„Stimmwechsel“: Ein Band über die Lyrik im Revier

Dieses Buch ist ein Bastard, aber damit passt es sehr gut ins Ruhrgebiet: „Stimmenwechsel – Poesie längs der Ruhr“ ist eigentlich zwei Bücher. Es vereint im ersten Teil 73 Gedichte von Autoren aus dem Ruhrgebiet mit elf Gedichtinterpretationen im zweiten Teil. Von Ralf Stiftel

Aber natürlich gehört das zusammen, um einen Querschnitt durch die Lyrik der Metropole zu geben. Das ist ja schon wunderbar instruktiv, wie Gerd Herholz uns an Nicolas Borns Gedicht „Es ist Sonntag“ heranführt, wie er uns geradezu eine Gebrauchsanweisung gibt für die Lektüre von Lyrik. Mehrmals lesen. Mit Muße. Mit Vorsicht und Zärtlichkeit. Mit Schönheit, verspricht Herholz, wird uns das Poem belohnen. Der Herausgeber des Bandes hat prominente Mit-Interpreten wie den Lyriker Ralf Thenior und Roger Willemsen.

Und auch der reine Lyrikteil bietet eine schöne Übersicht, angefangen mit Altmeistern wie dem Arbeiterdichter Günter Westerhoff, dem dichtenden Maler H. D. Gölzenleuchter und Hugo Ernst Käufer, dem Mitgründer des Werkkreises „Literatur der Arbeitswelt“. Ja, Zechen werden auch besungen, wie in Christina Müller-Gutkowskis Abgesang „Zeche Zollern (still, still)“. Kurt Küther widmet dem „Neubergmann“ eine nostalgisch-lakonische Kurzballade. Und Mevlüt Asar bringt die Perspektive des Gastarbeiters ein, der zurückblickt auf „die vergeudeten Jahre in der Fremde“. Aber es gibt eben auch alle klassischen Motive der Lyrik. Die Liebe, wie in Adrian Kasnitz‘ Ausflugs-Szene „Aufschnitt“. Die Natur, wie in Marion Gays verzauberndem Feldblick auf die „Maisfrauen“.

Der Tradition sind die Autoren sich bewusst. Inge Meyer-Dietrich setzt Rilkes dem resignierenden Panther ein rebellisches Nashorn entgegen. Dann gibt es noch unverhoffte Momente. Thomas Kade findet gar das „Darmzentrum Ruhr“ lyrikfähig. Peter Zontkowski gibt sich nostalgisch: „...wir zählten die Sterne/ überm Ruhrgebiet/ ein paar Jahre lang“. Das Revier hat viele Stimmen.

Gerd Herholz (Hg.): Stimmenwechsel. Poesie längs der Ruhr. Klartext Verlag, Essen. 149 S., 14,95 Euro 

Quelle: wa.de

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