NRW startet im Alleingang Antibiotika-Datenbank

[UPDATE 14 Uhr] ESSEN - NRW macht Druck im Kampf gegen Antibiotika bei der Hähnchenmast. Landes-Verbraucherschutzminister Remmel startete am Mittwoch eine freiwillige Datenbank zur Erfassung der Arzneimittel. NRW will ihre bundesweite verbindliche Einführung, der Bund reagierte mit Kritik.

Im Kampf gegen den übermäßigen Einsatz von Antibiotika für Masthähnchen hat Nordrhein-Westfalen in einem bundesweiten Alleingang eine Melde-Datenbank gestartet. Seit Mittwoch können Tierärzte und Züchter darin ihre verwendeten Antibiotika eintragen. Das freiwillige System soll den Behörden die Überwachung und Beratung erleichtern. Die Züchter sollen zugleich landesweite Durchschnittsmengen ablesen können, um eigenen übermäßigen Arzneimitteleinsatz zu erkennen, sagte Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) bei der Freischaltung im Essener Landesamt für Verbraucherschutz.

Ziel ist eine deutliche Verringerung der Arzneimittel, die zum vorbeugenden Schutz oft auch an gesunde Masthähnchen verfüttert werden. Experten machen die Antibiotika für die Verbreitung auch für den Menschen gefährlicher resistenter Keime verantwortlich. NRW strebe nach dänischem Vorbild zunächst eine Halbierung der Antibiotikamenge in den nächsten Jahren an, sagte Remmel. Die Züchter-Verbände hätten rege Teilnahme an der Datenbank zugesagt, vorerst bleibe aber alles freiwillig. Eine bundesweit verbindliche Vorgabe werde von Bundesministerin Ilse Aigner (CSU) bisher blockiert. NRW werde deshalb eine Bundesratsinitiative starten, kündigte der Landesminister an.

Das Bundesministerium reagierte mit Kritik an NRW. Remmel solle aufhören, sich hinter dem Bund zu verstecken, erklärte ein Berliner Ministeriumssprecher. Eine freiwillige Datenbank reiche nicht aus. Nötig seien mehr Kontrollen und die konsequente Ahndung von Verstößen in NRW. Die Bundesregierung werde die Gesetze weiter verschärfen, aber schon jetzt stünden den Ländern alle nötigen rechtlichen Instrumente gegen Antibiotika-Missbrauch zur Verfügung. Die bisherige Praxis in NRW bezeichnete der Aigner-Sprecher als "Armutszeugnis".

NRW ist mit knapp 57 Millionen Masthähnchen pro Jahr nach dem größten Erzeugerland Niedersachsen einer der wichtigsten Hähnchenproduzenten in Deutschland. Eine NRW-Studie hatte Ende 2011 landesweit in über 96 Prozent der untersuchten Fälle Antibiotika-Einsatz bei Masthähnchen nachgewiesen. "Wir wollen die Trendumkehr. Dafür steht die Datenbank als erster Baustein", sagte Remmel.

Nach einem am Dienstag präsentierten Gesetzentwurf will das Bundesverbraucherministerium die Regeln zur Anwendungsdauer und Dosierung von Antibiotika in der Hähnchenmast verschärfen. Zudem erhalten die Überwachungsbehörden einen besseren Zugriff auf Daten. Das Gesetz, dem der Bundesrat zustimmen muss, könnte im Herbst in Kraft treten. Umwelt- und Verbraucherschützer kritisierten die Pläne aber als unzureichend.

Die Nutzer der Antibiotika würden nicht klar benannt. Der Aigner-Entwurf sehe nur die Aufschlüsselung von Postleitzahlgebieten vor, sagte Remmel. Die NRW-Datenbank enthalte dagegen die Daten der einzelnen Betriebe. Dabei gehe es weniger um Bestrafung als um Beratung der Bauern. Das mit der Umsetzung betraute Landesamt für Verbraucherschutz rechnet im ersten Schritt mit einer Teilnahmequote von 20 bis 30 Prozent der NRW-Betriebe an der Datenbank. Er setze auf das Eigeninteresse der gesamten Branche, glaubwürdig und transparent zu produzieren, sagte Remmel.

Auch der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG, Carl-Albrecht Bartmer, hatte die Erzeuger zu mehr Informationen aufgerufen. Die Diskussionen um Keime in Hähnchenfleisch und den Einsatz von Antibiotika verunsicherten die Verbraucher. Deshalb dürften sich Landwirte nicht "hinter Stall- und Hofmauern zurückziehen", sagte Bartmer am Dienstag bei einer Tagung in Münster. - lnw

Quelle: wa.de

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