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Polizist erschießt 16-Jährigen - Kritik an der Polizei Dortmund

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Von: Katharina Bellgardt

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Nach den tödlichen Schüssen auf einen 16-Jährigen steht die Polizei Dortmund in der Kritik. Hätte der Tod des Jungen verhindert werden können?

Dortmund - Der 16-Jährige, der von der Polizei Dortmund erschossen wurde, soll kurz zuvor auf eigenen Wunsch in einer Psychiatrie gewesen sein. Zudem sprach der Junge kein Deutsch und habe deswegen die Polizisten nicht verstehen können, wie dpa berichtet. Der Teenager war mit einem Messer bewaffnet. Er wurde mit fünf Schüssen aus einer Maschinenpistole so schwer verletzt, dass er bei einer Not-Operation starb.

Die Polizei wurde am Montag von Betreuern der Jugendhilfeeinrichtung gerufen, in der der 16-Jährige lebte. Es ist bislang unklar, was der psychisch auffällige Jugendliche mit dem Messer machen wollte. Der Oberstaatsanwalt sprach von suizidalen Absichten. Der Teenager soll jedoch die Polizisten mit einem Messer angegriffen haben.

Polizist erschießt 16-Jährigen mit Maschinenpistole - Kritik an Polizei Dortmund wächst

Der Einsatz eskalierte. Die Polizei Dortmund versuchte, den Jugendlichen mit Taser und Reizgas zu stoppen, doch die Strategie funktionierte nicht. Dann schoss ein 29 Jahre alter Polizist sechsmal mit einer Maschinenpistole auf den 16-Jährigen. Er wurde fünfmal getroffen.

Die Ermittlungen hat die Polizei in Recklinghausen übernommen, um Neutralität zu wahren. Der 29-jährige Polizist wird aktuell als Beschuldigter geführt. Es gehe um den Anfangsverdacht der Körperverletzung mit Todesfolge. Dieses Vorgehen ist üblich nach tödlichen Polizei-Einsätzen.

Polizist erschießt Teenager - psychische Ausnahmesituation in der Dortmunder Nordstadt

Der Polizeiwissenschaftler, Jurist und Kriminologe Professor Dr. Thomas Feltes kritisierte das Vorgehen der Dortmunder Polizei beim Einsatz gegen den 16-Jährigen. „Warum wurde dort eine Maschinenpistole eingesetzt? Das ist überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagte er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die MP5 gehört nicht zur Standardausrüstung der Polizei in NRW. Sie wird für spezielle Lagen aufgerüstet, wie etwa Amoklagen, und nicht für Einsätze gegen psychisch auffällige Jugendliche, erklärte Feltes.

Der Polizei-Experte sieht durch die schwere Bewaffnung ein Problem im Auftreten der Polizei. Diese sei in der Dortmunder Nordstadt „nicht gerade für Zurückhaltung bekannt“, so der Wissenschaftler. Die Beamten seien darauf ausgerichtet, Probleme sofort zu lösen, statt beispielsweise einen Psychiater oder Psychologen hinzuzuziehen. Zudem: Das martialische Auftreten von elf Polizisten mit der automatischen Waffe könne bei einem Menschen - vor allem wenn er kein Deutsch verstehe - den Eindruck eines Angriffs erwecke, sagte er der dpa.

Polizei erschießt mit Messer bewaffneten 16-Jährigen in Dortmund
Die Polizei hat einen 16-Jährigen in Dortmund erschossen. Kerzen erinnern an den Teenager. © Bernd Thissen/dpa

„Bei solchen Einsätzen sollte immer ein Psychologe oder Psychiater dabei sein“, sagte Feltes. Zudem kritisierte er die Versuche der Polizei Dortmund die Situation zunächst mit Taser und Pfefferspray zu entschärfen. Gerade Pfefferspray ist in psychischen Ausnahmesituationen schwierig, weil es in einigen Fällen nicht die erhoffte Wirkung zeigt. Psychisch Kranke werden dadurch nicht unbedingt aufgehalten. „Sie empfinden das als unmotivierten Angriff und starten einen Gegenangriff. Es ist immer das gleiche Muster“, erklärte der Polizeiwissenschaftler.

Beschwerden nach tödlichen Schüssen: Polizei ermittelt gegen Polizei - und umgekehrt

Auch dass der Fall nun von einer anderen Dienststelle der Polizei NRW untersucht wird, sieht Feltes kritisch: Aktuell gibt es die Situation, dass Dortmund gegen Recklinghausen ermittelt, weil jemand bei einem Einsatz starb, und Recklinghausen aus demselben Grund gegen Dortmund. In Oer-Erkenschwick verlor ein 39-Jähriger nach einem Polizei-Einsatz das Bewusstsein und starb dann im Krankenhaus. Die Polizisten hatten den Randalierer zuvor mit Pfefferspray eingesprüht und fixiert. Feltes möchte solche Situation künftig mit einer eigenen Stelle etwa im Landeskriminalamt lösen.

Zudem fordert der Deutsche Anwaltsverein (DAV), dass es eine unabhängige Beschwerdestelle geben soll - mit unabhängigen Polizei-Beauftragten. Unabhängige Stellen sollen aufklären, ob Polizei-Einsätze rechtmäßig ablaufen und mutmaßliche rechtliche Überschreitungen aufklären. Zudem solle man sich dort anonym über die Polizei beschweren können.

Auch der politische Druck ist hoch: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wurde von der SPD-Fraktion dazu aufgefordert, das Parlament immer über tödliche Polizei-Einsätze zu informieren. Dort gebe es viele Fragen zu den tödlichen Schüssen in Dortmund. SPD-Vize-Fraktionschefin Elisabeth Müller-Witt fragte gegenüber dpa: „Wie ist es zu der Gefahrensituation gekommen und welcher Anlass hat dafür bestanden, eine Maschinenpistole mitzuführen und von ihr mit sechs Schüssen Gebrauch zu machen?“ Bisher lägen dem Parlament keine Kenntnisse dazu vor.

Demonstration nach dem Tod eines 16-Jährigen in der Nordstadt von Dortmund

In Dortmund gab es nach dem Tod des 16-Jährigen eine Demonstration. Über 300 Demonstranten sorgten dafür, dass der kleine Kurt-Piehl-Platz in direkter Tatort-Nähe in der Nordstadt menschenvoll wurde, eine unangemeldete Demonstration zog vor die Polizeiwache Nord.

Demo nach Schüssen auf Teenager in Dortmund
Nach den tödlichen Polizei-Schüssen auf einen 16-jährigen in Dortmund gab es am Dienstagabend (9. August) eine Demonstration in Dortmund. © Markus Wüllner/news4 Video-Line

Tödliche Schuss-Abgaben durch Polizeibeamte sind in Deutschland vergleichsweise selten. Neben dem Todesfall des 16-Jährigen in Dortmund gab es vier weitere tödliche Schüsse 2022, zwei davon in NRW. Erst vor einigen Tagen starb ein Mieter in Köln bei einer Zwangsräumung. Er hatte bereits zuvor die Gerichtsvollstreckerin bedroht.

Hinweis der Redaktion: Wir berichten in der Regel nicht über Suizide, weil leider durch die Berichterstattung die Nachahmerquote erhöht wird. Wir machen eine Ausnahme, wenn viele Menschen betroffen sind wie z.B. in diesem Fall durch eine Sperrung der Bahnstrecke. Wenn Sie sich selbst in einer Krisensituation befinden, suchen Sie sich bitte Hilfe, z.B, bei der Telefonseelsorge (Tel. 0800-1110111).

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