„Ritalin ist keine Zwangsjacke“

Wenn Moritz ohne Medikament in die Schule geht, gibt es schon von der Busfahrerin eine Rückmeldung. „Hat Moritz seine Ta-bletten heute nicht genommen? Das merkt man aber ganz schön“, muss sich Stephanie Hager dann anhören. Es kommt schon mal vor, dass die 39-Jährige und ihr Sohn Moritz das Ritalin vergessen. „Dann stehen die Hausaufgaben nicht im Heft, weil die Konzentration nicht mehr gereicht hat, sie aufzuschreiben“, sagt Hager. Der neunjährige Moritz hat die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS.

Das Leben mit einem hyperaktiven Kind bedeute eine Herausforderung, sagt Hager. „Sie gehen über Tische und Bänke, kennen kein Angstgefühl und sind unheimlich anstrengend im Alltag.“ Den schafft die Mutter aus Kierspe nur mit viel Geduld. Auch, wenn sie dabei oft an ihre eigenen Grenzen kommt. „Manchmal ist man müde und geschafft und hat keine Lust mehr, aber die Kinder geben einem ja auch etwas zurück“, sagt Hager. Kinder mit ADHS habe sie als sehr empfindsam und sensibel kennengelernt. Rückendeckung bekommt die Mutter von der Selbsthilfegruppe Sausebraus, für die sie ehrenamtlich arbeitet. „In der Gruppe merkt man, dass man nicht allein ist“, sagt Hager.

Die Entscheidung, Moritz Ritalin zu geben, hat sich die Familie nicht leicht gemacht. „Immer wieder müssen wir uns Vorwürfe anhören, wir würden unser Kind ruhigstellen“, beklagt Stephanie Hager, die dadurch selbst wieder verunsichert wird. „Mann muss sich schon mit der Thematik auseinandersetzen, um dem Stand halten zu können“. „Ruhigstellen“ sei auch der falsche Begriff, sagt Manfred Döpfner, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut der Uniklinik Köln. Ritalin sei schließlich kein zentralnervös dämpfendes Mittel. „Es macht eher wacher, aufmerksamer und hat bei Hyperkinetikern den paradoxen Effekt, die Unruhe zu vermindern“. Es sei aber nicht so, dass die Kinder in einer „pharmakologischen Zwangsjacke“ herumliefen und sich unwohl fühlten.

„Eine ADHS-Diagnose geht aber nicht automatisch mit einer medikamentösen Behandlung einher“, betont Döpfner. Vielmehr gebe es genaue Behandlungsleitlinien mehrerer deutscher Fachgesellschaften. „Bei Kindern, die älter als sechs Jahre sind, starke Symptome haben, die zu erheblichen Einschränkungen in schulischem Bereich und in der Familie führen, macht es Sinn, nach Beratung und Aufklärung auch an eine medikamentöse Behandlung zu denken“, erklärt Döpfner.

Laut einer Versichertenanalyse der Krankenkasse KKH-Allianz wurden 2009 3,8 Prozent der Kinder zwischen 6 und 18 Jahren in Deutschland mit Psychostimulanzien gegen ADHS behandelt. Im Vergleich zu 2005 (2,5 Prozent) entspricht dies einer Steigerung von 52 Prozent. Auch Döpfner bestätigt eine Zunahme. „Riesige Steigerungen sollte es in den Verschreibungszahlen nicht mehr geben, weil sie dann die Prävalenzzahlen des Störungsbildes überschreiten.“

Ohne Medikamente würde Moritz in der Schule nicht viel mitkriegen, da ist sich Hager sicher. Auch ihre Tochter Vanessa, die ebenfalls an einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung – jedoch ohne Hyperaktivität – leidet, nimmt Medikamente. „Ich glaube wirklich, ohne Tablette hätte ich ein Problem“, hat die 13-Jährige zu ihren Eltern einmal gesagt. Am Wochenende gibt es für Vanessa und Moritz aber eine Medikamentenpause – aufgrund der Nebenwirkungen. „Bei Moritz wird durch Ritalin sein Appetit sehr gehemmt“, sagt Hager. Auch Schlafstörungen oder zu hoher Blutdruck könnten auftauchen, sagt Döpfner. Deswegen geht Familie Hager auch regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen. Denn „Medikamente sind nun einmal Medikamente“, sagt Hager, „aber man muss abwägen, was letztlich fürs Kind gut ist“. –LAURA ENGELS

Quelle: wa.de

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