute Weisen von Roland Kaiser empfangen. Weiter geht's auf dem Kanal, durch die Dunkelheit unter dem Vollmond. Wir stärken uns mit Prager Schinken und Sauerkraut. Das Ehepaar aus Bergneustadt, das sich die Fahrt zur Silberhochzeit gönnt, ist entzückt. Dass hier Schiffe fahren...

Ein weiterer Bus bringt uns zum Theater Oberhausen. Der irische Dramatiker Enda Walsh blickt auf „Penelope“ und mehr noch auf die Freier, die um sie werben. Vier Kerle leben seit Jahren in einem trocken gelegten Pool, haben sich aus Latten und Plastikfolie ein schäbiges Obdach geschaffen. Ihre Badehosen sitzen enger als früher, man sieht die Wampen, die haarigen Schienbeine. Täglich versuchen sie, vor einer Überwachungskamera das Herz der Schönen zu gewinnen, die stumm aus dem Fenster auf das Elend blickt. Dunn, Fitz, Burns und Quinn hassen einander, aber sie haben nur sich. Wunderbar komisch sind die Wortgefechte in dieser kruden Mischung aus geerdetem Volkstheater und Beckett'scher Verzweiflung. Spätestens wenn Michael Witte als Quinn mit der längsten Matte und der knappsten Hose ein Würstchen mit dem Gasbrenner flambiert und hämisch vor den anderen verzehrt, haben dieser Mann, seine hungrigen Genossen und das von Tilman Knabe rasant inszenierte Stück unser Herz erobert.

Es geht auf Mitternacht zu. Wir fahren heim. Der zweite Tag beginnt für uns im Theater an der Ruhr in Mülheim. Auch der ungarische Autor Péter Nádas blendet im „Sirenengesang“ Homers Helden aus, blickt vor allem auf die drei Söhne. Denen tut die Abwesenheit des Vaters nicht gut. Sie ziehen durch Spielhallen und verprügeln willkürlich Menschen (da klingen Medienbilder an von Jugendgewalt in der Münchner U-Bahn), sie vergewaltigen, sie überziehen die Welt mit Gier, Müll, Krieg. Prinzipal Roberto Ciulli inszeniert den Text etwas zu deutlich auf eine Botschaft hin. Aber das Schlussbild im Park mit der geflügelten Nike auf der Deponie im aufkommenden Sturm packt das Publikum.

Die Fahrt geht durch endlose Vorortstraßen über Duisburg nach Moers, ins Schlosstheater. Emine Sevgi Özdamar hat eine Umkehrung der Odyssee geschrieben. Ihr Traumspiel „Perikizi“ handelt von einer Türkin (Katja Stockhausen), die in ihre Fremde reist, nach Europa. Die deutschtürkische Autorin erzählt märchenhaft von Rassismus, aber auch von Ausgrenzung unter den Migranten selbst. In einer alten Industriehalle lässt Regisseur Ulrich Greb sechs Akteure Raumtheater spielen, baut Mauern aus Umzugskartons, lässt drei Huren auf Trapezen schwingen und drei Hühner durch einen Wald aus Notbetten ätzen, mit wilder türkischer Festmusik. Das spart nicht an Kritik, Poesie, Witz, und die bildermächtige Geschichte endet auch noch hoffnungsfroh, dass alle beglückt ein Glas Tee trinken, ehe sie den Bus besteigen.

Kein Stau, und so erreichen wir glücklich nach einer Stunde das Straßenbahndepot in Dortmund, in dem die Tafel fürs Festmahl aufgebaut ist, eine Schlemmerei mit orientalischen Gewürzen. Die Straßenbahn bringt uns durch den Regen zum Schauspielhaus Dortmund, zum Schlusskapitel mit Christoph Ransmayrs „Odysseus, Verbrecher“. Auch der österreichische Autor dekonstruiert den Heros, und er spart nicht an tagesaktuellen Anspielungen wie Kollateralschäden, Ölfeldern und Uranminen. In der Regie von Michael Gruner spielt Jakob Schneider einen von der Gewalt traumatisierten Soldaten, dem die Seelen seiner Opfer in Tagträumen erscheinen. Die Deformationen einer Kriegsgesellschaft spiegelt Gruner darin, dass die Lebenden weiße Masken tragen. Eine strenge Arbeit, die besonders durch Schneiders intensive Darstellung überzeugt.

Eine letzte Busfahrt noch zurück nach Essen. Der Busfahrer zeigt uns das Stadion des BVB und witzelt – als Schalke-Fan – über dessen „Biene-Maja-Beine“. Die Reisenden stecken voller Eindrücke. Und wünschen doch gleich eine Fortsetzung dieses besonderen Unternehmens.

Die sechs Auftragswerke werden in die Spielpläne der Bühnen übernommen. Die Odyssee Europa gibt es noch vier mal: 6./.3., 13./14.3., 2./3.4., 22./23.5. mit Übernachtung bei einem privaten Gastgeber oder ohne Übernachtung. Tickets bei den Bühnen, z.B. Theater Dortmund, Tel. 0231/50 27 222,

http://www.odyssee-europa.de

Die Stücke als Buch: Uwe B. Carstensen/Stefanie von Lieven (Hgg.): Theater Theater. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 456 S., 9,95 Euro

Quelle: wa.de

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