„In NRW stark in der Forschung“

+
Beate Rennen-Allhoff (58) ist seit zehn Jahren Rektorin der Fachhochschule Bielefeld. Die promovierte und habilitierte Psychologin ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern. ▪

Die Fachhochschulen in NRW erleben einen Boom. Das Land errichtet vier neue Fachhochschulen, doch die Zahl der Studierenden wächst überproportional. Über Chancen und Studienbedingungen sprach Detlef Burrichter mit der Vorsitzenden der Landesrektorenkonferenz, Prof. Dr. Beate Rennen-Allhoff.

Wie ist der Vorbereitungsstand zum doppelten Abiturjahrgang, der 2013 auf die Hochschulen zurollt?

Beate Rennen-Allhoff: Die Fachhochschulen haben schon jetzt einen so enormen Zuwachs gehabt. An meiner Hochschule in Bielefeld hatten wir bereits im vergangenen Jahr die Studierendenzahlen erreicht, die wir mit dem Wissenschaftsministerium für 2013 vereinbart hatten. Das Ministerium hat mit jeder Hochschule solche Zielvereinbarungen getroffen, die auf Prognosen basieren. Dafür waren wir gut gerüstet. Zu vermuten ist aber, dass auch diese Prognosen wieder zu niedrig liegen. Nach den Erfahrungen in der Vergangenheit sind sicher noch weitere Anstrengungen erforderlich. Wir hoffen, dass wir dann aber auch die erforderlichen Mittel erhalten, um die zusätzlichen Studienplätze ordentlich auszustatten. Es nützt ja nichts, einfach alle aufzunehmen. Es muss eine qualifizierte Ausbildung gewährleistet werden.

Zusätzlich werden die Studiengebühren in NRW ab dem Wintersemester 2011/12 wegfallen. Wie wirkt sich das auf die Hochschulen aus?

Rennen-Allhoff: In der Summe werden die Kompensationszahlungen geringer ausfallen als die Summe der Studienbeiträge 2011 gewesen wäre. Die Berechnungen sind nachlaufend. Da die Studierendenzahlen stark wachsen, fehlt aktuell also Geld. Das ist die landesweite Perspektive. Im Übrigen sind die Auswirkungen für die einzelne Hochschule sehr unterschiedlich. Die Hochschulen, die bislang 500 Euro Studiengebühren genommen haben, werden weniger einnehmen. Und diejenigen, die keine oder geringere Studiengebühren genommen haben, die werden sich finanziell deutlich verbessern. Eine Sondersituation ergibt sich bei den neuen Hochschulen, die nach den aktuellen Ist-Zahlen ihrer Studierenden im Jahr 2011 bezahlt werden.

Bedeutet das einen Verlust der Qualität der Lehre an einzelnen Standorten?

Rennen-Allhoff: Natürlich ist das so. Im Wesentlichen wurden mit den Studiengebühren Angebote finanziert wie Repetitorien, Tutorien, kleinere Lerngruppen und zusätzliche Studienberatung. Wo weniger Geld ist, da können Hochschulen leider auch nur weniger anbieten.

Sehen Sie auch Stellen gefährdet, die zusätzlich eingerichtet worden waren?

Rennen-Allhoff: Ja – aber an einzelnen Hochschulen in unterschiedlichem Maße. Ein Stellenabbau kann jedenfalls nicht generell ausgeschlossen werden.

Derzeit sind in NRW vier neue Fachhochschulen im Aufbau. Vor dem Hintergrund: Sehen Sie die praxisnahe Ausbildung der Fachhochschulen gegenüber der abstrakteren Universitätsausbildung künftig im Vorteil?

Rennen-Allhoff: Tatsache ist, dass die Fachhochschulen einen enormen Zuwachs haben. Bei den Universitäten ist der Zuwachs nicht so groß. Und es ist die Absicht der Landesregierung, den Anteil der Studierenden an den Fachhochschulen auszubauen – offensichtlich auch dem Bedarf folgend.

Halten Sie die Unabhängigkeit der Forschung angesichts der immer größeren Nähe der Fachhochschulen zu Wirtschaftsunternehmen und der Auflage, immer mehr Drittmittel einzuwerben, auch weiterhin für gewährleistet?

Rennen-Allhoff: Auf jeden Fall. Die Fachhochschulen haben sich im Bereich der Forschung ganz stark entwickelt. Die Auftragsforschung nimmt dabei nur einen kleinen Teil ein. Die Fachhochschulen sind immer besser gerüstet, sich auch in den landesweiten und nationalen Wettbewerben in der Forschung zu positionieren. Da wird der Zuwachs vor allem stattfinden. Viele der Ausschreibungen, auch auf EU-Ebene, erfordern eine Zusammenarbeit auch mit Unternehmen. Aber dabei muss immer die Unabhängigkeit gewährleistet bleiben. Sonst darf so etwas überhaupt nicht öffentlich subventioniert werden.

