Neuer Lebensabschnitt als offene Baustelle

Jürgen Rüttgers in Hamm. ▪ Szkudlarek

HAMM ▪ Von Martin Krigar ▪ Amtsverlust kann gnadenlos sein. Vor einem Jahr hat Jürgen Rüttgers die NRW-Wahl verloren – am Dienstag kommen zu einem öffentlichen Interview-Abend mit dem Ex-Ministerpräsidenten in der Hammer Otmar-Alt-Stiftung gerade mal dreißig Zuhörer. (Norbert Blüm hatte einmal an gleicher Stelle ein volles Haus.)

Ein Jahr, fast vergessen? Rüttgers macht aber auch keine Werbung mehr für sich. Die persönliche Internet-Seite besteht nur noch aus einem Baustellenschild. „Ist nicht mehr wichtig.“

Seine Fraktion in Düsseldorf beklagt sich manchmal über die häufige Abwesenheit des Immer-noch-Parlamentariers. Er selbst lobt seinen „neuen Lebensabschnitt“: „Der muss ja erst mal gestaltet werden.“ Wie das funktioniert, sei ihm erst in diesen Tagen wieder aufgefallen. Als Ministerpräsident habe er täglich zwölf Zeitungen gelesen, Mitarbeiter hätten ihn pausenlos über aktuelle Entwicklungen informiert. Am vergangenen Wochenende habe er nur über ein interessantes Thema „nachgedacht“ – und bis Montag weder etwas über Kanzlerambitionen seines Vorgängers Steinbrück mitbekommen noch die Verhaftung eines Weltbankers in den USA. „Mir ging es das ganze Wochenende über gut.“

Noch sucht Rüttgers nach seinem persönlichen Zukunftsthema. Er hält ein paar Hochschulvorlesungen zur Weltpolitik. Besucht hin und wieder seinen alten Ziehvater Helmut Kohl (und erzählt gerne davon). Scheitert womöglich beim Versuch, einen gut dotierten internationalen Bahn-Posten zu bekommen. Und arbeitet erstmals im Leben als niedergelassener Rechtsanwalt, in einer Kanzlei mit 330 Kollegen. Um Geld zu verdienen? „Ich versuche zu helfen.“ Solche Sätze verlernt auch ein ehemaliger Politiker nie.

Irgendwann nach der Übergabe seiner Ämter, sagt Rüttgers, habe er beschlossen, „ohne Politik auszukommen“, über große Themen „einfach nachzudenken“. Das hat er früher schon gerne gesagt. Jetzt hat er die Zeit, gezwungenermaßen. Auch weil er nicht mehr bedrängt wird von Leuten, die „früher nicht nah genug an einem dran sein konnten“. Wobei vor 30 Gästen offen bleibt, ob dem Ex-Politiker das wirklich gefällt. Er wirkt gut gelaunt. Vielleicht hat er sich auch einfach seine schauspielerischen Fähigkeiten erhalten.

Quelle: wa.de

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