Politbotschaften zwitschern - Kurzer NRW-Wahlkampf zwingt ins Web

Brandneues Mitglied bei Twitter: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD)

DÜSSELDORF - Sarkozy twittert, Obama baut auf Facebook. Wahlkampf geht kaum noch ohne das Web. Parteistrategen wissen um die Bedeutung des Internets besonders in dem so kurzen Turbo-Wahlkampf in NRW. Auch Hannelore Kraft zwitschert jetzt.

Von Yuriko Wahl-Immel

Je kürzer der Wahlkampf, desto heftiger das Gezwitscher. In den nur acht Wochen bis zur Neuwahl in NRW setzen Parteistrategen gezielt auf das Web. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ist jetzt brandneues Mitglied bei Twitter. Schon nach 24 Stunden hatte die 50-Jährige am Mittwoch 1600 Follower. Da werde sie von FDP-Spitzenmann Christian Lindner aber noch locker abgehängt, freuten sich die Liberalen zu diesem Zeitpunkt in Düsseldorf. Klar ist: Im Internet schlummert Wähler-Potenzial. Und bei begrenzter Zeit und schmalem Finanzbudget hat das Online-Werben viele Vorteile.

Die erste Nachricht, die SPD-Landesparteichefin Kraft im offenen Kanal zwitscherte: "Tag beginnt um 5.30 mit 1,5 h Ausdauer- und Aufbautraining. Anschließend Frühstück mit meiner Mutter. Dann Abfahrt nach Düsseldorf." Wer der Spitzenkandidatin im Internet folgt, erfährt auch, dass sie voll in der Wahlkampfplanung steckt. Kraft twittert seit Dienstag, unter dem Kürzel HK. Textet ihr Team, wird das mit TK gekennzeichnet, betont Parteisprecher Christian Obrok. Kraft lasse teilhaben an Privatem wie Politischem. Auch das Texten auf Facebook überlasse sie nicht mehr nur ihrem Team. "Jetzt ist sie das selbst" - und sie schreibt über Solidarpakt oder Fußball.

Der nominierte FDP-Landeschef und Spitzenkandidat Christian Lindner ist schon weiter. "Mit über 6000 Followern bei Twitter und fast 8000 Anhängern auf Facebook ist er in der ersten Liga", meint Sprecher Moritz Kracht. Für den Hoffnungsträger gilt: "Christian Lindner zwitschert schon seit langem und er macht das zu hundert Prozent selbst." Und so lässt der 33-Jährige aktuell wissen: "Es geht um ein neues Denken: Zukunft statt Schulden."

Der neue nordrhein-westfälische Landtag soll am 31. Mai zu seiner konstituierenden Sitzung zusammenkommen. Das beschloss der Ständige Ausschuss des Parlaments laut Mitteilung. Der Ausschuss traf sich am Mittwoch zu seiner Gründungssitzung.

Die meisten Polit-Protagonisten setzten auf das Web, um ihre Botschaften unter das Wahlvolk zu bringen. Die empirische Wahlforschung zeige, dass es im Internet "ein nicht unerhebliches Wähler-Potenzial" gebe, schreibt Andrea Römmele, Professorin für Kommunikation in der Politik, in einem Blog für die "Zeit". Soziale Netzwerke haben in Deutschland Nutzer in zweistelliger Millionenhöhe. Im Wahlkampf sei die erste Hürde, die jede Botschaft überspringen müsse, keine inhaltliche, sondern eine kommunikative - also: Wie schaffe ich es, gehört zu werden?

Bei den Twitter-Fans stößt der prominente Neuzugang Kraft schon sehr schnell auf großes Hallo: "Wenn #HanneloreKraft mir nicht folgt, mich nicht favt, retweetet und empfiehlt, wähle ich sie nicht", schreibt einer. "Ich folge jetzt #HanneloreKraft, weil ich sie mag. Sie steht bei mir unter Mutterschutz. Landesmutterschutz", twittert ein anderer.

Auch die Grünen wissen: "Die Online-Kommunikation ist im Wahlkampf sehr wichtig", wie Parteisprecherin Andrea Rupprath sagt. Neue Wähler seien machbar. "Es ist nicht nur der bestehende Interessenten-Stamm im Netz. Der Kreis wächst." Die nominierte Spitzenkandidatin, Schulministerin Sylvia Löhrmann, setzt auf Facebook - und das schon vor dem Wahlkampf 2010. "Unsere Grundeinstellung ist: Man muss glaubwürdig sein, und das geht nur, wenn man nicht seine Mitarbeiter losschickt, sondern selbst und persönlich kommuniziert."

"Wir setzen uns intensiv mit dem Thema Online-Wahlkampf auseinander", sagt auch CDU-Sprecherin Julika Lendvai. Der Kampf um die Wählergunst bis zum 13. Mai ist längst in vollem Gang, seit Krafts rot-grüne Minderheitsregierung scheiterte und sich der Landtag auflöste. Der CDU-Spitzenkandidat und Landesparteichef Norbert Röttgen tummelt sich allerdings weder auf Facebook noch Twitter. Ganz anders die Piraten als Internet-Partei, sagt Landeschef Michele Marsching: "Twitter ist mein tägliches Kommunikationsmedium, für Politisches wie Privates. Auch, aber nicht nur im Wahlkampf." - lnw

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare