V-Mann "Corelli": Der am Zuckerschock starb

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DÜSSELDORF - Er ist ein "Anti-Bond": Spion "Corelli" ist nicht edel, sondern fischt im braunen Sumpf. Seine Kulisse sind keine Schweizer Berge und exotischen Gefilde, sondern Sachsen-Anhalt und Paderborn. Dort stirbt er im April 2014 unter mysteriösen Umständen - Fragen bleiben.

Von Bettina Grönewald

So geheimnisumwoben die Tätigkeit des V-Manns "Corelli" für den Verfassungsschutz bleibt, so rätselhaft wirkt auch sein Tod: Zuckerschock infolge einer unerkannten Diabetes-Krankheit stellen Gutachter fest, nachdem der damals 39-Jährige am 7. April 2014 tot in seiner Wohnung in Paderborn aufgefunden wurde.

Fast ein Jahr danach hatte der Rechtsausschuss des Landtags am Mittwoch den Tod von Thomas R. auf der Agenda, der den Namen eines Barock-Komponisten für seine Tarnung genutzt hatte. Die entscheidende Frage formuliert CDU-Obmann Peter Biesenbach: "Hatte jemand die Hand im Spiel?".

Der Verdacht, jemand könnte ein Interesse daran gehabt haben, beim Tod des enttarnten Spitzels nachzuhelfen, sei jedenfalls aufgekommen, stellt er fest. Mit einem detaillierten schriftlichen Bericht weist Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) solche Spekulationen zurück.

Experten einig: Zuckerschock 

Mehrere Experten sind demnach unabhängig voneinander und zweifelsfrei zu dem Schluss gekommen, dass "Corelli" in ein tödliches diabetisches Koma gefallen ist - irgendwann zwischen dem 4. und 7. April. Seit den 90er Jahren soll "Corelli" für den Verfassungsschutz die rechtsextreme Szene bespitzelt haben - das teilte sein Bruder der Staatsanwaltschaft Paderborn mit.

Aus anderen Quellen wurde kolportiert, "Corelli" habe auch gute Kontakte zum Terror-Trio "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gehabt. Dies zu ergründen, gehört zum Auftrag eines kürzlich eingesetzten Untersuchungsausschusses des NRW-Landtags. "Seien Sie sicher, dass die nordrhein-westfälischen Justizbehörden die Arbeit des Ausschusses nach Kräften unterstützen werden", unterstrich Kutschaty.

Diese Offenheit vermisste die CDU, als Kutschaty dem Innenausschuss des Bundestags im vergangenen Dezember das toxikologische Gutachten zum Tod Corellis verweigert hatte. Für eine Aushändigung habe es aber weder eine Rechtsgrundlage noch einen Ermessensspielraum gegeben, bekräftigte Kutschaty. Eine politische Entscheidung, keine zwangsläufige, kritisierte Biesenbach.

Damit habe Kutschaty Legenden genährt. Der hielt dagegen: "Ich werde mich nicht von der Opposition verleiten lassen, mich selbst strafbar zu machen." Biesenbachs Vorwürfe seien unsinnig. "Ich habe keinen Grund, etwas zu vertuschen." "Corelli" galt als einer der führenden Köpfe der Neo-Nazi-Szene in Sachsen-Anhalt.

Enttarnung im September 2012 

Unbestätigten Berichten zufolge soll das Bundesamt für Verfassungsschutz Corelli rund 180 000 Euro für seine Drähte in den braunen Sumpf gezahlt haben. Nach seiner Enttarnung kam er im September 2012 in ein Zeugenschutzprogramm. Unter neuer Identität lebte er in einem Paderborner Mehrfamilienhaus sehr zurückgezogen mit seiner Mutter. Regelmäßigen Kontakt zum Bundesamt für Verfassungsschutz unterhielt er offenbar weiterhin.

Zwei Mitarbeiter veranlassten jedenfalls am 7. April seinen Vermieter die Wohnungstür zu öffnen, weil sie seit Tagen nichts von ihm gehört hatten. Sie fanden "Corelli" tot auf dem Bett. "Hinweise auf ein Fremdverschulden liegen augenscheinlich nicht vor", protokollierten die herbeigerufenen Polizisten. Dennoch ordnete die Staatsanwaltschaft Paderborn sicherheitshalber eine Obduktion an. Das Leichenöffnungsprotokoll vermerkt ebenfalls keinerlei Anzeichen für Gewalteinwirkung - auch keine Einstichstellen für einen tödlichen Medikamenten-Cocktail.

Ein Diabetes-Professor listete typische Symptome für die vermutete Todesursache auf: starker Durst, allgemeine Übelkeit, Verwirrtheit. Dazu passten die Bilder, die sich neben dem nackten Toten in der Wohnung boten: ein Mittel gegen Brechreiz lag dort ebenso wie Wasserflaschen neben seinem Bett. Im Badezimmer lag zerbrochenes Glas.

Die Daten-Auswertung seiner Mobiltelefone habe ergeben, dass "Corelli" unmittelbar vor seinem Tod unter Fieber und Bauchschmerzen gelitten habe. An den dargelegten medizinischen Gutachten zur Todesursache äußerte am Ende keine Fraktion im Ausschuss Zweifel. Die Frage, was "Corelli" dem Verfassungsschutz über den NSU zugespielt hat, wird den Untersuchungsausschuss des Landtags hingegen noch ausführlich beschäftigen. - dpa

Quelle: wa.de

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