Die „SchachtZeichen“ werden gesetzt

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Einer der gelben Ballons des Kulturhauptstadt-Projekts „Schachtzeichen“ auf dem Gelände der ehemaligen Schachtanlage Oberschuir in Gelsenkirchen

Von Ralf Stiftel ▪ GELSENKIRCHEN–Als Volker Bandelow zum ersten Mal über seine Idee zu den „SchachtZeichen“ sprach, da erntete er nur skeptische Blicke. „Das wird nie was“, sagt er, was seine Gesprächspartner 2007 dachten.

Am Samstag um 12 Uhr mittags aber wird sein Projekt real. Zwischen Hamm und Neukirchen-Vluyn steigen 311 Ballone auf, 3,70 Meter im Durchmesser, leuchtend gelb mit gelben Fahnen, bis in 80 Meter Höhe. Jeder markiert den Ort, an dem früher einmal ein Bergwerksschacht war. Es ist ein Prestigeprojekt der Kulturhauptstadt Ruhr. Fritz Pleitgen schwärmt von der „mit Abstand größten Flächenskulptur, die es je gegeben hat“. Er zeigte sich gestern bei der Präsentation glücklich, dass das Projekt gegen alle Widerstände nun realisiert wird. Zwischenzeitlich drohte wegen der Finanznot sogar die Streichung.

Das Ruhrgebiet wird zur realen Landkarte, auf der die Ballone wie Stecknadeln historische Orte markieren. Projektautor Bandelow, Leiter des Gelsenkirchener Kulturamts, wehrt sich gegen einen Vergleich seiner Idee mit den Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude. SchachtZeichen sei ein soziales Kunstwerk, das nur funktioniere, weil sich so viele weitere Menschen dafür engagieren. Rund 2100 freiwillige Helfer betreuen die Ballone, bringen sie neun Tage lang jeden Morgen pünktlich um 10 Uhr in die Luft und holen sie abends um 20 Uhr wieder ein. Sie stehen auch als Gesprächspartner bereit, breiten die Geschichte aus.

Mehr als 1000 Bergwerke und Schächte sind für das Revier dokumentiert. Ihre Namen sind pure Poesie: „Friedlicher Nachbar“ und „Fröhliche Morgensonne“ in Bochum, „Königin Elisabeth“ in Essen, „Bergmannsglück“ in Gelsenkirchen und „Nachtigall“ in Witten. Ihre Standorte sind selbst bei Anwohnern heute vergessen.

Ein Schachtzeichen hätte man mitten auf der Autobahn 40 auf der Diagonalen zwischen den beiden Tankstellen bei Bochum setzen können, sagt Bandelow. Auch das zweite Haus neben dem Gelsenkirchener Musiktheater im Revier steht auf Zechengrund, aber Consolidation wurde schon in den 20er-Jahren abgerissen. Wo heute Schrebergärten, Supermärkte, Krankenhäuser stehen, da wurde einst die Kohle aus der Erde gefördert.

Weithin sichtbar sollen die Zeichen sein. Darum haben die Veranstalter einen Faltplan erstellt, der auf besonders günstige Aussichtspunkte hinweist. Das kann die Aussichtsplattform des Ruhrmuseums auf der Essener Zeche Zollverein sein oder der Florianturm im Dortmunder Westfalenpark, die Halde Großes Holz am Bergwerk Haus Aden in Bergkamen oder die Halde Kissinger Höhe am Hammer Bergwerk Ost.

So werden sie von Samstag an Geschichten erzählen wie der Duisburger Bergmann, der noch durch einen Flöz von 32 cm Stärke kroch. In Herne liegt auf einem ehemaligen Schacht die Hibernia-Schule, und es wird eine Prozession mit Gastschülern aus Polen zum Ballon geben, erzählt Lehrer Roman Janzen. 1000 Schüler machen Programm – lebendiger Geschichtsunterricht. Burkhard Thiessen aus Waltrop macht Besuchern ein besonderes Angebot: Rundflüge im Leichtflugzeug, um die SchachtZeichen auch von oben zu sehen. Und Elke Schumacher, die am stadtbauraum Gelsenkirchen einen Ballon betreut, die schwärmt nur vom Ruhrgebietsgefühl: „Herzblut, einfach Herzblut!“

So besteht das Projekt auch aus viel mehr als den Ballonen. Überall gibt es zusätzliches Programm, Konzerte, Partys, Aufführungen. Im Maximilianpark Hamm, einem der ersten Zechengebäude, die zu Kultur- und Freizeitstätten umgewandelt wurden, wird zum Beispiel eine Ausstellung mit Luftbildern des Fotografen Gerhard Launer eröffnet. Und am Pfingstmontag sowie zum Abschluss am 29. Mai gibt es das „Ballon-Glühen“, bei dem die gelben Kugeln nachts von Spotlights angestrahlt werden.

Fritz Pleitgen eröffnet das Projekt am Samstag im Hammer Maximilianpark. Der ehemalige WDR-Intendant hat übrigens selbst einen Ballon gesponsert, der in Duisburg-Meiderich schweben wird.

Eröffnung 22.5., 12 Uhr, Hamm, bis 30. Mai, 10 – 20 Uhr.

http://www.schachtzeichen.de

Quelle: wa.de

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