Die Öffentlichen Büchereien und die Kulturhauptstadt

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Dr. Volker Pirsich, geboren 1952, arbeitet seit 1987 in Öffentlichen Bibliotheken, seit 1989 in Leitungsfunktion, zunächst in Offenburg, seit 1991 in Hamm. Seit Beginn der 1990er Jahre ist er in zahlreichen Funktionen im deutschen wie im internationalen Bibliothekswesen aktiv, aktuell Mitglied im ständigen Ausschuss „Library Services to Multicultural Populations“ des bibliothekarischen Weltverbandes IFLA. ▪

Kulturhauptstadt: Das sind nicht nur Events, Theaterfestivals, Ausstellungen. Gelebte Kultur findet in öffentlichen Büchereien statt. Allerdings drücken gerade hier die Nöte der Ebene, wie der Leiter der Stadtbüchereien Hamm, Volker Pirsich, im Gespräch mit Ralf Stiftel erläutert.

Wie bedeutet die Kulturhauptstadt für Ihre Arbeit?

Pirsich: Sie betrifft unser Haus, weil es den größten Teil der literarischen Aktivitäten der Stadt Hamm wahrnimmt. Ein großes Kulturprojekt in der Region ist „Mord am Hellweg“, da können wir in Kooperation mit dem Westfälischen Literaturbüro Unna einen herausragenden Programmanteil entwickeln. In den Jahren zuvor haben wir drei bis vier Veranstaltungen gehabt, jetzt sind wir bei zwölf gelandet. Das ragt aus dem Üblichen schon weit heraus. Ein weiteres Projekt ist „Erzählen. Märchenfestival“, für das die Federführung in Hamm ebenfalls bei meinem Haus liegt.

Gibt es eine zusätzliche Nachfrage?

Pirsich: Teils, teils. Es bezieht sich nicht auf die Kulturhauptstadt allgemein. Das Haus bietet nicht die ganz großen Ereignisse. Wir spielen einfach in anderen Dimensionen mit unseren originären Angeboten für das Publikum in unserer Stadt.

Täuscht Eindruck, dass die Kulturhauptstadt bei den Bibliotheken eher am Rande ankommt?

Pirsich: Es hat eine sehr schwierige Kooperationsgeschichte der Bibliotheken des Ruhrgebietes mit den Machern von Ruhr.2010 gegeben. Der Eindruck täuscht also nicht. Wir haben uns schon 2006 als Großstadtbibliotheken des Ruhrgebiets zusammengesetzt und der Ruhr.2010 Vorschläge gemacht. Diese Vorschläge sind im günstigsten Fall dilatorisch (verzögernd, Red.) behandelt worden, im ungünstigen Fall sind sie nicht akzeptiert worden, ohne dass bis heute Ablehnungen vorlägen. Von daher ist das Verhältnis ein nicht ganz entspanntes.

In Zeiten wie diesen ist das Geld knapp, Museen und Theater sind von Schließung bedroht. Wie stellt sich die Situation in den Büchereien dar ?

Pirsich: Die Situation ist schlecht. Man kann bei Bibliotheken zwei Stellschrauben anziehen oder lockerlassen. Das sind der Medienerwerbsetat und die Personalstruktur. Beide spielen in der Diskussion eine Rolle. Die Verringerung des Erwerbsetats dürfte die Regel sein.

Weshalb müssen Sie noch Bücher kaufen? Sie haben doch viele Bücher.

Pirsich: Die wissenschaftlichen Bibliotheken haben einen Sammlungsauftrag. Den haben wir nicht. Hamm hat in den letzten Jahren 30 000 Medien pro Jahr gekauft und in derselben Zeit genauso 30 000 aus dem Bestand ausgeschieden. Ein Konsolenspiel ist nach wenigen Monaten wieder draußen, eine Abhandlung zu einem geistesgeschichtlichen Thema hat eine Verweildauer weit in die Zukunft hinein. Als Erneuerungsquote streben wir im Jahr zehn bis zwölf Prozent unseres Bestandes an.

Der Umschlag muss so stark sein, weil sonst die Bibliotheken schnell keinen Platz mehr hätten?

Pirsich: Das ist das eine. Das andere ist: Jedes Medium macht die Hälfte seiner Ausleihen im ersten Jahr in der Bibliothek. Danach wird es immer uninteressanter, und nach dem fünften, sechsten Jahr erzielt es nur noch Ausleihen, wenn das Buch einen bleibenden Wert hat.

Aktualität muss sein?

Pirsich: Sicher. Wenn Kunden über längere Zeit die selben Angebote finden, dann sagen sie, das kennen sie alles, und sie werden über kurz oder lang das Bibliotheksangebot nicht mehr wahrnehmen. Das betrifft nicht nur Belletristik, sondern auch und gerade Sach- und Fachliteratur.

Umso schlimmer, wenn Ankaufsetats schrumpfen.

Pirsich: Und sie schrumpfen in fast allen Städten. Nur in ganz, ganz wenigen nicht, die ausgeglichene Haushalte vorweisen. Aber es geht in letzter Konsequenz so weit, dass die Reduzierung bis auf Null zumindest angedacht oder angedroht wird.

Was bereitet noch Schwierigkeiten?

Pirsich: Die Situation der Bibliotheken hat sich dadurch verschlimmert, dass speziell in den Großstädten praktisch ausschließlich die Finanzwerte betrachtet werden. Der aktuelle Bericht der Gemeindeprüfungsanstalt gibt vor, den Kommunen vorzuschlagen, die preiswertesten Bibliotheken zum Maßstab zu nehmen. Dabei werden die Schwierigkeiten spezieller Aufgabenstellungen nicht berücksichtigt. Dies in einer Zeit, wo die Bibliotheksarbeit einem unglaublichen Wandel unterliegt. Wir haben uns zum Beispiel der Herausforderung zu stellen, dass Digitalmedien und Downloads Bestandteil unserer Arbeit werden müssen.

Also gehören E-Books zum Angebot?

Pirsich: Wir sind auf einem sehr niedrigen Niveau angefangen, haben aber in jedem Jahr prozentual sehr hohe Zuwächse. Das ist eine Notwendigkeit für die Zukunft, weil die Off line-Medien wie CD, DVD und CD-Rom irgendwann vom Markt herunter sein werden. Wenn wir auf die entsprechenden Kunden nicht verzichten wollen, müssen wir ihnen die Nachfolgemedien anbieten.

Gibt es weitere Umbrüche?

Pirsich. Außerdem ändert sich unsere Klientel. Hamm ist in der Nähe von 30 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund. Wir haben in den sechs größten Gruppen Sprachfamilien, auf die wir uns vorbereiten müssen: türkischstämmig, russischstämmig, polenstämmig, jugoslawienstämmig, arabisch sprechend, aus Sri Lanka kommend, also tamilisch sprechend.

Was könnte das Land tun, um die Bibliotheken zu unterstützen.

Pirsich: Das Büchereiwesen ist nach wie vor eine freiwillige Aufgabe, wobei sich im Landtag meines Wissens mit Ausnahme der FDP alle Fraktionen für ein Bibliotheksgesetz ausgesprochen haben. Aber die Bibliotheksgesetze in Deutschland werden keine Gesetze sein, die den Kommunen vorschreiben, wie sie Bibliotheken zu betreiben haben. Sie werden nur Aussagen machen, dass es eine ausreichende Ausstattung der Häuser geben soll. Wenn es kommt, wird das ein Gesetz ohne Geld sein. Aber es wäre zumindest eine erste Verankerung der Bibliotheken in der Landesgesetzgebung.

Die Stadtbücherei Hamm verzeichnet im Heinrich-von-Kleist-Forum steigende Nutzerzahlen: 2010 voraussichtlich mehr als 300 000 (2009: 299 604).

Zum Erfolg trägt das Veranstaltungsprogramm bei. Mord am Hellweg beginnt in Hamm am 19.9. mit einer Wandellesung durch Hamm. Die Reihe „Erzählen. Märchenfestival“ beginnt am 30.10.; am 7.11. startet der Literarische Herbst, diesmal unter anderem mit Lesungen von Eugen Drewermann und Dieter Kühn.

Geöffnet mo – fr 10 – 19, sa 10 – 13 Uhr, Tel. 02381/175751, http://www.hamm.de/stadtbuecherei

Quelle: wa.de

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