Psychiatrie statt Arbeit: Verhinderter Flugzeugentführer verurteilt

+

Köln - Es bleibt ein Rätsel: Er hatte keine Ahnung vom Fliegen. Trotzdem hatte der verwirrte Mann alles richtig gemacht damals im Regierungsflugzeug - jetzt landet er in der Psychiatrie.

Nach dem Höhenflug die Bruchlandung: Der junge Mann scheint die Aufmerksamkeit im Gerichtssaal kurz vor der Urteilsverkündung zu genießen - die vielen Fotoapparate, die bei jeder seiner Bewegungen klicken. Er legt die Jacke ab, setzt sich aufrecht, zeigt unter dem Achselshirt lächelnd seine antrainierten Muskeln und wirkt wie ein strahlender junger Held.

Im Juli 2013 hatte er auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn das Regierungsflugzeug besetzt, das auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzt. Am Mittwoch holte ihn die Realität ein: Die Kölner Richter sahen einen versuchten Eingriff in den Luftverkehr und schickten den 25-Jährigen in den Maßregelvollzug, in eine forensische Klinik. Wie soll das einer verstehen, der sich topfit fühlt und wieder arbeiten will? Der Anwalt kündigte Revision an.

Dieser Mann bleibt auch nach dem Urteil ein Rätsel: Angeblich war er noch nie geflogen, geschweige denn, dass er etwas vom Fliegen verstehe. Aber an jenem Abend hatte er irgendwie alles richtig gemacht, machte der Vorsitzende Richter Wilhelm Kremer deutlich.

In jener Nacht nahm er die Bremsklötze weg, rollte das Erdungskabel auf, nahm an den Triebwerken die Abdeckungen weg, kletterte über den Notausstieg in die Maschine, stellte die Tür auf "Flight Modus" um, stellte den Schubhebel im Cockpit auf "steigend" - das alles in Unterhosen. Seine Klamotten hatte er vorher ausgezogen. "Es besteht kein Zweifel, dass er die Absicht hatte, die Maschine in Bewegung zu bringen und loszufliegen", sagte Kremer. Nur weil die Maschine keinen Strom hatte, habe sie sich keinen Zentimeter bewegt.

Lesen Sie den letzten Artikel zur Verurteilung

Artikel

Der Mann leide an einer Psychose mit Wahnvorstellungen und Realitätsverlust. In 2011 habe sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er wurde demnach aggressiver, fühlte sich gemobbt, kündigte die Arbeitsstelle. Und dann noch der Leistungsdruck beim Bodybuilding, wie er im Prozess erzählt hatte: Er wollte da was werden, an Meisterschaften teilnehmen, brauchte Geld für teure Aufbaustoffe. Stress pur.

"Die Eltern wussten keinen Ausweg mehr", sagte der Richter. Sie setzten ihren Sohn vor die Tür. Er zog zur Freundin, die bei ihren Eltern wohnte. Als er da randalierte, flog er auch dort raus. Mit einem Tretroller, den er irgendwo fand, fuhr er wieder zu seinen Eltern, wo er aber auch nicht bleiben durfte.

"Er wollte zur Stabilisierung seines Lebens etwas Großartiges und Außergewöhnliches vollbringen", schloss Kremer aus der gesamten Situation. Der fast kahlgeschorene, junge Mann, der in dem Prozess so viel gelächelt hatte, saß ernst neben seinem Anwalt und biss sich ständig auf die Lippen.

An einer Kaserne machte er laut Urteil einen Wachposten Glauben, dass er zu einer Hochzeitsgesellschaft gehöre, die in einem Offizierskasino auf dem angrenzenden Kasernengelände feierte. Woher er von dem Fest wusste - auch das bleibt ein Rätsel. Der Besetzer selbst will sich nicht erinnern können, auch nicht, wie er von dort auf das gesicherte Gelände der Flugbereitschaft kam. Dort hatte ein Techniker den Airbus gerade gewartet und die Überwachungsschleife mit den Kameras noch nicht wieder scharf geschaltet, wie Kremer sagte.

Als acht Polizisten und ein Hund in die Maschine kamen, wurden sie von dem halbnackten Mann in Boxershorts in der Lounge auf der Couch liegend empfangen: "Ich bin nicht der, den ihr sucht". - dpa

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare