SPD-Basis will Steinbrück Vertrauensvorschuss gewähren

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Die Mitglieder des SPD Ortsverein Bochum Langendreer treffen sich am 02.10.2012 in der Gaststätte "Zur Alten Zeit" und diskutieren über den Kanzlerkandidaten der Partei. Kann Steinbrück Kanzler? Einige Genossen, die das Volk in Nordrhein-Westfalen davon überzeugen wollen, trifft man am Dienstag in der Bochumer Gaststätte: Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Langendreer-Kaltehardt.

BOCHUM - In Nordrhein-Westfalen steckte Peer Steinbrück einst eine krachende Niederlage ein. Die Genossen im einstigen SPD-Stammland glauben dennoch, dass die Partei mit ihm als Kanzlerkandidat gewinnen kann. Ein Besuch bei der Basis im Ruhrgebiet.

Kann Peer Steinbrück Kanzler? Einige Genossen, die das Volk in Nordrhein-Westfalen davon überzeugen wollen, trifft man am Dienstagabend in der Bochumer Gaststätte "Zur alten Zeit": Mitgliederversammlung des SPD-Ortsvereins Langendreer-Kaltehardt. Unter dem starren Blick ausgestopfter Jagdtrophäen und einem an die Wand gepinselten röhrenden Hirsch schauen die neun Sozialdemokraten an diesem Abend nach vorn: Steinbrücks Nominierung zum SPD- Kanzlerkandidaten findet Zustimmung.

Die Wahl von Steinbrück sei eine folgerichtige Entscheidung: "Es hat sich ergeben, dass von drei Kandidaten zwei aus nachvollziehbaren Gründen nicht zur Verfügung stehen", sagt der Ortsvereins-Vorsitzende Wolfgang Heinemann. Bleibt also Steinbrück, ein Kandidat, der am Tisch mit den bekannt-kernigen Attributen beschrieben wird: "angriffslustig", "scharfsinnig", "wortgewaltig", "kompetent in Finanzfragen". Solange es Steinbrück gelinge, "humane Antworten" auf drängende sozialpolitische Fragen wie Altersarmut oder Dumping-Löhne zu finden, wollen sie ihm die Beinfreiheit gewähren, die er für sich reklamiert. Einen "notwendigen Vertrauensvorschuss" nennt das Heinemann, Auseinandersetzungen im Detail nicht ausgeschlossen. Dafür sei sie ja da, die Basis.

Das Verhältnis von Partei zum Kanzlerkandidaten versteht man auch andernorts im Ruhrgebiet ähnlich. Steinbrück sei der Richtige, gerade weil "man fair mit ihm streiten kann", findet etwa Gerhard Kompe, NRW-Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus. Der Dortmunder vertraut darauf, dass Steinbrück die Ur-Werte der SPD-Basis teile – auch wenn über die richtigen Wege zum gemeinsamen Ziel gelegentlich offen und konstruktiv diskutiert werden müsse.

Nadja Lüders, die für die Dortmunder SPD im Landtag sitzt, wirbt daher für mehr Vertrauen in den Kandidaten: "Als Helmut Schmidt Kanzler wurde, wollten wir ihn vom Hof jagen. Jetzt ist er der Vorzeige-SPDler." Nach Steinbrücks Nominierungsrede ist sie überzeugt: "Er kann führen – und das ist es, was ich von einem guten Kanzler erwarte."

Doch das pragmatische Loblied auf Peer Steinbrück erklingt nicht überall im Land. Zehn Kilometer Luftlinie nordwestlich von Kaltehardt entfernt sitzt der Ortsverein Bochum-Hamme. Dessen Vorsitzender Rudolf Marzahn machte vor vier Jahren als Initiator des Parteiausschlussverfahrens gegen den früheren Ministerpräsidenten Wolfgang Clement von sich reden. Heute geht in seinem Ortsverein die Sorge um, eine Steinbrück-SPD stehe für dieselbe soziale Härte, die viele im Revier mit Schröders Agenda-Politik verbinden – und die man für Wahlniederlagen und Mitgliederschwund verantwortlich macht.

Marzahn stört sich an "einer gewissen Selbstherrlichkeit und Arroganz" des Kandidaten, an seiner Politik "von oben herab", die die Arbeitnehmer aus dem Blick lasse. "Wer nur vom Plakat runter lächelt, erreicht die Menschen nicht." – Wer Nordrhein-Westfalens Herzen erreichen wolle, müsse sich eine Scheibe abschneiden von Hannelore Kraft.

Die Ministerpräsidentin indes stärkte Steinbrück beim Landesparteitag in Münster den Rücken – Balsam für einen Mann, der zwar im rheinischen Mettmann zuhause ist, aber als Spitzenkandidat die Landtagswahlen 2005 gegen Jürgen Rüttgers (CDU) verlor.

Dass sie hier im traditionell tiefroten Bochum hinter Peer Steinbrück stehen und öffentlich an einen Wahlsieg glauben, ist auch eine Frage des Pragmatismus: "Ich bin mit Verstand bei der SPD, nicht im Fanclub", sagt Wolfgang Heinemann. Steinbrück ist jemand, der Stimmen für eine Volkspartei gewinnen kann – daran glauben sie in Langendreer. "Von der alten Zeit", da ist man in Anspielung auf den Ortsverein-Treffpunkt zuversichtlich, dürfe man nicht ausgehen. Jörg Czwikla aus dem Ortsverein-Vorstand zur Niederlage 2005: "Die SPD als Ganzes ist mit der Landtagswahl-Niederlage abgestraft worden, nicht Peer Steinbrück als Kandidat." lnw

Quelle: wa.de

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