NRW-Piraten küren Landtagsteam

Joachim Paul

MÜNSTER - Unerwartete Schlappe für den NRW-Landeschef der Piraten Michele Marsching: Nicht er, sondern der promovierte Biophysiker Joachim Paul (54) aus Neuss wird Spitzenkandidat der NRW-Partei bei der Landtagswahl im Mai.

Von Detlef Burrichter

Anders als bei den anderen Parteien wird die Landesliste bei den Piraten nicht durch den Vorstand vorgeschlagen und dann auf einer Delegiertenversammlung gewählt. Jedes Mitglied des Landesverbands kann sich für einen Listenplatz bewerben. Die Parteibasis wählt dann die Landtagskandidaten aus ihrer Mitte. So viel Basisdemokratie ist eine anstrengende Angelegenheit – und weckt zudem Begehrlichkeiten, wie die Piraten jetzt erleben mussten. Bis zur letzten Minute gingen immer neue Bewerbungen ein.

Noch am Mittwoch waren an einem einzigen Tag 170 neue Mitglieder eingetreten, sagte Pressesprecher Achim Müller. Etliche mit der erklärten Absicht, sich noch spontan für die Landesliste zu bewerben. Insgesamt gab es 180 Bewerber für 42 Listenplätze. Allein die Vorstellung der 37 Kandidaten für Listenplatz eins dauerte mehrere Stunden. Am Ende des Tages war auch nur dieser erste Listenplatz vergeben.

Vergeblich hatte der Berliner Piraten-Landtagsabgeordnete Christopher Lauer zu Beginn des Parteitages Disziplin eingefordert. „Die Kompetenz soll zählen“, so Lauer. Und ob es den Piraten schmecke oder nicht: „Wer Listenplatz 1 hat, hat nun einmal automatisch die Spitzenkandidatenfunktion und die mediale Aufmerksamkeit.“ Doch davon wollten die NRW-Piraten nichts hören. Sie setzten zunächst durch, dass ein Vierer-Spitzenteam gewählt wird, mit dem sie den NRW-Landtag entern wollen. Allein das Wort Spitzenkandidat löste eine hitzige Debatte aus.

Die gewählten Kandidaten für die Listenplätze 1-4 der Piratenpartei (von links): Lukas Lamla, Joachim Paul, Marc Olejak und Michele Marsching.

Auch die Geschäftsführerin der Piratenpartei in Deutschland, Marina Weisband aus Münster, verteidigte das basisdemokratische Vorgehen. „Wir wollen das offene System beibehalten. In Münster müssen wir beweisen, dass das funktioniert.“ Spitzenkandidat Joachim Paul bekannte sich ebenfalls zu einer lupenreinen Teamlösung. „Ich will mit einem Netz, einem Team in den Landtag einziehen“, sagte der auf der landespolitischen Bühne bislang unerfahrene Neusser. Der 54-Jährige steht für die Bereiche Bildung, Forschung, Medien. Im Wahljahr 2010 hatte er mit Marsching das Bildungsprogramm der Piraten erarbeitet.

Das Ziel, in den NRW-Landtag einzuziehen, scheint angesichts der Umfragewerte von 5 bis 6 Prozent zum Greifen nahe. Doch die politisch erfahrenen Piraten warnen vor allzu viel Euphorie. Wahlprognosen seien noch längst keine Wahlergebnisse, ermahnte Lauer. Ausgemacht sei gar nichts. „Wir können es uns aber nicht erlauben, in Nordrhein-Westfalen nicht in den Landtag zu kommen“, so der Berliner Abgeordnete.

Viel Geld für den Wahlkampf haben die Piraten nicht. Gerade mal 120.000 Euro stehen dem jungen Landesverband zur Verfügung. Doch ihr größtes Potenzial sehen die Piraten zurzeit ohnehin in der Medienwahrnehmung. Die habe sich nach dem Einzug ins Berliner Parlament schlagartig geändert. Plötzlich würden die Piraten nicht mehr als reine Spaßpartei gesehen, sondern als neue politische Kraft wahrgenommen, sagen Lauer und Weisband.

Und eine weitere Trumpfkarte halten die Piraten in der Hand: Analysen der Berliner Wahl haben gezeigt, dass die Piraten viele Stimmen aus dem großen Lager der bisherigen Nicht-Wähler holten. Fürchten müssen sich auch die Liberalen, von denen die Piraten in Berlin profitierten. „Wir sind das Update“, konterte Lauer selbstbewusst den FDP-Slogan „Wir sind das Original“. „Der menschenverachtende neoliberale Schrott hat die FDP dahin gebracht, wo sie hingehört, nämlich auf das Abstellgleis“, ätzte der Berliner Wahlhelfer. Aber auch von den Grünen zogen die Piraten in Berlin Stimmen.

Bevor es in NRW überhaupt so weit kommen kann, müssen die Piraten erst noch andere Hürden nehmen. 1000 Unterstützerunterschriften, die von den Ordnungsämtern verifiziert werden müssen, müssen noch bis Ostern beigebracht werden, sagte Sprecher Müller. Zudem braucht jeder Kandidat auf der Landesliste 100 Unterstützerunterschriften. „Aber wir sind alle hoch motiviert und werden das schaffen.“ Ziel der Piraten sei es, in etwa 100 der 128 NRW-Wahlkreise mit einem Direktwahlkandidaten anzutreten. Bei der Wahl 2010 waren sie in 66 Wahlkreisen angetreten. Damals bekamen sie 1,6 Prozent der Stimmen.

Joachim Paul im Porträt:

Computer sind für Joachim Paul kein Hobby, sondern Teil des Berufs: Der 54 Jahre alte, promovierte Biophysiker aus Neuss arbeitet als Medienpädagoge im öffentlichen Dienst. Unter anderem schult er Lehrer im Umgang mit Online-Medien. Vollbart, Sakko, ergrautes Haar - Paul passt nicht in das Klischee der "hippen" und unangepassten Piraten. Er ist auch erst seit kurzem politisch aktiv: Sei Sohn habe ihn 2009 für die Piraten angeworben, vorher sei er nie in einer Partei gewesen, schreibt Paul offen in seinem Kandidatensteckbrief für das Parteitreffen.

Dass er als politischer Neuling gleich als erster Pirat für den Landtag nominiert wurde, war für Paul nicht nur überraschend, sondern auch ziemlich aufregend. "Ich bin voll mit Adrenalin bis unter die Haarkrause", stieß er hervor und fand auch danach auf Anhieb nur mühsam die passenden Worte. Jedenfalls: Seine Schwerpunkte sind Bildung, Forschung und Medien. "Und mit den Medien flirten muss ich noch lernen", sagte Paul angesichts des ungewohnten Interesses an seiner Person - für den Lernprozess bleiben bis zur Wahl noch einige Wochen Zeit. - lnw

Die Piraten-Liste:

Beim Parteitag der Piraten in Münster kamen folgende Personen auf die ersten Plätze der Liste zur Landtagswahl:

1. Joachim Paul, Neuss

2. Lukas Lamla, Neuss

3. Marc Olejak, Düsseldorf

4. Michele Marsching, Weeze

5. Simone Brand, Bochum

6. Daniel Düngel, Oberhausen

7. Nico Kern, Viersen

8. Monika Pieper, Bochum

9. Birgit Rydlewski, Dortmund

10. Daniel Schwerd, Köln

...

15. Robert Stein, Hamm

Quelle: wa.de

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