Pfadfinder im Ruhrgebiet: 14. August Besuchertag

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Ein Lied, bitte! Im Pfadfinder-Lager in Essen-Stoppenberg wird gesungen. Gut gelaunt, versteht sich. ▪

Von Andreas Sträter ▪ ESSEN–Der Pfadfinder kennt kein schlechtes Wetter. „Die wären auch bei Regen gekommen“, sagt Christian Schnaubelt und blickt sich um. Vor ihm sitzen über 1000 junge Menschen – sie sind Wölflinge, Jungpfadfinder, Pfadfinder und Rover und kommen aus elf Nationen. Mitten in Essen haben sie das größte Pfadfinderzeltlager Deutschlands aufgeschlagen und zelebrieren dort das Leben im Lager. Die Zeltstadt entlang eines zwei Kilometer langen Bauzaunes unweit der Zeche Zollverein in Essen-Stoppenberg nennt sich „ruhrjamb.2010“ und ist der Höhepunkt des Twins-Projekts „move to 10 – scouting culture“ zur Kulturhauptstadt der Metropole Ruhr.

Für Christian Schnaubelt ist das Riesen-Zeltlager ein Höhepunkt in seinem Pfadfinderleben, 24 Jahre ist der Bochumer nun dabei. Er findet, dass die Pfadfinderkultur gut ins Ruhrgebiet zwischen Kumpel und Kohle passe. „Hier gibt es eine Offenheit auf die Menschen zuzugehen. Auch wir leben hier eng zusammen, da ist Rücksicht angesagt“, erklärt er. Und dann sei da noch der Multi-Kulti-Effekt. In den sechs Dörfern am Stoppenberg leben Pfadfinder aus Algerien, Weißrussland, Bolivien, Palästina, Südafrika oder Jordanien. „Auch, wenn es sprachliche Barrieren gibt, wir können uns immer gut verständigen.“

Die Jungs und Mädchen tragen Uniformen, gleichfarbige Hemden, kurze Hosen, Kniestrümpfe und die typisch englischen, vielfach eingedrückten Hüte. Für die Besucher aus dem Ausland gibt es als Gastgeschenk gelbe Malocherhelme – sie kommen als Fremde und gehen als Kumpel. Schnaubelt hofft, dass die Pfadfinder nach zwei Wochen Lagerleben Netze über zwei Kontinente spannen können.

Genug Zeit zur freien Entfaltung haben auch die Pfadfinder in der Essener Zeltstadt, die mitten im Herzen des Reviers mit Leben gefüllt wird. „Es geht nicht darum, die Kinder zwei Wochen lang zu bespaßen. Unsere Grundeinstellung ist, dass sich die Pfadfinder selber bespaßen und sich einfach kennen lernen“, sagt Judith Bung vom Diözesanverband Essen. „Pfadfinderkultur heißt für uns entdecken, ausprobieren und unterwegs sein“, erklärt sie. Natürlich geht es auch ins Revier, zu den Zechen und Schächten, nach Hagen, Gelsenkirchen oder Bochum. „Hikes“ heißen die Mehrtagestouren im offiziellen Pfadfinderjargon. Die Pfadfinder sind dann bis zu drei Tage unterwegs – zu Fuß, in der Gruppe, bepackt mit einem Zelt. Auch die „Hikes“ gehen zurück auf die Ideen von Pfadfindergründer Lord Robert Baden-Powell: Die Jugend sollte die Jugend führen, wobei die Älteren die Jüngeren anleiten, dabei anspornen und anleiten, und zwar draußen, in freier Natur, fern von Familie, Eltern, Lehrern, im Kontakt mit Wetter und Landschaft. Wenn die Gruppen wieder nach Hause auf das Lagergelände kommen, gibt es einen „Campfireabend“ mit Feuer, Gemeinschaft und Gitarre.

„Das ist doch super hier, mir macht alles Spaß“, sagt der zwölfjährige Yannik Draitschink vom Stamm St. Georg aus Duisburg-Fahrn. Er sitzt mit seinen Duisburger Freunden Sofie Heisterkamp (8) und Fabian Puttins (11) auf Holzklappstühlen und singt Lagerlieder. Eines heißt „Hallo im Hallo“, stammt aus der Feder von Liedermacher Markus Nesemann, spielt auf den Namen des Geländes an und ist der Lagerhit. Die drei Freunde leben in Dorf eins, zusammen mit den Duisburger Stämmen Karl Martin, Marcel Callo, St. Nikolaus und St. Peter. Als Gastpfadfinder sind hier 20 Pfadfinder aus Ufa, der Hauptstadt der russischen Republik Baschkortostan, untergebracht. Junge Menschen von Rhein und Ruhr lernen Pfadfinder kennen, die etwa 100 Kilometer westlich des Urals leben.

