Wohnhäuser an der Töddinghauser Straße evakuiert

Mängel beim Brandschutz: So ist der Sachstand in Sachen Turmarkaden Bergkamen

+
Die Räumung der Gebäude beginnt noch am Mittwoch.

[Update 20.45 Uhr] Bergkamen - Die Evakuierung ist beendet: An den Wohnhäusern an der Töddinghauser Straße hat der letzte Mieter seine Wohnung verlassen. Die Gebäude mussten aus Brandschutzmängeln geräumt werden.

Ab 17 Uhr am Mittwochnachmittag setzte die Stadt die Räumung mithilfe der Polizei durch: Die ergriff dabei einen Bergkamener, der mit Haftbefehl gesucht wurde. Wohnungen, deren Bewohner sich nicht meldeten und die auch nicht im Urlaub waren, wurden von Feuerwehrleuten geöffnet und mit neuen Schlössern versehen. Doch die Wohnungen waren leer. Seit 19.40 Uhr am Mittwoch sind die Häuser daher leergezogen. Ein Sicherheitsdienst sorgt nun rund um die Uhr dafür, dass niemand das Gebäude betritt.

Für die Mieter und Eigentümer der Wohnungen war die Nachricht natürlich ein Schock. Einige haben ihr ehemaliges Zuhause mit viel Wut im Bauch verlassen. "Am Schlimmsten finde ich, dass ich nicht weiß, wie lang die Reparaturarbeiten an dem Gebäude dauern. Dass bei so einem alten Gebäude die Brandschutzbedingungen nicht mehr aktuell sind, ist doch klar. Muss erst was passieren, bevor gehandelt wird", fragte sich etwa der 82-jährige Siegfried Knop. 

Andere zeigten durchaus Verständnis für die Räumung, wie das Eigentümerehepaar Peter und Jolanthe Krzonkalla: "Da rutscht einem das Herz in die Hose. Die Sicherheit steht aber an erster Stelle und das ist gut so. Da können wir nichts dran ändern.“

Das Ehepaar Krzonkalla zeigt Verständnis für die Räumung

So paradox es klingt: Der Brand in den Turmarkaden am Freitagmittag hat den Bewohnern der Gebäude vielleicht das Leben gerettet. Bei den obligatorischen Nachfolgeuntersuchungen fielen in den beiden Nachbarhäusern erhebliche brandschutztechnische Mängel auf, die einen sofortigen Freizug der beiden Häuser Töddinghauser Straße 135 und 137 erforderlich machen. Bis Mittwoch, 17 Uhr hatten die knapp 100 Bewohner nun Zeit zum Packen, dann müssen sie ihre Wohnungen verlassen. Beide Häuser gelten als unbewohnbar.

Besonders bitter dabei: Bei allen 60 Wohneinheiten handelt es sich um Eigentumswohnungen, die zur Hälfte von den Eigentümern selbst bewohnt werden, der andere Teil ist vermietet. Betreut wird die Immobilie von einem Verwalter, der erst vor wenigen Monaten unter Vertrag genommen wurde. Inwieweit die Eigentümergemeinschaft in der Lage ist, die Mängel schnell beseitigen zu lassen, kann derzeit niemand abschätzen.

Viele der Eigentümer kauften die Wohnungen nach deren Neubau in den 70er Jahren, um im Alter Mietkosten zu sparen. Nun jedoch müssen sich alle Hausbewohner auf unbestimmte Zeit eine neue Bleibe suchen, sofern sie nicht bei Freunden, Verwandten und Bekannten unterkommen können. 

Miete für Notunterkunft

Um Obdachlosigkeit zu vermeiden, muss die Stadt Bergkamen ihre Notunterkünfte zur Verfügung stellen, doch auch das geht nicht kostenfrei. Pro Kopf wird für die frisch renovierten Räume an der Fritz-Husemann-Straße eine Monatsmiete von 241,34 Euro fällig, was selbst für Babys und Kleinkinder gilt. Eine Familie kann da schnell auf knapp 1000 Euro Kosten pro Monat kommen. 

