Wenn Brücken zu Blockaden werden

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Die Leverkusener Rheinbrücke ist seit dem vergangenen Sommer gesperrt.

PULHEIM -  Die gesperrten Autobahnbrücken über den Rhein bei Leverkusen und Duisburg nerven nicht nur Pendler, sondern erschweren vor allem Spediteuren die Arbeit. Ein Ortsbesuch in Pulheim.

Von Robin Kunte 

Michael Fischer winkt ab. Kopfschütteln, das Handy ans Ohr gepresst, ein gestresster Blick. Das Festnetztelefon klingelt. Nein, der Disponent der Spedition Husch-Transporte hat gerade wirklich keine Zeit für ein Gespräch. Es ist Freitagvormittag, da herrscht immer Hochbetrieb im Planungsraum des mittelständischen Logistikunternehmens aus Pulheim bei Köln.

Die Routen der Fahrer müssen so geplant werden, dass es alle noch bis zum Start ins Wochenende zurück zum Standort schaffen. Das ist nicht immer einfach - und wenn die Infrastruktur nicht mitspielt, kann das im Extremfall zu einer unlösbaren Aufgabe für Fischer werden.

"Der ärgert sich wegen der Brücke", sagt Helmut Schmitz im breiten Kölsch und lacht. Der Inhaber der Spedition meint das aber nur halb im Spaß. Denn gleich vor seiner Haustür sorgt ein solches Bauwerk für großen Ärger: Die Leverkusener Rheinbrücke auf der Autobahn 1 ist seit dem vergangenen Sommer für Fahrzeuge ab einem Gewicht von 3,5 Tonnen gesperrt, weil in Schweißnähten Risse entdeckt worden sind. Die baugleiche Rheinbrücke über die A40 bei Duisburg ist derzeit ebenfalls für den Schwerlastverkehr dicht.

Anfang der nächsten Woche will der Landesbetrieb Straßen.NRW bekanntgeben, wie lange die Teilsperrung hier noch dauern soll.

30 Kilometer Umweg bei 25 Kilometer eigentlicher Anfahrt

Zurück nach Pulheim: Die Fahrer von Helmut Schmitz müssten eigentlich mehrmals über die vielbefahrene Leverkusener Brücke. Seine Firma transportiert Verpackungen, hauptsächlich Kartons. Pulheim liegt nur wenige Kilometer vom Rhein entfernt, viele Ziele sind gleich gegenüber. Doch wenn eine Lieferung zum Beispiel nach Leverkusen soll, müssen die Fahrer weite Wege einplanen. "Das sind pro Fahrt 30 Kilometer Umweg, bei normalerweise 25 Kilometer Anfahrt", sagt Schmitz. Stauanfällige Ausweichrouten führen entweder über Düsseldorf oder den Kölner Süden.

In der Logistikbranche kommt es oft auf Minuten an. Brückensperrungen wie in Leverkusen oder in Duisburg bringen die Planungen durcheinander - und kratzen am Umsatz. Durch längere Fahrtzeiten steigen die Personalkosten, es wird mehr Sprit verbraucht, die Mautgebühren fallen höher aus. Schmitz hat ausgerechnet, was ihn die Sperrung im Monat zusätzlich kostet: "Im Durchschnitt sind das 600 Euro pro Fahrzeug." Bei 21 Lastwagen ergibt das 12 600 Euro im Monat. Nicht wenig Geld für einen Mittelständler mit 38 Angestellten.

Auch für seine Mitarbeiter ist das Fahrverbot über die wichtige Rheinquerung keine angenehme Situation. "Die Umwege gehen schon auf die Nerven", sagt Trucker Guido Hochgürtel. "Wenn du Pech hast, stehst du zwei Stunden im Stau." Wenn es ganz schlecht läuft, dann verbringt Hochgürtel die Freitagnacht schon mal in seinem Brummi statt zu Hause bei seiner Frau. Ist die maximale Lenkzeit von neun Stunden überschritten, muss er das Fahrzeug per Gesetz am nächsten Rastplatz parken.

Maroder Zustand der Verkehrsinfrastruktur

Egal ob in Düsseldorf oder Hannover. Die Rheinbrücken in Leverkusen und Duisburg sind nur zwei weithin sichtbare Symbole für den maroden Zustand der Verkehrsinfrastruktur in Nordrhein-Westfalen. Das Düsseldorfer Verkehrsministerium schätzt, dass in den nächsten zehn Jahren rund 4,5 Milliarden Euro für die Übergänge auf Autobahnen und Bundesstraßen fällig sind, mindestens. Der Großteil der Brücken im Land ist älter als 30 Jahre.

Für Spediteur Schmitz ist das eine Katastrophe. "Wir sind auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen", sagt er. "Seit Jahrzehnten wurde nicht genügend investiert." Damit ist er durchaus auf einer Linie mit Verkehrsminister Michael Groschek (SPD), der anlässlich der Teilsperrung in Duisburg sagte: "Wir müssen endlich investieren statt zu lamentieren." Marcus Hover, der Sprecher des nordrhein-westfälischen Logistikverbandes, ist überzeugt: "Der Ausfall der Rheinbrücken hat die Politik ein wenig wachgerüttelt."

Doch um den Investitionsstau der vergangenen Jahrzehnte aufzufangen, müsse der Staat jährlich rund sieben Milliarden Euro in die Verkehrsinfrastruktur stecken. "Davon sind wir weit entfernt", meint Hover. Ohnehin sind Sanierungen in diesem Bereich sehr langfristige Projekte. Wann Guido Hochgürtel seinen 20-Tonner wieder über die Leverkusener Brücke steuern kann, ist unklar. Der geplante Neubau soll 2023 stehen. Immerhin: An diesem Freitag hat er Glück. Die letzte Tour am Nachmittag führt über Landstraßen nach Linnich, ein Städtchen Nahe der holländischen Grenze. Eine gesperrte Brücke steht ihm dorthin nicht im Weg.

dpa

Quelle: wa.de

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