Die Sonne brennt auf das Lagerleben nieder, 27 Grad sind es schon am Morgen. Die Pfadfinder umweht der kräftige Geruch von Wiesengrün. In den Zelten staut sich die Luft unter dem schweren Stoff der bundeswehrbraunen Zelte. Das ist die Luft eines Zeltlagers. Nebenan im Küchenzelt wird das Mittagessen vorbereitet.

Jedes Dorf bekommt im Logistikzentrum täglich eine Kiste voller Lebensmittel. 1000 Liter Milch, 21 Kilo Käse und 70 Brote stehen auf der Einkaufsliste der Campleiter – das reicht für einen Tag im Lager. „Ein Riesen-Aufwand“, beschreibt Christian Schnaubelt, der Sprecher des Camps. Im Logistikzentrum laufen alle Fäden zusammen, hier schlägt das Herz des Mega-Lagers. Und hier kann auch der Postbote Briefe für die Lagerkinder abgeben, es gibt sogar einen Sonderstempel, darauf ist das zehnköpfige Leiterteam besonders stolz. Unterstützt werden die Ehrenamtlichen von 80 Helfern in den sechs Dörfern.

Hier leben Kinder mit unterschiedlicher Hautfarbe und verschiedenen Konfessionen. Etwa 20 Prozent der Lagerteilnehmer sind Protestanten oder Muslime. Der Pfadfinderverband Deutsche Pfadfinderschaft (DPSG) ist vor allem katholisch geprägt. Akzeptanz und Toleranz sind die Stichwörter des zweiwöchigen Lagerlebens. „Wir zieh‘n ein buntes Band von Stadt zu Stadt und von Land zu Land“, heißt es passend dazu in dem flott-einprägsamen „Hallo-Hallo“-Schlager-Lagersong. „Stahl und Kohle gab es hier nebenan. Doch hier hat sich viel getan“, klingt es weiter. Tatsächlich, der Zeltplatz erinnert eher an Sauerland als an Kohlenpott.

Die Pfadfinder-Bewegung

Pfadfinder gibt es auf der gesamten Welt, nur in den sechs Staaten Andorra, China, Kuba, Laos, Myanmar und Nordkorea findet man keine Stämme. Die Bewegung wurzelt auf der winzigen Insel Brownsea in Ostengland, denn dort begann am 31. Juli 1907 das erste Pfadfinderlager. Der damals 50 Jahre alte General Lord Robert Baden-Powell hatte einst 22 Jungen zu einem Camp eingeladen. Dieses Zeltlager mündete in eine weltweite Bewegung, zu der sich in diesem Moment fast 28 Millionen Menschen zählen sollen. Und ein Vielfaches davon hat sich in den über hundert Jahren, die seither verstrichen sind, von dieser Bewegung ins Leben leiten und prägen lassen. Baden-Powells Maxime war Selbsterziehung: Das unterscheidet seine Idee vom Pfadfindertum von allen totalitären Abwandlungen, die von seiner Bewegung kaum mehr als die farbigen Hemden und die Halstücher übernahmen: die Hitler-Jugend oder die sozialistischen Organisationen bis zur FDJ. Baden-Powell wollte nicht, dass die Pfadfinder mit Waffen hantieren oder in Reih und Glied antreten, vielmehr sollten sie Solidarität und Durchhaltevermögen lernen.

14. August

Die Menschen im Ruhrgebiet sind am Samstag, 14. August, zur Stippvisite eingeladen. Der Sportpark an der Hallostraße 50 befindet sich nahe dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein im Essener Norden. Zum „pfadfinder.treffen“ werden dann über 500 zusätzliche Pfadfinder erwartet, sagt die DPSG-Diözesanvorsitzende Judith Bung.

Mitmachaktionen (ab 15 Uhr) und der Gottesdienst mit Weihbischof Ludger Schepers (18 Uhr) sind geplant.

http://www.pfadfindertreffen.de

Quelle: wa.de

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