Streit um Christbaum-Anbau im Sauerland

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Wilhelm Becker-Gödde packt in Bestwig einen Weihnachtsbaum ein. Die Christbaum-Produzenten im Sauerland haben Hochkonjunktur. 15-Stunden-Tage sind an der Tagesordnung.

BESTWIG - Von Weihnachtsfrieden keine Spur. Im Sauerland wird heftig um den immer weiter ausufernden Anbau von Christbäumen gestritten. Anwohner der Kulturen fürchten den Einsatz von Chemie und die Anbauer fühlen sich zu Unrecht verteufelt.

Von Jörg Taron

Die Christbaum-Produzenten im Sauerland haben Hochkonjunktur. 15-Stunden-Tage sind an der Tagesordnung. Doch die Freude der Anbieter über das gut Geschäft ist nicht ungetrübt: "Schlimm ist, dass wir von Kritikern angegriffen werden statt mit uns zu reden", sagt Wilhelm Becker-Gödde. Der 36-Jährige ist einer von vier Produzenten, die ein Gütesiegel für ihre Weihnachtsbäume entwickelt haben. Doch mit ihrem "Fair-Forest-Siegel" haben sie eine Protestwelle losgetreten und Naturschutzverbände sowie eine Bürgerinitiative aus dem Sauerland gegen sich aufgebracht.

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"Das ist eine reine PR-Masche" sagt Rudolf Fenner, Fachreferent Wald von Robin Wood in Hamburg. "Irreführend ist, dass dieses Siegel als besonders ökologisch, nachhaltig und naturnah angepriesen wird und man denkt, man kriegt da ein wirkliches Ökoprodukt." Lediglich mit dem Verzicht auf die weltweit als umweltschädlich in die Kritik geratenen Tallowamine (Unkrautbekämpfungsmittel) gingen die Fair-Forest-Produzenten über die derzeitigen gesetzlichen Regelungen hinaus. Besonders schlimm findet Fenner, dass mit dem Begriff "Forest" (engl. "Wald") der Verbraucher in die Irre geführt werde: "Die Bäume kommen nicht aus dem Wald, sondern von Plantagen." Und auch auf Gift- und Düngemittel-Einsatz werde nicht verzichtet.

Becker-Gödde sieht sich und seine drei Kollegen zu Unrecht in der Kritik. Immerhin gebe es mit dem Siegel einen ersten Ansatz, sich selbst Regeln aufzuerlegen. "Ökologischer Standard - von der Aufzucht bis zur Ernte", steht auf der Internetseite. "Das ist noch in der Entwicklung", betont Becker-Gödde. "Wir haben auch nie gesagt, dass wir "Bio" sind. Das wollen wir auch nicht." Aber er hatte gehofft, dass sich auch andere Produzenten von Weihnachtsbäumen dem Siegel anschließen und dann gemeinsam mit den Kritikern Regeln für den Anbau verbindlich gemacht würden. Das scheint ihm nach der Kritikwelle nun fraglich.

Besonders sauer sind die Mitglieder der Initiative "Giftfreies Sauerland" auf die Christbaum-Produzenten. Denn direkt vor ihrer Haustür enden die Plantagen, auf denen Nordmann, Blaufichte, Nobilis und Co. gezüchtet werden. Spritzmittel gelangen in ihre Gärten, sie fürchten Gesundheitsschäden. Matthias Scheidt, Sprecher der Initiative: "Wir werden weiter gegen das Fair-Forest-Siegel vorgehen und im nächsten Jahr dann versuchen, den Anbau hier zu verbessern." Die Gegner wollen zumindest Hecken oder Laubholzstreifen zwischen ihren Grundstücken und den Plantagen. "Das könnte die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln verringern und auch ein bisschen Sichtschutz sein", sagt Scheidt.

Robin Wood-Experte Fenner schätzt, dass weniger als ein Prozent der Christbäume ökologisch produziert werden. "Das ist sehr viel weniger als das, was bei den Lebensmittelproduktionen üblich ist." Ein Weihnachtsbaum aus Kunststoff sei aber auch keine Alternative: "Wer einen PVC-Baum aufstellen will, der holt sich wirklich Gesundheitsgefahr in sein Wohnzimmer."

Wilhelm Becker-Gödde hat noch einige Tage in seinen Kulturen zu tun. Auch die Wochenenden vor dem Fest sind bei ihm immer ausgebucht. "Es kommen viele Familien, um sich ihren Baum selbst auszusuchen und zu schlagen." Ab dem 24. Dezember kehrt dann auch bei dem 36-Jährigen ein wenig Ruhe ein. Doch der Streit um die Produktionsmethoden geht auch nach den Feiertagen weiter. - lnw

Quelle: wa.de

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