Billiges Schweinefleisch

„Immer verzweifelter“: Schweine-Züchter im Ruhrgebiet leiden unter Preisverfall

Immer billiger: Der Preis für Schweine befindet sich weiter im radikalen Abwärtstrend. Heimische Schweinehalter stürzt das in eine tiefe Krise.

NRW – 700 Gramm frisches Schweine-Kotelett, das sind etwa vier große, dicke Koteletts, für nicht einmal vier Euro – so oder so ähnlich sehen Angebote beim Discounter für Schweinefleisch aus. Zu wenig, befinden Tierschützer. Zu wenig, sagen aber auch die Bauern selbst. Denn, wie RUHR24* berichtet, kann für das, was vom Verkaufspreis für die Landwirte übrige bleibt, kein Schwein gewinnbringend aufgezogen und gemästet werden.

lndwirtschaftlicher BetriebszweigSchweinehaltung
Betriebe in Deutschland22.900
Schwerpunkte der SchweinehaltungNiedersachsen und Nordrhein-Westfalen

Preise für Schweine: Schweinehalter im Ruhrgebiet in Existenznot

Allerdings haben die Preise für die Verbraucher und die Erzeuger nur bedingt etwas miteinander zu tun. Wie agrarheute erklärt, gebe der Einzelhandel den Verbraucherpreis vor. Die Spanne zum Erzeugerpreis ist dabei mitunter sehr groß. Sichtbar wird das daran, dass anders als die Verbraucherpreise sich die Schweinepreise für die Erzeuger seit geraumer Zeit im absoluten Sinkflug befinden.

Aktuell seien sie bei einem Tief von 1,25 Euro je Kilo angekommen, beklagt der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) in einer Pressemitteilung. Schweinehalter bring dieser Preissturz in eine verzweifelte Lage. Viele schreiben „tierfrote Zahlen“ – es droht echte Existenznot.

223 Schweinehalter gehören zum Ruhr-Lippe-Verband. Viele haben ihre Höfe im Raum Unna (154 Schweinhalter) oder in Hamm (57). Aber auch in Dortmund (9) und Herne (3) kämpfen die Schweinemäster und Sauenhalter um das Überleben ihrer Betriebe. Denn es sei nicht so, dass sie aktuell einfach nur wenig an einem Schwein verdienten, sie zahlen sogar drauf: „Bei jedem Schwein, das den Stall verlässt, legen wir 70 Euro drauf“, so Hans-Heinrich Wortmann, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe.

Schweinhalter in NRW: Die großen Verlierer im Preiskampf

Viele Scheinhalter sorgen sich um ihre Familienbetriebe und sehen sich als die großen Verlierer innerhalb der Wertschöpfungskette. Denn die Preise würden vom Lebensmittelhandel und den großen Schlachtunternehmen, zu denen Konzerne wie Tönnies oder Westfleisch gehören, diktiert. Konzerne, die zuletzt vor allem wegen der miserablen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie in Verruf geraten waren*. Die Landwirte, so Wortmann, seien nur das schwächste Glied in der Kette – neben den Schweinen selbst.

Besonders massiv seien Landwirte mit Sauenhaltung von der Krise betroffen: Sinkende Preise auf der einen, teure Investitionen für gesetzlich vorgeschriebene Umbauten in den Ställen auf der anderen Seite. Wirtschaftlich oder gar gewinnbringend arbeiten könnten die Landwirte so nicht. Sie fordern, dass „Schlachtunternehmen, Verarbeiter, Großverbraucher und der Lebensmitteleinzelhandel die heimische Erzeugung durch entsprechende Einkaufs- und Preispolitik stabilisieren und stärken“.

Die Schweinemast: Für viele Landwirte nur noch ein teures Hobby.

Schweinemastbetriebe in NRW: Hochspezialisiert um mithalten zu können

Sonst, so der Verband, drohe ein ganzer Berufszweig wegzubrechen. In Deutschland wäre das ein massiver Einschnitt: Bundesweit gibt es nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung aktuell rund 22.900 Betriebe, die insgesamt 26,9 Millionen Schweine halten. Viele davon in NRW*. Um überhaupt noch mithalten zu können, sind die meisten Betriebe hoch spezialisiert. Heißt: Ein einzelner Betrieb hält immer größere Tierbestände. Und trotzdem ist mit der Schweinemast derzeit kein Gewinn erzielbar.

Wie viel der Einzelhandel und wie viel die Schlachtbetriebe an den Schweinen verdienen, bleibt mitunter ein Rätsel. In einem Bericht des NDR vom Dezember 2020 rechnet ein Schweinmäster vor: 1,30 verdiene er für ein Kilogramm Fleisch. Edeka verkaufe das Fleisch für einen Kilopreis von etwa fünf Euro. Wo die restlichen 3,70 Euro blieben, würde er sich schon fragen.

Schweinemast im Ruhrgbiet: Stärkung der heimischen Betriebe gefordert

Aktuell wirft dieselbe Rechnung ähnliche Fragen auf. Laut WLV liege der Preis für die Schweinehalter aktuell bei 1,25. Selbst zum billigen Discounter-Angebot – 5,70 kostet hier das Kilo Schweinefleisch – besteht demnach eine deutliche Differenz von 4,45 Euro*. Preiserhöhungen im Handel kommen bei den Landwirten offenbar nicht an.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner zeigt unterdessen guten Willen: Für Mittwoch (15. September) hat sie zu einem Branchentreffen eingeladen, bei dem Wege aus der Krise gesucht werden sollen.

Denn nicht nur Verzweiflung, auch Wut klingt in der Mitteilung der Landwirte mit: Die Politik sei Landwirten und Verbrauchern endlich eine Antwort schuldig. Eine Stärkung der heimischen Betriebe und ein Schutz vor Einfuhren mit geringeren Standards sei dringend nötig. „Wir Landwirte kennen den Markt mit seinen Höhen und Tiefen seit Jahrzehnten. Aber so eine Situation haben wir noch nicht gehabt.“, betont Wortmann. *RUHR24 ist Teil des Redaktionsnetzwerks von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband

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