Sozialforscher Andreas Zick über „Ossis“ und „Wessis“

Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung fühlen sich Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse. Dabei müssten die Deutschen vor allem mehr persönliche Erfahrungen miteinander machen, um eine Einheit zu werden, sagt Sozialforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld, der in einer Langzeitstudie Vorurteile gegenüber Fremden untersucht, im Gespräch mit Laura Engels.

Gibt es 20 Jahre nach der deutschen Einheit noch Ossis und Wessis?

Andreas Zick: Ja, der Großteil der Ostdeutschen definiert sich auch heute noch als Ostdeutsche und der Großteil der Westdeutschen als Westdeutsche. 64 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich sogar als Bürger zweiter Klasse, 73 Prozent fühlen sich gegenüber den Westdeutschen benachteiligt. Bei diesem Selbstbild spiegeln sich zum Teil auch reale Tatbestände wieder. Denn es gibt im Osten geringere Einkommen und eine höhere Arbeitslosigkeit.

Welche weiteren realen Unterschiede gibt es zwischen Ost und West?

Zick: Für die Älteren gibt es vor allem kulturelle Unterschiede. Die Ostdeutschen haben noch viele Erinnerungen an eine DDR-Kultur. Die jüngeren Menschen werden gar nicht mehr mit solch einer Osterinnerung groß. Trotzdem zeigen neue Studien, dass sich die Ost-West-Differenzen im Zuge der Finanzkrise wieder erhöht haben. Das heißt, die ostdeutschen Jugendlichen haben eine etwas negativere Zukunftssicht. Das liegt daran, dass es im Osten sehr viele strukturschwache Regionen gibt. Da kämpfen die Jugendlichen tatsächlich mit noch viel härteren Problemen als im Westen. Auch das Rekrutierungspotenzial für Rechtsextreme ist im Osten immer noch sehr groß. Zudem klagen die Universitäten über einen Verlust von Studierenden, die in die westlichen Bundesländer abwandern, weil dort die Chancen und Möglichkeiten besser sind.

Gibt es denn auch Annäherungen zwischen den Menschen?

Zick: Ja, letztendlich läuft alles auf eine Annäherung hinaus. Und ich glaube, irgendwann werden die neuen Bundesländer, wie andere Bundesländer auch, je ihre ländlichen, spezifischen Kulturen ausbilden aber nicht mehr als Ost erscheinen. Es gibt zum Beispiel eine massive Angleichung in den Wertvorstellungen der Menschen. Da gibt es praktisch nur noch eine stärkere Betonung von Arbeit im Osten.

Gibt es dort auch mehr Frauen, die Arbeit in den Mittelpunkt stellen?

Zick: Wir haben im Osten – und das ist eben auch ein Erbe der DDR-Kultur – viel mehr Frauen, für die Arbeit zur Normalität geworden ist und die sich über Arbeit definieren. Und natürlich ist ein traditionelles, konservatives Familienbild im Osten einfach auch nicht so verbreitet wie im Westen.

Glauben Sie, dass die Worte „Ossi“ und „Wessi“ irgendwann aussterben?

Zick:Nein, das glaube ich nicht. Es geht ja noch weiter. Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden, da gab es auch 50 Jahre lang das Wort „Itaka“. So etwas hält sich sehr lange, weil wir Menschen solche Schubladen brauchen. Weil die Dialekte nicht verschwinden werden, wird es auch Ossis und Wessis geben. Aber das muss nicht immer mit Diskriminierung einhergehen. Das ist eigentlich genauso, wie wir uns auch den Bayer sehr prototypisch vorstellen. Das dient uns manchmal als Orientierung.

Glauben Sie trotzdem, dass sich die Deutschen irgendwann als Einheit sehen werden?

Zick: Ich glaube schon. Aber zu einer Einheit gehört auch etwas, was ich bisher vermisse. Wie wir in unserer Studie ermittelt haben, steht es um die Ost-West-Kontakte schlecht. Austausch und Freundschaften über die alten Grenzen hinweg sind relativ dürftig. Dabei reduzieren sich gegenseitige Ressentiments, also Stereotype und Vorurteile, wenn sich Menschen begegnen und miteinander Erfahrungen machen.

Ossis und Wessis müssten also einfach mehr miteinander zu tun haben?

Zick: Es gilt im Prinzip das gleiche, wie für unser Verhältnis zu Menschen mit Migrationshintergrund oder Ausländern. Freundschaften schützen vor Differenzen. Nach der Einheit wurde erst einmal der Wirtschaftsturbo eingeschaltet, da mussten massiv Systeme umgestellt werden. Was wir heute noch mit uns herumschleppen, ist ein Defizit auf der Ebene der persönlichen Erfahrungen und Begegnungen.

Quelle: wa.de

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