Schmerzpatienten schlecht versorgt

BERLIN ▪ Die von der Bundesregierung geplante Änderung des Betäubungsmittelrechts greift nach Auffassung der Deutschen Hospiz Stiftung zu kurz. Es müsse im Interesse der Patienten dringend nachgebessert werden, so Eugen Brysch, geschäftsführender Vorstand der Patientenschutzorganisation.

Damit begleiten kritische Töne Pläne von Union und FDP, nach denen Hospizen künftig erlaubt werden soll, Notfallvorräte an starken Schmerzmitteln wie Morphium anzulegen – was derzeit nicht zulässig ist. Die geplante Neuerung soll sicherstellen, dass für die – laut Hospiz Stiftung – 23 000 Schwerstkranken in Hospizen zu jeder Tages- und Nachtzeit schmerzlindernde Mittel zur Verfügung stehen.

Für die 300 000 betroffenen Schmerzpatienten in Alten- und Pflegeheimen soll es eine solche Lösung dagegen nicht geben. „Wenn ein Pflegeheim-Bewohner ein hochwirksames Schmerzmittel braucht, dann muss dieses in einer Apotheke besorgt werden. Das kann mehrere Stunden dauern. Eine unerträgliche Situation“, wie Eugen Brysch findet.

Aus dem Bundesgesundheitsministerium hieß es dazu, dass in Hospizen und Palliativstationen von Krankenhäusern die ständige ärztliche Begleitung sichergestellt sei – in Pflegeheimen aber nicht. Dies mache den Unterschied, vor allem auch bezogen auf das Verabreichen hochwirksamer Medikamente.

Bei der Hospiz Stiftung hält man an dieser Stelle dagegen: Auch in Pflegeheimen gebe es hochqualifizierte Pflegekräfte, die die Schmerzmittel verabreichen und eine palliative Therapie begleiten können, so Eugen Brysch, dessen Analyse der gegenwärtigen Situation eindeutig ist: „Bisher ist die Schmerzbekämpfung in deutschen Pflegeheimen ungenügend.“

Die Hospiz Stiftung fordert, dass die Regeln des Betäubungsmittelrechts so verfasst werden, damit auch „die Schwerstkranken und Sterbenden nicht gequält oder kriminalisiert“ werden. Es sei schlicht widersinnig, wenn gleichzeitig suchtkranke Menschen im Methadon-Programm Ersatzsuchtmittel für die nächsten 48 bis 72 Stunden erhielten.

„Es kann nicht sein, dass wir einen Suchtkranken anders stellen als einen Schmerzkranken“, so Eugen Brysch. Seine Organisation kündigt einen eigenen Gesetzentwurf zu diesem Thema an.

Auch für die nach Angaben der Hospiz Stiftung 12 000 Schwerstkranken, die von spezialisierten Palliativteams zu Hause versorgt werden, werde sich durch die Änderung des Betäubungsmittelrechts nur wenig verbessern, kritisiert Brysch weiter.

Zwar sollen die Teams Notvorräte an hochwirksamen Schmerzmitteln in ihren eigenen Einrichtungen anlegen können. Sie dürfen aber dem Patienten pro Besuch nur so viel aushändigen, wie er für den sofortigen Verbrauch benötigt. Schwierig wird diese Regelung, wenn der Patient plötzlich starke Schmerzen bekommt.

In einem solchen Fall müsste er – auch nach der neuen Regel – auf das Eintreffen des Palliativ-Teams zu Hause warten. Das Einlösen eines Rezeptes in einer Apotheke ist in einer solchen Situation auch keine Lösung. „Viele Schwerstkranke müssen deshalb stundenlange Schmerzen erdulden, bevor sie ihre Medizin erhalten“, sagt Brysch. Hier wäre es sinnvoll, wenn das Palliativ-Team dem Patienten einen Vorrat für die kommenden 24 Stunden aushändigen dürfte. ▪ WA/LK

Quelle: wa.de

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