Neue Verteilung soll Landarztmangel in NRW bekämpfen

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NRW - In Deutschland droht ein massiver Ärztemangel. Auch NRW muss künftig Hausärzte und Fachärzte besser verteilen. Ein neues Landarztgesetz soll dabei helfen. NRW-Gesundheitsministerin Steffens sieht Handlungsbedarf im Zweiklassensystem von Privat- und Kassenpatienten.

Von Bettina Grönewald

Gut jeder dritte Hausarzt in Nordrhein-Westfalen könnte in den kommenden zehn Jahren aus Altersgründen seine Praxis aufgeben. Ärzte, Kassen und Politik sind jetzt gefragt, intelligent gegenzusteuern, um Versorgungsnotstände vor allem auf dem Land und in sozialen Brennpunkten der Städte zu vermeiden. Denn hier wollen sich nur wenige Ärzte niederlassen.

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Ein seit Jahresbeginn geltendes Versorgungsstrukturgesetz soll für eine ausgeglichene Ärzteverteilung sorgen. Dafür sollen Vertreter der Verbände und der Länder bis Jahresende ein Konzept erarbeiten. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) zweifelt, dass der große Wurf bis dahin gelingt. "Das Problem des Sozialgefälles - der Niederlassung nach Wirtschaftlichkeit - werden wir nur lösen, wenn wir die unterschiedliche Finanzierung der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherung angehen", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

Rund 43 Prozent der Hausärzte in NRW waren im Herbst 2011 schon älter als 55 Jahre. Das sind knapp 5000 der gut 11.000 Hausärzte landesweit. Wenn sie sich zur Ruhe setzen und einen Nachfolger suchen wollen, könnte ein neues Verteilungsschema die Kluft zwischen der Ärzteversorgung in den attraktiven Stadtkernen und an der Peripherie mildern. Daran soll im gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Kassen gefeilt werden.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung strebt kleinere Planungsregionen für Hausärzte und größere für Fachärzte an. Ihren Angaben zufolge kommen heute im Bundesdurchschnitt rund 1700 Bürger auf einen Hausarzt - künftig sollen es 1500 sein.

Auf dem Papier waren fast alle Bezirke in NRW zum Jahresende 2010 quer durch die verschiedenen Fachrichtungen mit einer Arzt-Quote von 110 Prozent statistisch überversorgt. Lediglich im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe gab es fünf Bezirke, die bei der hausärztlichen Versorgung unter 100 Prozent lagen: Bielefeld, Borken, der Hochsauerlandkreis, Paderborn und Soest.

Die Zahlen täuschen aber. Auf dem Land und in den unattraktiveren Stadtteilen klagen Patienten, die einen Facharzt aufsuchen wollen, teilweise über sehr lange Wartezeiten. "Wir haben viel mehr ältere Patienten. Dadurch hat sich der Bedarf verändert", stellte Steffens fest.

Ein massives Versorgungsproblem gebe es vielerorts vor allem bei der psychotherapeutischen und psychiatrischen Versorgung. Lange Wartezeiten für Behandlungstermine gebe es aber auch bei vielen Augenärzten, in der Rheumatologie, Orthopädie oder Neurologie. Hier fehle es derzeit an einer realistischen Bedarfs- und Versorgungsplanung.

Internet-Links zum Thema:

Zentrale Punkte Versorgungsstrukturgesetz 

Gesetzestexte

Ärztemangel grafisch dargestellt

Entwicklung Arztzahlen

Entwicklung Ärztehonorar

Ärztemangel aus Ärztesicht

An sozialen Brennpunkten, etwa in Essen und Köln, gebe es darüber hinaus Probleme, Kinderarztpraxen nachzubesetzen, berichtete Steffens. Wer den Schwarzen Peter Ärzten zuschiebe, die sich lieber in Stadtteilen mit vielen Einfamilienhäusern statt Hochhäusern niederließen, mache es sich aber zu einfach, warnte die Ministerin. "Wer ausschließlich gesetzlich Versicherte hat, kann seine Praxis kaum finanzieren. Auch weil Armut krank macht und damit ein höherer Betreuungsaufwand verbunden ist." Eine Quersubventionierung der gesetzlich Versicherten über Privatpatienten sei für viele nötig, um ihre Praxis aufrecht zu erhalten oder wirtschaftlich zu halten.

Eine Verbesserung im Kampf gegen Ärztemangel erhofft sich Steffens durch die Aufhebung der Residenzpflicht im Versorgungsstrukturgesetz. Ärzte müssen nun nicht mehr nahe ihrer Praxis wohnen. Kleine Orte im Umfeld attraktiver Städte wie Münster oder Bielefeld könnten dadurch für Arztfamilien interessant werden, meinte sie.

Zuversichtlich blickt auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) in die Landarzt-Zukunft. "Wir sorgen dafür, dass die Menschen den Landarzt nicht nur aus einer idyllischen Vorabendserie kennen", unterstrich er kürzlich in Düsseldorf. Und die Maßnahmen gegen den Ärztemangel seien mehr als gerechtfertigt. "In Deutschland dauert die Bindung an einen Haus- oder Facharzt länger als die durchschnittliche Ehe. Das sagt viel aus über das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt."

Wie Arztpraxen durch Aufkauf vom Markt verschwinden

Trotz vieler Klagen über lange Wartezeiten auf Arzttermine gibt es in Deutschland vor allem in Ballungsgebieten auch Überversorgung. Wird in solchen Bezirken eine Praxis frei, kann ab 2013 ein Ausschuss aus Ärzten und Kassen entscheiden, ob sie wiederbesetzt oder von der Kassenärztlichen Vereinigung aufgekauft wird. In letzterem Fall muss sie dem Inhaber eine marktgerechte Entschädigung zahlen. Dadurch soll die Niederlassung von Ärzten künftig besser gesteuert und vor allem Ärztemangel in sozialen Brennpunkten und auf dem Land entgegengewirkt werden. Bundesweit werden laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung binnen fünf Jahren über 40 000 Haus- und Fachärzte in den Ruhestand gehen.

Den Bedarf für alle Arztgruppen und Regionen realistisch einzuschätzen ist aber schwierig - auch weil die Mediziner nicht melden müssen, in welchem Umfang sie für die Versorgung von Kassenpatienten tatsächlich zur Verfügung stehen. NRW war im Verfahren zum Versorgungsstrukturgesetz mit einem Antrag auf eine Mitteilungspflicht gescheitert. - lnw

Quelle: wa.de

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