Im NRW-Landtag regieren die Handwerker

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Der völlig entkernte Plenarsaal des Landtages in Düsseldorf bekommt nach neuen Leitungen auch wieder einen Boden.

DÜSSELDORF - Kreischen statt Reden, Werkzeugkasten statt Aktenkoffer - im NRW-Landtag werden derzeit Schleifmaschinen statt Reden geschwungen. Mit Millionen wird der Plenarsaal aufgerüstet - bleibt aber grau.

Von Bettina Grönewald

"Absturzgefahr" droht den 237 Abgeordneten des nordrhein-westfälischen Landtags normalerweise nicht, wenn sie ins Parlament kommen. Zurzeit finden sich allerdings Warnschilder wie dieses vor dem völlig zerlegten 700 Quadratmeter großen Plenarsaal. Für 4,5 Millionen Euro wird das Herzstück der Volksvertretung von Grund auf renoviert. Der Landtag wird barrierefrei, erhält neue Klima- und Mikrofonanlagen, moderne Stühle und neues Parkett.

Nichts erinnert auf der Großbaustelle an den üblichen Parlamentsbetrieb: Der Plenarsaal ist komplett entkernt, der alte Parkettboden, Teppiche, Tische, Stühle und das große Landeswappen sind entfernt worden. Jetzt regieren die Handwerker. Wo sich sonst Minister und Opposition Wortgefechte liefern, kreischen Schleifmaschinen unter grauen Zeltplanen. Dicke Luftschläuche winden sich wie Riesenraupen durch den Saal. Statt schwarzer Aktenkoffer stehen überall rote Werkzeugkästen auf dem Boden. Und wo normalerweise Politiker in feinem Zwirn wandeln, wird jetzt gewarnt: "Sicherheitsschuhe benutzen".

Seit das Landtagsgebäude 1988 eingeweiht worden ist, haben Parlamentarier insgesamt 5500 Stunden in Plenarsitzungen debattiert, hat die Landtagsverwaltung ausgerechnet. Für die manchmal muffige Atmosphäre waren aber weniger die Redebeiträge als vielmehr die alte Klimaanlage verantwortlich: Die brachte vermeintliche Frischluft ausgerechnet durch den Teppichboden. Moderne Technik soll künftig wenigstens in dieser Hinsicht für prima Klima zwischen den fünf Fraktionen sorgen. Behinderte werden im erneuerten Plenarsaal keine Stufen mehr zu überwinden haben, um ans Rednerpult zu gelangen.

Wenn Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nach der Sommerpause am 12. September ihre erste Regierungserklärung in der neuen Legislaturperiode abgibt, muss alles fertig sein. "Wir liegen gut im Zeitplan", berichtet Landtagssprecher Florian Melchert. Stapel von Mörtelsäcken, Dämmstoffpaketen und silbernen Rohren, die noch in der Wandelhalle auf ihren Einsatz warten, zeigen aber: Bis der Plenarsaal in neuem Glanz erstrahlt und die Handwerker ihn besenrein an die Politiker übergeben können, ist noch viel zu tun.

Mut zur Farbe zeigt das halbrunde Glashaus am Düsseldorfer Rheinufer auch weiter nicht. Während der Bundestag mit lila Stühlen auf sich aufmerksam macht, bleiben die Landtagssessel grau - immerhin bald aus Leder statt Stoff. Auf einem modernen Stahl-Schienen-System seien sie künftig aber leichter auszutauschen und flexibler an die wechselnde Abgeordnetenzahl anzupassen, sagt Melchert. - lnw

Quelle: wa.de

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