Neustart beim Märkischen Museum in Witten

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Dirk Steimann vor Fred Thielers Gemälde „Großer Gong“ und der Skulptur „Berg“ des Duos Matschinsky-Denninghoff im Märkischen Museum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ WITTEN–„Das ist alles noch nicht fertig“, sagt Dirk Steimann immer wieder, wenn er durch das Märkische Museum Witten führt. Er redet gern, erläutert, dass Ursula Schultze-Bluhms „Pelzhaus“ sich endlich „im Depot ausruhen“ könne. Die raumgreifende Installation beherrschte jahrelang die Ausstellungshalle und ließ kaum einem anderen Werk Raum zur Entfaltung. Nun bekommt bedeutende Kunst Platz. Man hat freien Blick auf Fred Thielers „Großen Gong“, ein Hauptwerk des Malers des Informel, das wie eine Altartafel an der Kopfseite hängt.

Das Märkische Museum stand lange im Schatten. Andere Häuser profilierten sich mit Sonderausstellungen, bearbeiteten ihre Kollektionen, strahlten in die Region. Das Märkische Museum genügte sich selbst, so sehr, dass Politiker der klammen Kommune mit knapp 100 000 Einwohnern bereits laut über die Schließung nachdachten. „Da kam es vor, dass in zwei Wochen kein einziger Besucher kam“, sagt Steimann. Der Leiter des Kulturforums, das die Kultur-Einrichtungen Wittens als Gesellschaft öffentlichen Rechts bündelt, meinte, dass es anders gehen müsse. Nun startet er neu, mit Einsparungen und mit einer Schärfung des Profils. „Ich wollte das Haus ins regionale und überregionale Bewusstsein bringen“, meint er, „aber ich merkte, dass ich es zuerst wieder ins Bewusstsein der Wittener bringen muss.“ Leicht wird das nicht: Einen Etat für Neuerwerbungen zum Beispiel hat das Haus seit Jahren nicht mehr.

Der 43-Jährige setzt auf eine Neuordnung der Sammlung. Das Märkische Museum gehört zu den ältesten im Ruhrgebiet. Es geht auf einen 1886 gegründeten Verein zurück. Der Bau, zwischen 1909 und 1912 errichtet, ist wie eine dreischiffige Kirche angelegt. Zwei Schwerpunkte hat der Bestand von rund 4500 Stücken, zum einen den Expressionismus mit Werken der „Brücke“-Künstler Kirchner, Pechstein, Heckel, aber auch von Nolde und westfälischen Vertretern wie Rohlfs, Morgner und Viegener. Dann das Prunkstück: Die abstrakte Kunst der Nachkriegsjahre, das Informel, die in wenigen anderen Häusern in dieser Dichte dokumentiert ist, dazu Werke aus der Gruppe Zero, Spiegel- und Lichtobjekte von Heinz Mack und Adolf Luther. Danach kommen Lücken, kein Baselitz, kein Polke, kein Richter. „Wir haben einen schönen Goller und einen Klapheck“, sagt er, aber das seien Einzelstücke.

Viele Werke kamen ins Depot. Steimann, der das Museum neben seinem Amt als Kulturforums-Chef leitet, wählte streng aus. Nun hat man im Obergeschoss Expressionismus-Kabinette, in der großen Halle Nachkriegsabstraktion. Da sind Entdeckungen möglich wie bei einem Gemälde von Hans Kaiser. Es gibt wieder einen roten Faden, oder, wie Steimann es nennt: Es gibt eine Erzählung. Viele Neuerungen sieht man nicht, so wurde die Sicherheits- und Klimatechnik ausgetauscht.

Zu Ausstellungen lädt er junge Künstler ein, nicht nur eigene Arbeiten zu zeigen, sondern auch die Sammlung zu durchstöbern nach Werken, in denen sie Verwandtschaften spüren. Künstler als Gastkuratoren, das funktioniert, wie die Schau „Erodere“ belegt, die am Sonntag endet. Der Titel ist das lateinische Wort für abtragen und steht für den Verfallsprozess des Ruhrgebiets und anderer urbaner Räume. Da ist das Gemälde „Kühltürme“ von Richard Gessner von 1941 mit Fotos des jungen Künstlers Krzysztof Zielinski von Arbeitersiedlungen in Polen gepaart, deren Verfall ähnlich anmutet wie Straßenzüge im Ruhrgebiet.

Steimann findet nicht, dass das Museum vom Kulturhauptstadtjahr sehr profitiert. Was weniger an der Veranstaltung liegt als am Museum: Es ist versäumt worden, Projekte anzumelden. Immerhin hat Steimann die Zusammenarbeit mit anderen Häusern der Region aufgenommen. Dadurch bekam das Haus die Chance, sich an einem Ausstellungszyklus zum Informel zu beteiligen, mit dem Gustav-Lübcke-Museum in Hamm und der Kunsthalle Recklinghausen. Auch die feste Kooperation zwischen den Reviermuseen im RuhrKunstMuseum findet Steimann gut. Da stelle sich nur die Frage: „Warum kriegten die das vorher nicht auf die Reihe?“

Sonst zeigt sich der gebürtige Mülheimer ernüchtert von der Kulturhauptstadt. Da gebe es viele „Wohlfühlprojekte“ wie die Sperrung der A40, die Schachtzeichen und !Sing auf Schalke. Aber die freie Szene, die das Ruhrgebiet immer geprägt habe, gehe leer aus. Er vermisst auch die Nachhaltigkeit. Andererseits spürt er den Enthusiasmus. Nach der Local-Hero-Woche in Witten sei er gefragt worden: „Machen wir das jetzt jedes Jahr?“ Das gehe nicht, weil das Geld knapp sei.

Zwei Jahre lang will er versuchen, den Betrieb auf Touren zu bringen. Danach sei die Sammlung ausgereizt, und es müsse jemand mit anderen Ideen her. Wenn es bis dahin nicht gelinge, das Haus zu konsolidieren, könne man es auch schließen. Er zeigt sich optimistisch, schließlich komme endlich neues Publikum, auch Schulklassen, weil es wieder museumspädagogische Angebote gebe. „Wenn in diesem Jahr 10 000 Besucher kommen“, sagt Steimann, „dann habe ich meine Sache gut gemacht.“

Hauptprojekt des Märkischen Museums im Kulturhauptstadt-Jahr ist eine Ausstellung zur Nachkriegskunst des Informel. Die Kooperation mit zwei weiteren Häusern beginnt am kommenden Wochenende in Hamm. Dann eröffnet das Gustav-Lübcke-Museum die Ausstellung „Bewegte Strukturen“ zur Malerei des Informel (5.9.–27.2.2011) Am 19.9. werden die Ausstellungen „Entfesselung der Form“ zur Skulptur im Märkischen Museum (bis 5.12.) und „Die Formen zum Explodieren bringen“ mit Arbeiten auf Papier in der Kunsthalle Recklinghausen (bis 27.11.) eröffnet.

Finissage der Ausstellung „erodere“ so, 17 Uhr, mit einer Podiumsdiskussion zur Ruhrgebietskultur.

Märkisches Museum der Stadt Witten, Husemannstr. 12.,

di – so 12 – 18 Uhr, Tel. 02302/ 581 2550, http://www.stadtwitten.de/cont/kufo/mm/index.html

Quelle: wa.de

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