Am Strand von Dortmund

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Guntram Schneider (4. von links) vor der DITIB-Moschee an der Kielstraße in der Dortmunder Nordstadt. „Sprache ist ein Schlüssel zur Integration“, erklärte der NRW-Integrationsminister vor Imamen (Vorbetern). ▪

DORTMUND ▪ Das Lexikon nennt es sehr grundsätzlich das „Wiederherstellen eines Ganzen“: Integration – das Wort, das politisches Ziel und Reizwort in einem geworden ist.

Menschen von außerhalb der Gesellschaft sollen in sie hineingeholt werden. Integration kann so auch zum Beruf werden: Guntram Schneider (SPD), Minister im Kabinett von Hannelore Kraft, zuständig für Arbeit, Soziales und – auch – Integration im Lande Nordrhein-Westfalen. Noch in diesem Jahr will Schneider den Entwurf eines Integrationsgesetzes vorlegen. Um dazu nützliche Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, hat sich der Minister, begleitet von seiner Staatssekretärin Zülfiye Kaykin, auf eine Reise in Sachen „Integration“ begeben, die beide dieser Tage in die Dortmunder Nordstadt führte.

Die Dortmunder Nordstadt: Produkt der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts und menschlicher Schmelztigel, seit es sie gibt. Rund 55 000 Menschen leben hier, über 50 Prozent davon sind ausländischer Herkunft. In der Sprache der Ministerialbürokratie als „Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ bezeichnet, nennen es hier manche in Anlehnung an den berüchtigen New Yorker Stadtteil etwas deutlicher die „Bronx von Dortmund“.

Guntram Schneider, nicht nur Integrationsminister, sondern selbst Dortmunder, als der er nur drei Kilometer Luftlinie von der „Bronx“ entfernt lebt, will weg von der Stigmatisierung von Mensch und Ortsteil. „Vieles hier wird doch einfach nur schlecht geredet“, erklärt er im „Planerladen“, einem Vorzeigeprojekt zur Stadtteil- und Quartiersentwicklung. Schneider lobt die Urbanität und die Solidarität der Menschen im Stadtteil. „Das finden Sie in ganz NRW nicht.“

Man müsse, sekundiert ihm seine Staatssekretärin Zülfiye Kaykin, auch das Potenzial der Menschen mit Migrationshintergrund erkennen, nicht immer nur die Defizite beklagen. Eine, deren Potenzial erkannt wurde und die es genutzt hat, sitzt im Publikum. Es ist Semra Karatag (39), Polizeikommissarin. Heute mit Öffentlichkeitsarbeit im Dortmunder Polizeipräsidium befasst, war sie über Jahre Jugendkontaktbeamtin in der Nordstadt.

Dass es hier Kriminalität gibt, will sie – darauf angesprochen – nicht leugnen, aber vieles, was über den Stadtteil kursiere, sei ziemlich übertrieben. Sie jedenfalls habe sich hier noch nie unsicher gefühlt.

Langsam senkt sich die abendliche Dunkelheit über den Norden, als der ministerielle Tross in Begleitung von Polizistin Karatag im Nieselregen dem Nordmarkt zustrebt. Glaubt man den in Dortmund kursierenden Horrorgeschichten, dann ist das hier die schlimmste Ecke der Stadt, von allen sozialen Brennpunkten der heißeste. Drogen, Prostitution und der von manchem auch an diesem Tag geleugnete, aber allem Anschein wohl durchaus existente Arbeitsstrich sind hier anzutreffen. Männer hängen herum, sie werden stundenweise bei mieser Bezahlung für ebenso miese Jobs angeheuert. „Obwohl der objektive Beweis dafür noch aussteht“, wie einer aus dem Minister-Trupp betont. Eine Aktion des Zolls vor einiger Zeit habe jedenfalls keine illegale Beschäftigung an den Tag bringen können. Es war wohl der falsche Tag.

Wie ein Leuchtturm mutet derweil in der zweifelhaften Atmosphäre des etwa vier Hektar großen Geländes „Nordmarkt“ das dortige „Café Fink“ an – Strahlkraft, die auch im übertragenen Sinne gewollt ist. Denn das Café soll ein helles Licht gegen Elend und Kriminalität setzen, indem es ein anderes Publikum an den Ort lockt.

Minister Schneider bestellt sich im Lokal erst einmal ein Helles und erfährt nebenei, dass das Ziel der Umfeldverbesserung ein Stück weit erreicht werden konnte. Zumindest die Rauschgiftszene am Nordmarkt ist, flankiert durch vermehrte Polizeipräsenz, weitgehend verdrängt, was nicht zuletzt auch auf Druck der türkisch-stämmigen Bevölkerung geschah. Die Anwohner sahen ihre Kinder durch Dealer und Junkies gefährdet und „machten Putz“. Eine Idylle ist es trotz Leuchtturm auch heute noch nicht. Folgen verfehlter Integration oder Normalität einer Großstadt?

Vorstandsmitglied Staubach vom Planerladen erklärt die Nordstadt als „Strand“, der sie ist und immer gewesen sei. Menschen würden hier quasi neu angespült, und Integration gerate somit zwangsläufig zur Daueraufgabe – eine Aufgabe, für die allerdings immer weniger Geld vorhanden sei.

Dabei ist die neue Herausforderung für den Dortmunder Norden schon angereist: Die Zahl von Zuwanderern aus Bulgarien und Georgien sei in den vergangenen Monaten sprunghaft von rund 500 auf mehrere Tausend angestiegen. Wobei man die genauen Zahlen nicht kenne, da sich wohl viele auch illegal in Deutschland aufhielten, so eine Stimme aus dem Ministertross.

Auch dem Minister – mit dem ewigen Geldmangel konfrontiert – bleibt wenig mehr, als ins Klagelied von den leeren Kassen einzustimmen: „Der Bund hat seine Zuschüsse halbiert“, ärgert sich Guntram Schneider. Geld drucken kann auch er nicht. Aber immerhin Positionen treu bleiben: „Multikulti ist nicht tot“, hatte er zuvor vor türkischen Imamen erklärt, die sich erstmalig einem Deutschkursus unterzogen haben.

Mittlerweile will das nächste Projekt besucht sein: das Jugendzentrum Stollenpark, wo sich eine Gruppe dort besonders aktiver Jugendlicher zum Gespräch eingefunden hat. „Macht, wenn ihr könnt, eine Lehre – und nicht unbedingt als Friseur“, rät Schneider den versammelten Jugendlichen. In ein paar Jahren werde man sie alle hier, da ist sich Schneider sicher, „bitter nötig brauchen“. Die Jugendlichen lachen etwas unsicher. Dass der Minister für sie Lehrstellen im Gepäck hat, erwarten sie wohl realistischerweise nicht. Staatssekretärin Kaykin will noch wissen, ob sie hier deutsche Freunde haben. „Klar“, antwortet der Keckste unter ihnen, „die da!“ Und deutet mit dem Finger auf seine Banknachbarn. „Das sind alles Deutsche.“ Die dunkelhaarige Schar lacht. Integration kann auch überraschend sein. ▪ Lutz Kämpfe

Quelle: wa.de

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