Route der Wohnkultur lockt zu 58 Siedlungsformen

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Der Eingang zu Hustadt in Bochum. Die Großwohnanlage soll modernisiert werden. ▪

DORTMUND ▪ Holger Rieck fühlt sich wohl. In der Dortmunder Bergarbeitersiedlung Fürst Hardenberg lebt er mit seiner Frau seit 22 Jahren. Die 87 Quadratmeter sind auf zwei Etagen verteilt. Von Achim Lettmann

Die kleinen Räume fügen sich kompakt zusammen. Neben der Stehküche mit hochglänzenden Schrankfronten liegt der Essraum, schlicht und funktional. Tisch, Sitzbank, zwei Stühle und für die Vitrine mit den Glastierchen ist auch noch Platz. „Zwei Jahre mussten wir warten“, sagt der 57-Jährige, der als technischer Angestellter auf den Zechen Minister Stein (Dortmund) und Prosper II (Bottrop) gearbeitet hat. Fürst Hardenberg ist begehrt. Hier hat noch jeder seinen Garten. Die Architekten Paul Mebes und Paul Emmerich hatten 1923–29 die gartenstädtische Siedlung errichtet. Platz für Hühner, Kaninchen und Ziegen. Und ganz modern: Wasserklosetts und Kanalisation. Heute bilden die 400 Wohneinheiten ein Quartier, die letzte geschlossene Arbeitersiedlung im Raum Dortmund. Deshalb zählt die Bebauung im Stadtteil Lindenhorst zur „Route der Wohnkultur“.

Das Ruhr.2010-Projekt feiert die Alltagskultur. Wie wird im Revier gewohnt? Mit der Industrialisierung wuchs der Bedarf an Wohnraum sprunghaft an. Zuwanderung bestimmte den Ballungsraum. Seit den 70er Jahren verzeichnet die Metropole Ruhr allerdings auch Abwanderung. Für das Planungsbüro Stadtidee lassen sich deshalb typischen Wohnformen fürs Ruhrgebiet erschließen. Zusammen mit Revier-Kommunen, mit NRW-Ministerien, der Architektenkammer, den Denkmalpflegern im Revier und kommunalen Wohnungsunternehmen ist die „Route der Wohnkultur“ erstellt worden. 58 Wohnobjekte zwischen Duisburg und Hamm zählen dazu. Im Kulturhauptstadtjahr lässt sich die Heimat erkunden. Es gibt Bustouren in Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Bochum, Duisburg/Mülheim und Oberhausen. Es gibt geführte Spaziergänge und die Möglichkeit, die eigene Tour zu planen – anhand der „Box der Wohnkultur“, die alle 58 Objekte aufführt.

So findet man auch die Siedlung Immermannstraße in Dortmund. Die viergeschossigen Häuserblocks sind vom Architekturbüro Steidle und Schmitz (Köln/München) 1996–98 geplant worden. 104 Wohnung wurden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park erstellt. Hochwertiger Wohnraum, der Richtung Süden ausgerichtet ist und über Laubengänge und Stege erreichbar ist. Dieses Projekt sollte dem Arbeiter- und Migranten-Image der Dortmunder Nordstadt entgegenwirken. Die Häuser in Orange, Grün, Gelb und Blau heißen auch „Papageiensiedlung“.

Vielfalt lässt sich auf der „Route der Wohnkultur“ erleben. In Hamm wurde ein altes Schulgebäude von 1910 in eine neue Senioren-Siedlung einbezogen. Zwölf barrierefreie Wohnungen plante Architekt Teigelkötter (Hamm) für den Altbau. 2005 erfolgte der Umbau, den die Hammer Baugesellschaft durchführte.

Wer lebt im Revier, was muss verändert werden? „Demografie“ ist ein Kriterium, das die Route der Wohnkultur ausweist. Auch in Bochum muss Wohnraum angepasst werden. In der Hustadt, einer Großwohnsiedlung der 60/70 Jahre, werden Planungsfehler korrigiert. Wohnen und Arbeiten wurde seinerzeit getrennt. Die Hustadt war mit 1200 Wohnungen in Hochhäusern bis zu 13 Etagen und mit zahlreichen Einfamilienhäusern ein Wohnviertel für die Bediensteten der Ruhr-Universität im Bochumer Süden. Seit den 80er Jahren gibt es Leerstand. Das verdichtete Wohnen schaffte Gleichförmigkeit, weiß Uta Schütte-Haermeyer vom Stadtumbaubüro. Es werden auch Großwohnanlagen im Revier abgerissen. Die Hustadt nicht, weil sie stadtnah und im Grünen liegt. Während Bochum investiert, bleiben andere Eigentümer zurück. „Ein internationaler Investmentfonds macht nichts an den Wohnungen“, sagt Schütte-Haermeyer. Für Studenten werden Programme aufgelegt: „WG leicht gemacht“. Für Senioren gibt es andere Wohnmodelle. Auch das Motto „Jung und Alt unter einem Dach“ ist überholt.

Kontraste profilieren die „Route der Wohnkultur“. In Essen wurde die Dinnendahlsche Fabrik für Dampfmaschinen (von 1924) zu einem Ort gehobenen Wohnens: Lofts (bis 210 qm) entstanden von 2002 bis 2005. Und während in Oberhausen die Siedlung Eisenheim (von 1846) die älteste ihrer Art im Revier ist, lässt es sich in Duisburg am Hafen leben. Stararchitekt Sir Norman Foster schuf den Masterplan für die Grachtenwohnungen.

Die Planung

Die ganzjährigen Touren zur Wohnkultur sind unter http://www.routederwohnkultur.de einzusehen. Duisburg, Oberhausen, Essen, Bochum und Dortmund bieten an.

▪ Sommer der Wohnkultur: Im August, September und Oktober lässt sich je eine Wohnung pro Tour besichtigen.

▪ Tag der Wohnkultur: Am 19. September stehen alle 58 Objekte der Wohnkultur offen.

▪ Die Box der Wohnkultur ist kostenlos. Bestellen unter http://www.routederwohnkultur.de

Quelle: wa.de

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