Wir haben aktuell eine Diskussion um mangelnde Akzeptanz des Bachelor-Abschlusses am Arbeitsmarkt. Können und müssen die Hochschulen hier nachbessern?

Rennen-Allhoff: An den Fachhochschulen hat es durch die Umstellung auf Bachelor und Master keine grundlegenden strukturellen oder organisatorischen Veränderungen gegeben. Die Fachhochschulen hatten immer schon gut strukturierte Studiengänge. An den Universitäten war das anders: Gerade in den geisteswissenschaftlichen Fächern ist nach meiner Wahrnehmung der größte Wandel vollzogen worden. Dabei ist man vielfach über das Ziel hinausgeschossen. Wenn zum Beispiel Anwesenheitskontrollen in allen Vorlesungen durchgeführt werden, dann führt das natürlich zu Akzeptanzproblemen. Die Akzeptanz am Arbeitsmarkt ist aber gut. Das bestätigen aktuelle Studien. Wir haben von Anfang an darauf geachtet, mit den Verbänden und Kammern zusammen zu arbeiten bei der Umsetzung der Bachelor-Vorgaben. Die Fachhochschulen haben das Spektrum der Gestaltungsmöglichkeiten einigermaßen gut genutzt. Nicht alle Bachelor sind sechs Semester. Wo es sinnvoll ist, sind sie auch sieben oder acht Semester lang. Also immer an der Sache und Akzeptanz orientiert.

Der heutige Bachelor-Abschluss ist also gleichwertig mit den alten Diplom- und Magister-Abschlüssen?

Rennen-Allhoff: Der Diplom-Studiengang lag so zwischen Bachelor und Master und kann insofern nicht gleichwertig sein. Der Magisterabschluss entspricht dem Master so wie das Universitätsdiplom.

Gibt es zu wenige Master-Studienplätze?

Rennen-Allhoff: An vielen Hochschulen kommen jetzt erst die ersten Bachelor-Absolventen. Insofern fehlt im Moment noch der Überblick, wie sich die Nachfrage nach dem Master entwickeln wird. Die Fachhochschulen haben zum Teil zögernd die Masterstudiengänge eingerichtet. Viele Bachelor-Absolventen wollen erst einmal Berufserfahrungen sammeln. Es ist im Übrigen ja nicht die letzte Gelegenheit, einen weiteren Hochschulabschluss zu bekommen. Der Master kann zum Beispiel später berufsbegleitend gemacht werden.

Das zum Wintersemester 2011 geplante neue zentrale Anmeldesystem für Studienanfänger ist nicht rechtzeitig einsatzbereit. Wann soll es denn nun starten?

Rennen-Allhoff: Das wissen wir nicht. Das Verfahren ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Wirklich wirkungsvoll wird es auch nur dann sein, wenn ausnahmslos alle Studiengänge dort eingespeichert sind. Dann können die Studieninteressenten auf einen Blick alle Studiengänge, die für sie interessant sind, erfassen und dann ihre möglichen zwölf Wünsche platzieren – unabhängig davon, ob die Studiengänge zulassungsbeschränkt sind oder nicht. Sonst wäre parallel ein zweites Verfahren notwendig.

Erwarten Sie dennoch einen reibungslosen Ablauf zum Start des Wintersemesters?

Rennen-Allhoff: Die Hochschulen müssen vorübergehend in mehr Personal investieren. Denn das Service-Verfahren, das die frühere ZVS angeboten hat, das an vielen Hochschulen fast die Hälfte der Bewerber ausmacht, fällt ja weg. Das müssen die Hochschulen jetzt in Eigenregie stemmen. Wir bereiten uns darauf mit Hochdruck vor. Auslöser für die Änderung des Anmeldesystems war, dass viele Studierende erst nach dem Start ins Semester ins Studium gestartet sind. Dann waren sie desorientiert. Viele Hochschulen haben dann eine zweite Orientierungsphase eingeschoben.

Sie können also nicht ausschließen, dass es auch in diesem Wintersemester für viele Studenten wieder einen holprigen Start ins Studium geben wird?

Rennen-Allhoff: Das wird ähnlich ablaufen wie in der Vergangenheit – aber mit weitaus größeren Zahlen. Wir sind extrem gefordert.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare