Opelaner berauschen sich am "Zaubertrank der Solidarität"

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BOCHUM - Grund zum Feiern ist das Aus der Autoproduktion am Standort Bochum 2016 nicht. Schließlich stehen tausende Arbeitsplätze bei Opel und Zulieferern auf dem Spiel. Doch genau das ist im Ruhrgebiet genug für ein großes Solidaritätsfest.

Als aus Hunderten Kehlen am Sonntag vor dem Bochumer Rathaus das traditionsreiche Steigerlied als Hymne für das Ruhrgebiet erklingt, gibt der Bochumer Betriebsrat Rainer Einenkel gerade neben der Bühne Interviews. "Solidarität ist unser Zaubertrank und davon trinken wir heute eine Menge", spricht er in die Mikrofone. 18 000 Menschen sind zum Solidaritätsfest in die Innenstadt gekommen. Sichtlich überwältigt wirkt Einenkel als er am Morgen vor der fahnenschwenkenden Menge steht.

Seit Monaten kämpft er mit aller Macht für den Erhalt des Bochumer Werks, für Arbeitsplätze und auch dafür, dass über 2016 hinaus weiter Autos vom Bochumer Band rollen. Manchmal, so schien es in der Vergangenheit, kämpfte er mit seiner rigorosen Haltung im Gesamtbetriebsrat auf verlorenem Posten. Er war der einzige, der den am Donnerstag vorgelegten Sanierungsplan nicht unterschrieb. Im Ruhrgebiet kann er sich dem Applaus der Menschen sicher sein, wenn er ins Mikrofon ruft: "Wir lassen uns von niemandem vertreiben!"

Dass ein solcher Kampf sich lohnt, davon sind hier viele überzeugt. Etwa Klaus Bartkewitz, ehemaliger Bergmann in traditioneller Knappentracht, mit Grubenlampe und Schachthut. "Opel hat die Bergleute in der Region damals aufgefangen, jetzt macht General Motors alles wieder platt. Das ist eine Schweinerei."

In der Innenstadt herrscht Volksfeststimmung. Etliche Vereine, Verbände und Persönlichkeiten der Region sind an diesem Sonntag gekommen, weil sie ein Zeichen der Unterstützung setzen wollen - jeder auf seine Weise. Der Bergmannschor singt mit den Bochumer Symphonikern, Darsteller des Bochumer Schauspielhauses und Kabarettisten der Region stehen auf der Bühne. Aus der Ferne übermittelt der Sänger Herbert Grönemeyer eine Grußbotschaft, spricht von "grausamen Verrat an den Bochumer Opelanern". Ein ehemaliger Kantinenchef des Bochumer Opelwerks bringt 8000 Portionen Kartoffelsuppe unters Volk. Opel-Oldtimer-Clubs haben ihre Schätzchen auf Hochglanz poliert.

200 Motorradfahrer aus ganz Nordrhein-Westfalen sind in einem langen Biker-Korso angereist, um unmissverständlich klar zu machen: "Es können im Revier nicht immer nur Stellen abgebaut werden." Dörg Pfefferkorn, genannt "Koordi", vom Biker Union Stammtisch Herne weiß wovon er spricht: Als es Bochum 2008 mit dem Weggang von Nokia bereits hart traf, verlor er seinen Job beim Handyhersteller.

Weil auch sie sich nicht mehr sicher fühlen, tritt auf die Bühne auch eine Delegation des Daimler-Standortes in Düsseldorf. 30 Leute des Autobauers sind mit dem Bus nach Bochum gekommen, weil sie fürchten, dass das Bochumer Werk nur der erste Domino-Stein sein könnte: "Wenn Opel fallen wird, wird kein Autowerk in Deutschland mehr sicher sein", ruft Daimler-Vertrauenskörperleiter der IG Metall, Bernd Kost. Er glaubt, dies werde nicht das letzte Mal sein, dass in Bochum Tausende auf die Straße gehen: "Wir sind hier, um den Kampf zu beginnen - und wir kommen wieder um den Sieg zu feiern". Heute ist ein Tag für kämpferischen Optimismus im Revier. - lnw

Quelle: wa.de

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