Frau schwer erkrankt:

Kläranlage doch direkte Quelle der Legionellen?

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Seit gestern liegt der Analyse-Beweis vor. Die Legionellen aus der Kläranlage zogen über die Wäster ins Esser-Rückkühlwerk und wurden als Aerosol in der Luft zur schweren Gesundheitsgefahr. ▪

WARSTEIN ▪ Die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität war vergebens: Im „Maria Hilf“ ist von Sonntag auf Montag eine schwer erkrankte Lungenentzündungs-Patientin aufgenommen worden, bei der eindeutige Symptome jener „Legionella pneumophila“ vorliegen, die die Massenerkrankungswelle mit nunmehr 165 Fällen ausgelöst hat.

Von Reinhold Großelohmann

Vor diesem Hintergrund musste der Krisenstab am Montagnachmittag auf die von der Bevölkerung erhoffte Entwarnung verzichten. „Ich weiß, dass wir alle Beteiligten auf eine harte Probe stellen, aber wir können die Lage nicht beschleunigen“, sagte Landrätin Eva Irrgang. Die Frau war am Sonntag im „Maria Hilf“ mit hohem Fieber eingeliefert worden und befindet sich auf der Intensivstation. Bei ihr liege „das Vollbild einer Legionellen-Infektion“ vor, erläuterte Dr. Andreas Brockmann vom Kreis-Gesundheitsamt. Die maßgeblichen Entzündungsparameter seien im Blut der Patientin nachgewiesen worden, außerdem sei der Legionellen-Antigen-Nachweis im Urin positiv gewesen. „An der Diagnose ist nicht zu rütteln“, so Dr. Brockmann.

Nach den derzeitigen Erkenntnissen sind bei der betroffenen Frau erste Symptome „Mitte bis Ende letzter Woche“ aufgetreten. Dies wäre deutlich nach Samstag, 31. August, dem Ende der maximalen zehntägigen Inkubationszeit, die denkbar gewesen wäre, wenn sich ein Mensch am letzten Tag des Betriebs des Esser-Rückkühlwerks durch die Atemluft infiziert hätte. Es würde bedeuten, dass eine weitere Quelle besteht, die nach dem Abstellen der Esser-Anlage am 20. August noch Legionellen in die Luft geblasen hätte. Sollte sich dies erhärten, werde die Ursachensuche mit dem bereits angewandten Raster fortgesetzt, so Eva Irrgang.

Allerdings sind die Recherchen zum genauen zeitlichen Ausbruch der Symptomatik noch im Gange. Wegen der schweren Erkrankung kann die Patientin nur begrenzt befragt werden. „Hier können die Angehörigen helfen“, sagte Dr. Brockmann. Es sei berichtet worden, dass die Frau in den Tagen vor dem Ausbruch der Krankheit „noch sehr aktiv gewesen ist“.

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Landrätin Eva Irrgang verwies darauf, dass die neue Erkrankung wohl der maßgebliche, aber nicht der alleinige Grund dafür sei, dass die gültigen Empfehlung zum Leidwesen der Warsteiner Bevölkerung noch bis mindestens Donnerstag aufrecht erhalten werden müssen. Inzwischen sei die Feintypisierung der Legionellen in der Kläranlage erfolgt. Dabei sei nunmehr eindeutig bewiesen, dass es sich um den gleichen „epidemischen Stamm“ handelt wie bei den Patienten, so dass der Beweis für die „Kausalkette“ von der Kläranlage über die Wäster zum Esser-Rückkühlwerk vorliege.

Gerade vor diesem Hintergrund sieht es die Landrätin als wichtig an, dass der Ruhrverband als weitere Maßnahme auch noch für eine Abdeckung der Kläranlage sorgt. „Wir benötigen dies als letztes Quentchen Sicherheit, weil wir nun wissen, dass unser Stamm in der Anlage ist.“ Nach wie vor gehe sie wie auch die Experten im Krisenstab davon aus, dass die Legionellen in der Kläranlage nicht direkt in die Atemluft gelangt seien und die Kläranlage keine direkte Quelle sei.

Kreis-Sprecher Wilhelm Müschenborn kündigte als weitere Maßnahme des Ruhrverbandes den Einbau einer vergrößerten UV-Anlage an. Die am Freitag installierte Anlage reduziert den Legionellen-Anteil auf 70 bis 90 Prozent. „Die Anlage muss größer dimensioniert sein“, sagte Müschenborn.

Woher genau die Legionellen in der Kläranlage stammen und in welchem Grad eine Ausbreitung im Belebungsbecken selbst möglich ist, dafür gibt es noch keine Hinweise. „Hierzu liegen noch nicht alle Analysen vor, wir können keine voreiligen Schlüsse ziehen“, sagte Dr. Andreas Brockmann.

Markus Rüdel, Sprecher des Ruhrverbandes, bestätigte gestern, dass die veränderte Technik seit Freitagabend an der Kläranlage in Betrieb ist. Dort wird Sauerstoff nun von unten in das Belebungsbecken eingeblasen, damit jegliche Aufwirbelung von Wasser verhindert wird. Zudem ist die Ultraviolett-Behandlung eingebaut worden.

Wie eine derartige Legionellen-Konzentration im Belebungsbecken überhaupt entstehen konnte – der vom Kreis beauftragte Experte Prof. Dr. Martin Exner berichtete nach der verspäteten Proben-Entnahme von 2,5 Millionen pro 100 Milliliter – dazu könne der Ruhrverband zum jetzigen Zeitpunkt nichts sagen, so Sprecher Markus Rüdel. „Legionellen wurden von uns standardmäßig nie untersucht“, sagte Rüdel. Erst jetzt starte landesweit eine Vergleichuntersuchung. Dabei sollten 24 Kläranlagen intensiv beprobt und untersucht werden. „Bis dahin haben wir keine Vergleichszahlen. Was kommunale Kläranlagen angeht, findet man weltweit in der Literatur zur Legionellen-Belastung keine Angaben“, so Rüdel. Diese Vergleichsbefunde seien „Teil der Ursachenforschung“. Auch der Ruhrverband gehe weiter davon aus, keine Rolle als direkte Quelle gespielt zu haben.

Zwei Besonderheiten machen die Warsteiner Kläranlage aus. Zum einen ist die Temperatur im Belebungsbecken wegen der eingeleiteten Idustrie-Abwässer um etwa vier Grad erhöht. Allerdings sind die selbst im Hochsommer damit erreichten maximalen 20,5 Grad für eine Legionellen-Entwicklung ungünstig. Zum anderen war der Kreiselbelüfter, eine Technik die der Ruhrverband 90 Jahre eingesetzt hat, unter den 68 Ruhrverbands-Kläranlagen nur noch in in Warstein sowie in Eslohe und in Witten-Herbede vertreten.

Landrätin Eva Irrgang forderte die Bevölkerung auf, das Wasser-Entnahmeverbot aus Wäster und Möhne weiter sehr ernst zu nehmen. Am Bürgertelefon unter 02921/303030 werden täglich von 8 bis 20 Uhr weiter alle Fragen beantwortet.

Quelle: wa.de

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