„Wir haben zwei kleine Kinder. Da können wir uns die Notunterkünfte gar nicht leisten. Knapp 1000 Euro – das ist unglaublich. Zum Glück können wir bei unserer Familie unterkommen. Die Räumung ist der Horror“, erklärten Christian und Susanne Florian beim Verlassen ihrer Wohnung. Auch Haustiere dürfen nicht in die Unterkunft mitgenommen werden und müssen notfalls ins Tierheim. 

Christian und Susanne Florian wundern sich über die hohe Miete der Notunterkünfte

Entsprechend schwer fiel der zuständigen Beigeordneten Christine Busch daher die Entscheidung, die Räumungsverfügung zu erlassen. „Das ist ein unmittelbarer Eingriff in Wohneigentum. Das ist auch rechtlich nicht ganz so einfach“, erläutert Busch. 

"Gefahr für Leib und Leben"

Doch: „Es besteht Gefahr für Leib und Leben durch Rauchgasvergiftungen“, erklärte sie im Pressegespräch am Vormittag, während zeitgleich die Wohnungseigentümer vom Immobilienverwalter unterrichtet wurden und Handzettel an die Hausbewohner verteilt wurden. 

Bis in den späten Dienstagabend hinein habe man versucht, andere Lösungswege zu finden, doch bauliche Sicherungsmaßnahmen innerhalb von 24 Stunden sind nicht durchführbar.

„Beide Häuser sind nicht bewohnbar“, so Busch. Ein angebranntes Essen auf dem Herd mit einer starken Rauchentwicklung könnte ausreichen, um für eine unmittelbare Gefährdung zu sorgen. Denn das Problem liegt nicht in der Verbindung zu den ehemaligen Turmarkaden, sondern im Haus selbst.

Allen Beteiligten war nach dem Brand am Freitag unklar gewesen, warum die Nachbarhäuser so stark von der Verrauchung und Beschlagung betroffen waren. Montag und Dienstag gab es eine Erkundung der Gebäude durch das Bauaufsichtsamt, die Brandschutzdienststelle Kreis Unna und den Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Bergkamen. 

Mängel haben mit Turmarkaden nichts zu tun

Die brachte zu Tage, dass Baupläne und Realität oft nicht mehr übereinstimmen. So wurden ursprüngliche Versorgungs- und Entsorgungsschächte anderweitig als Kabel- und Leitungsschächte genutzt, was nicht zulässig ist. Außerdem seien die Zwangsentlüftungen der innenliegenden Küchen und Badezimmer so miteinander verbunden, dass sich Rauch schnell ausbreiten könnte. Darüber hinaus gäbe es „mehr Öffnungen in Schächte und Etagen als ursprünglich vorgesehen.“ Mit den oft als „Schandfleck“ bezeichneten Turmarkaden haben die gefundenen Mängel daher nichts tun. Dass sie entdeckt wurden, ist lediglich Zufall.

Die Wohnhäuser an der Töddinghauser Straße.

Eine Evakuierung mitten in der Nacht wollten die Behörden am späten Dienstagabend allerdings vermeiden und stellten mit „einem ordentlichen Personalaufwand“ Sicherungsmaßnahmen für die Nacht auf. 

"Bittere Situation"

Am Mittwochmittag wurde von der Stadt dann letztlich die Räumungsverfügung erlassen. Doch die Betroffenen wollte man so früh wie möglich informieren, was auf sie zukommen würde. „Das ist eine zutiefst bittere Situation“, sagte Busch. 

Bei Fragen können sich Bewohner an André Beckschulte vom Immobilien-Management, Telefon 02303/94237220, oder an das Bürgertelefon der Stadt Bergkamen unter 02307/965444 wenden.

Der Fall ruft Erinnerungen an die Räumung des Dortmunder Hochhhaues "Hannibal" wach. Das Gebäude musste 2017 ebenfalls aus Gründen des Brandschutzes geräumt werden und ist seitdem unbewohnbar. 

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare