Studie zu Jugendhaft: Nur fünf Prozent nicht von Gewalt betroffen

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Gehört Gewalt in NRW-Jugendgefängnissen zum Alltag? Einer Studie zufolge sind 95 Prozent der Häftlinge betroffen. Das Justizministerium entgegnet: Die Fallzahlen sinken seit Jahren.

Ob Tritte oder Schläge: Körperliche Gewalt an Mithäftlingen ist auch in Jugendgefängnissen keine Ausnahme. Das ist das Zwischenergebnis einer Studie des Instituts für Kriminologie an der Universität Köln. Beinahe die Hälfte von 576 befragten Häftlingen in Jugendstrafanstalten in Thüringen und NRW hatte nach eigenen Angaben in den drei Monaten vor der Befragung einen Mithäftling getreten, geschlagen oder verletzt.

Ein Sprecher des NRW-Justizministeriums sagte am Dienstag, man sei sich des Gewaltpotenzials in Jugendgefängnissen bewusst und verfolge "konsequent jeden Hinweis". Jedoch bekämen die Vollzugsbeamten häufig nichts von der Gewalt mit, sagte der Sprecher: "Es gibt hier eine recht hohe Dunkelziffer." Über die Befragung, aus der schon mehrfach Zwischenergebnisse bekannt wurden, wollte am Dienstagabend auch das NDR-Magazin "Panorama" berichten.

Das Forscherteam der Studie "Gewalt und Suizid im Jugendstrafvollzug" um Projektleiter Frank Neubacher hatte seit Mai 2011 viermal Häftlinge in mehreren Gefängnissen unter anderem per Fragebogen interviewt. Für die genannten Ergebnisse wurden Bögen aus Mai und August 2011 ausgewertet. Laut der Studie hatten lediglich fünf Prozent der teilnehmenden Häftlinge während der drei Monate vor der Befragung weder als Opfer noch als Täter mit Gewalt zu tun - sei sie physischer oder psychischer Natur.

Der Ministeriumssprecher trat dem Eindruck entgegen, größere Tätlichkeiten gehörten zum Alltag für die derzeit rund 1500 jugendlichen Gefangenen in NRW. Während der vergangenen Jahre habe die Zahl der Verdachtsfälle kontinuierlich abgenommen: Während 2007 noch 19 Verdachtsfälle "grober Gewalt" untersucht worden seien, habe es 2011 nur noch 3 Fälle dieser Art gegeben. Die Verdachtszahlen im Bereich geringerer Gewalt hätten sich von 2008 bis 2012 auf 136 Fälle nahezu halbiert. Die sinkenden Zahlen wertete er als "erfreulichen Erfolg der Anstrengungen zur Gewaltprävention".

In ihren Zwischenergebnissen betonen die Kölner Forscher, dass es in Jugendgefängnissen keine statischen Täter- und Opferrollen gebe: "Jemand, der gerade noch Aggressor war, kann im nächsten Moment Opfer werden." So gaben 70 Prozent der Befragten an, psychische oder körperliche Gewalt selbst ausgeübt, aber auch unter ihr gelitten zu haben. - dpa

Quelle: wa.de

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