"Wenn es dann zu eng wird, reagieren viele schlichtweg falsch"

Polizei rekonstruiert Motorrad-Unfall: Mit diesen Tipps wäre er vermeidbar gewesen

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Die Polizei demonstrierte am Dienstagvormittag, welche Gefahren lauern, wenn Kurven falsch angefahren werden.

NRW/Altena - An einem der ersten Motorradfahrer-freundlichen Sonntage dieses Jahres, am 15. April, verunglückte eine 27-Jährige aus Gelsenkirchen zwischen Altena-Dahle und Neuenrade  – wahrscheinlich wegen eines Fahrfehlers. Die Polizei zeigte am Dienstag, wie solche Fehler vermieden werden können.

Die Frau aus Gelsenkirchen geriet in einer 180-Grad-Rechtskurve nach einer langen Geraden in den Gegenverkehr. Überhöhte Geschwindigkeit schließt die Polizei aufgrund der Unfallspuren aus. 

Die 27-Jährige kam mit leichten Verletzungen davon. Ein Unterfahrschutz schützte sie laut Polizei vor möglichen Amputationen durch scharfe Leitplanken-Teile. „Das hätte schnell anders ausgehen können“, vermutete Andreas Filthaut, Leiter der Verkehrsunfall-Prävention der Polizei im Märkischen Kreis. 

Gerade weil solche Motorradunfälle oftmals schlimmer enden, rekonstruierten Filthaut und seine Kollegen den Unfall am Dienstagvormittag auf dem Kohlberg zwischen Altena-Dahle und Neuenrade (Märkischer Kreis). Sein Kollege Axel Strüver zeigte als erfahrener Motorradfahrer, welche Fehler schnell passieren und vor allem, wie sie vermieden werden können. Mit Redakteur Daniel Schröder sprachen die Polizisten außerdem über gefährdete Zielgruppen und Besonderheiten der Motorradstrecken im Sauerland.

Was war der Hintergrund dieser Unfallrekonstruktion? 

Axel Strüver: Wir haben gezeigt, wie wichtig es ist, eine Kurve im richtigen Winkel anzufahren und sie mit angepasster Geschwindigkeit zu bewältigen. Wenn man eine Kurve zu weit innen anfährt, kann es sein, dass man im Kurvenverlauf zu schnell ist und auf die Gegenfahrbahn gerät. Wenn man jetzt noch auf die Bremse tritt und das Hinterrad blockiert, rutscht man unweigerlich auf die Seite und prallt in die Leitplanke.

Polizeihauptkommissar Axel Strüver ist selbst passionierter Motorradfahrer.

Mit besserer Anfahrt und Geschwindigkeit wäre der Unfall am 15. April also vermeidbar gewesen?

Andreas Filthaut: Wir schließen überhöhte Geschwindigkeit und entgegenkommende Fahrzeuge in diesem Fall aus. Alleinige Ursache war mit hoher Wahrscheinlichkeit das falsche Anfahren der Kurve. Hätte die Fahrerin vorher an einem Fahrsicherheitstraining teilgenommen, wäre der Unfall vermutlich nicht passiert.

Diese Unfallursache ist kein Einzelfall – im Gegenteil. Woran liegt das?

Strüver: Ich glaube, dass einige Motorradfahrer gar nicht so genau wissen, was sie vor und in einer Kurve eigentlich machen sollten. Wenn es dann zu eng wird, reagieren viele schlichtweg falsch. Solche Situationen werden in Fahrsicherheitstrainings geübt, ohne dass die Teilnehmer dabei stürzen.
Filthaut: Ein weiterer Hintergrund könnte sein, dass man bereits nach 15 Fahrstunden den Führerschein der Klasse A erwerben und sich sofort ein Motorrad mit 160 PS und 280 Stundenkilometern Spitzengeschwindigkeit kaufen kann, obwohl man nicht in der Lage ist, es zu bedienen. Ein Skispringer beispielsweise kann auch erst nach hunderten Trainingsstunden auf großen Skischanzen springen.

Andreas Filthaut ist Leiter der Verkehrsunfallprävention der Polizei im Märkischen Kreis.

Sollte in diese Richtung über Gesetzesänderungen nachgedacht werden, sodass leistungsstarke Motorräder erst mit einer gewissen Erfahrung gefahren werden dürfen?

Filthaut: Ich denke nicht, dass man sofort an die Gesetze gehen, sondern vielmehr an die Vernunft der Fahrer appellieren sollte.

Die Unfallzahlen zum Saisonstart sind enorm. Woran liegt das?

Strüver: Viele Fahrer steigen sehr unvorbereitet aufs Motorrad. Die Maschine hat den Winter über in der Garage gestanden, man selber ist auch noch nicht wieder ganz fit und gelenkig. Viele nehmen sich einfach nicht die Zeit, sich einfach mal locker einzufahren, bevor sie ihre Touren starten.

Polizei zeigt, wie Unfälle auf dem Motorrad vermieden werden können.

Gibt es eine klare Zielgruppe für ihre Präventionsmaßnahmen?

Filthaut: Es wird oft von sogenannten ‘High Risk-Fahrern’ gesprochen. Die die tatsächlich mehr Unfälle verursachen, wie der 45-Jährige Wiedereinsteiger, möchte ich nicht behaupten. Wir sind der Überzeugung, dass es bei vielen Fahrern große Defizite im Fahrbereich gibt und raten daher zu Fahrsicherheitstrainings.
Strüver: Zur Risikogruppe gehören nicht nur die jungen Fahrer, sondern vor allem die Altersgruppe zwischen 40 und 55 Jahren. Ich denke, dort gibt es die meisten Unfälle.

Warum verunfallen Fahrer in diesem Alter besonders häufig?

Strüver: Oftmals handelt es sich bei diesen Fahrern um Wiedereinsteiger, die nach dem Hausbau und der Familiengründung den Entschluss fassen, wieder Motorrad fahren zu wollen und sich direkt die dickste Maschine kaufen, die auf dem Markt ist.

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Was raten Sie einem Wiedereinsteiger vor seiner ersten Tour?

Filthaut: Wiedereinsteiger sollten ein paar Fahrstunden in der Fahrschule nehmen und anschließend ein ausgiebiges Sicherheitstraining belegen. Ich kenne keinen, der da nicht lachend und mit viel Spaß wieder weggefahren ist.

An Wochenenden sind Motorradfahrer aus ganz NRW und den Niederlanden im Sauerland unterwegs. Sind sie besonders gefährdet?

Filthaut: Mindestens 50 Prozent der hier verunfallten Motorradfahrer kommen aus dem Umfeld des Märkischen Sauerlandes. Die Topografie ist hier um ein Vielfaches anders. Oftmals sind die auswärtigen Fahrer mit Bergen, Tälern und scharfen Kurven überfordert und legen sich deshalb leider auf die Nase.

Die Strecken im Sauerland sind stark frequentiert, manche wurden schon gesperrt. Was passiert, wenn Ihre Maßnahmen verpuffen?

Filthaut: Verkehrsunfälle werden oft genannt, wenn es um Streckensperrungen geht. Aber: Die Lärmproblematik ist auch ein Thema. Ich kann nur an alle Motorradfahrer appellieren: ‘Fahren Sie schonend auf diesen Strecken.’ Ansonsten wird man nicht darum herumkommen, über weitere Streckensperrungen nachzudenken. Und eine Sperrung darf im Interesse keines Motorradfahrers sein.

Quelle: wa.de

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