„Schattenkultur“ bietet Kunst von Häftlingen

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Häftling hinter Gitter: Die Videoinstallation zeigt einen der „Lyrik-Clips!“ in der Ausstellung „Schattenkultur“ im Alten Hafthaus in Moers. ▪

Von Dominic Rieder ▪ MOERS–Die Konfrontation kommt direkt und unvermittelt: Kalte, kahle Wände, enge Gänge. Schmale, aber dennoch massive Türen führen in die nur wenige Quadratmeter großen Zellen. Fahles Licht und vergitterte Fenster sorgen für Tristesse und ein Gefühl der Beklemmung. Bis vor fünf Jahren waren hier noch Straftäter untergebracht – in den Gefängnisräumen des Alten Hafthauses in  Moers.

Im Kulturhauptstadtjahr ist der fast 100 Jahre alte Bau Schauplatz einer Ausstellung im Rahmen des Projektes „Schattenkultur“. Darin stehen Menschen im Blickpunkt, die ihr Dasein am Rande der Gesellschaft fristen – im Knast.

„Schattenkultur“ ist eine Mammut-Kooperation der Evangelischen Kirche im Rheinland und der Evangelischen Kirche von Westfalen mit der Kulturhauptstadt Ruhr.2010, dem Bistum Essen und dem Justizministerium NRW. Schirmherrin ist die NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Pipenkötter. Unter anderem wirken viele Justizvollzugsanstalten (JVA) sowie die Jugendgefängnisse des Landes mit.

Auf die Zellen im Alten Hafthaus verteilen sich mehr als 40 Projekte und Beiträge, die von Häftlingen (mit-)gestaltet wurden oder sie direkt darstellen. Ziel sei es, „das Gefangenensein als Teil unserer Kultur“ zu zeigen, erklärt Projektleiter Pfarrer Andreas Volke vom Evanglischen Kulturbüro Ruhr 2010. „Schattenkultur“ sei ein Gegenstück zur Eventorientierung in der Gesellschaft, auch wenn ein Gefängnis ein spektakulärer Schauplatz sei.

Entsprechend der vier Etagen des Alten Hafthauses ist die Ausstellung in vier Ebenen gegliedert. In Ebene I, den „SeelenRäumen“, setzen sich die Besucher mit den Emotionen der Häftlinge auseinander. Eindrucksvoll das Fotoprojekt „Seele in Beton“ der JVA Wuppertal und der Evangelischen Bergischen Gefängnis-Gemeinde: Es stellt auf großformatigen Schwarz-Weiß-Bildern Inhaftierte in einer Knastszenerie dar. Sie liegen nachdenklich auf dem Bett, sitzen schwermütig am Tisch. Die Gesichter erzählen von Ängsten, Sorgen, einige von Reue, manche lassen Hoffnung erkennen. Bewusst befindet sich in jeder Zelle nur eine Fotografie. „So setzt sich der Betrachter nur mit diesem einen Bild auseinander“, erklärt Kordula Lobeck de Fabris, künstlerische Leiterin von „Schattenkultur“.

Von ihrer Auseinandersetzung mit dem Gedicht „Wer bin ich?“ von Dietrich Bonhoeffer, Theologe und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, zeugen Masken von jungen Gefangenen der JVA Siegburg. Mit Pastellkreiden mehr oder weniger bunt bemalt spiegeln sie die Gemütszustände der Künstler – Zorn, Frust, Zerrissenheit, aber auch Freude.

Das Thema von Ebene I wird eine Etage höher mit den „TraumRäumen“ fortgeführt. Hier entfaltet sich, der Enge der Zellen zum Trotz, das kreative, schöpferische Potential der Gefangenen weiter. In „Lyrik-Clips!“ erzählen Insassen verschiedener Haftanstalten von ihren Schicksalen und Träumen – die Schwerter beispielsweise als rappende Poeten („Rapoeten“) in „Schatten der Vergangenheit“ oder anhand von Theater- und Videosequenzen in „TagTräume – Tag für Tag“. Auch internationale Häftlinge, unter anderem aus Spanien, stellen sich vor. Liebe, Gewalt, Selbstkontrolle und Einsamkeit sind Themen der Fotoausstellung Secuencias Narrativas (Bildergeschichten), einer Zusammenarbeit des „TeatroDentro“ in Barcelona mit der dortigen JVA Cuatro Camins.

Kordula Lobeck de Fabris ist angesichts der variationsreichen Exponate sicher, dass „Schattenkultur“ neben der künstlerischen auch die soziale Kompetenz der Gefangenen fördert: „Ich bin überzeugt, dass die kreative Arbeit zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beiträgt.“

Noch vielseitiger sind die „HerzRäume“, Ebene III. Mit den dort vorgestellten Projekten ermöglichen die Haftanstalten ihren Insassen, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. So findet unter dem Titel „Unerhörte Geschichten aus dem Frauenknast“ ein literarischer Dialog in Form von Erlebnisberichten, Kurzgeschichten oder lyrischen Texten zwischen Schülern und inhaftierten Frauen der JVA Gelsenkirchen und JVA Dinslaken statt.

Die weiteren Angebote reichen vom „Malen mit Gefangenen“ (JVA Rheinbach) und „Seidenmalerei“ (JVA Gelsenkirchen) über ein „Theaterlabor“ (JVA Schwerte) bis hin zum „Kochen mit Inhaftierten“ in der JVA Detmold. Herausragend auf Ebene III das Gefangenenbüchereien-Projekt „Bücher öffnen Welten“ (JVA Detmold und JVA Münster) sowie die reich ausgestattete Mediathek mit einer umfassenden Sammlung an Büchern, Zeitschriften, Audio- und Videomedien.

„Der Vollständigkeit halber“, so Kordula Lobeck de Fabris, dürften bei der Ausstellung die vielen karitativen Organisationen, die Opfern und Straftätern helfen, nicht fehlen. Deshalb stellen sich auf Ebene IV in den „InformationsRäumen“ Weißer Ring, Awo, Evangelisches Johanneswerk und Co. vor.

Doch nicht nur die Ausstellung wird im Alten Hafthaus im Rahmen des „Schattenkultur“-Projekts gezeigt. In der Reihe „Kino im Knast“ laufen an ein bis zwei Abenden im Monat Filme mit Gefängnis-Thematik. „Kunst im Knast“ bietet in unregelmäßigen Abständen Raum für besondere Aktionen. In den Haftanstalten in Essen und Bochum lief die Reihe „Theater im Knast“, die im September in Schwerte fortgesetzt wird. Und bei der Finnissage am 26. September unter dem Titel „Musik im Knast“ ist der Gefangenenchor der JVA Remscheid in Moers zu Gast.

Die Ausstellung im Rahmen des Projektes „Schattenkultur“ läuft noch bis 26. 9. im Alten Hafthaus in Moers, Haagstr. 7.

sa 10-17 Uhr, so 11-17 Uhr,

mo-fr nur nach Vereinbarung für Gruppen, 9.30-15 Uhr.

Kino im Knast

14. 9. „Friedensschlag“ von Gerardo José Milsztein

Kunst im Knast

21./22. 8. „Alba - Weiße Schatten“, begehbare Installation

Theater im Knast

„Woyzeck – eine Recherche“ am 10. 9., 1. 10 und 2. 10 in der JVA Schwerte,

am 21. 9. Gastspiel in Moers

http://www.schattenkultur.de

(mit Ausstellungskatalog als kostenlosem pdf-Download)

Quelle: wa.de

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