Drama vor 70 Jahren jährt sich

Möhnesee-Bombardierung: Überlebende erinnern sich

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Josef Rochel, Karl-Heinz Wilmes, Elfriede Vogt und Willi Hennecke (von links) haben die Möhnesee-Bomben überlebt und erinnern sich.

GÜNNE/MÖHNESEE - Es war ein sonniger Tag am 15. Mai vor 70 Jahren. Doch in der Nacht zerriss eine Bombe die Idylle an der Sperrmauer, das ganze Möhnetal wurde geflutet. Wassermassen rissen Menschen, Tiere und Existenzen mit sich. Eine Katastrophe, die mehr als 1200 Opfer forderte. Überlebende erinnern sich.

Von Lenneke Lenfers-Lücker

Was heute unvorstellbar scheint, haben Josef Rochel, Elfriede Vogt und Willi Hennecke hautnah miterlebt. Was geblieben ist, sind schmerzliche Erinnerungen, die sie immer noch mit sich tragen.

Die Wassermassen rissen alles mit sich und sorgten in den Gemeinden unterhalb der Sperrmauer für eine Schneise der Zerstörung.

„Ich werde dieses furchtbare Rauschen und Knacken der Gegenstände, die im Wasser trieben, nie vergessen“, sagt Josef Rochel mit leiser Stimme. Rochel lebte mit seiner Familie vor 70 Jahren in Günne in der Möhnestraße, vorbei am heutigen Sportplatz hinter dem Ausgleichsweiher den Berg hinauf. Er erinnert sich noch genau: „Mein Vater schrie, dass sie unser Dorf bombadieren. Ich konnte einen Piloten im Cockpit sehen, so tief flogen die über Günne.“ Er raffte mit seinen Eltern die Sachen zusammen, ehe sie von einer Druckwelle erfasst wurden. Eine der Rollbomben war über die Mauer gerollt und im alten Kraftwerk am Fuße der Sperrmauer detoniert, die Auswirkungen waren noch hunderte Meter weiter zu spüren.

Rochel und seine Familienangehörigen schleppten sich weiter zu einem nahegelegenen Bauernhof, in dem ein Bunker war. Doch da hörten sie schon das Rauschen und kehrten um. „Wir mussten unser Vieh in den ersten Stock tragen, weil das Wasser stieg“, erinnert sich Rochel. Das Wasser bahnte sich in Minutenschnelle den Weg weiter durch das Möhnetal über Niederense nach Neheim bis ins Ruhrgebiet. Es riss alles mit sich, was nicht befestigt war, ob tot oder lebendig.

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Elfriede Vogt, damals zehn Jahre alt, wohnte in der Möhnestraße auf der linken Seite des Flusses in Niederense. Acht Häuser gab es in dieser Straße, das restliche Dorf befand sich auf der rechten Seite der Möhne. Elfriede Vogt saß erst im Keller, ehe der Bruder sie aus dem Haus lockte, weil die Flieger so tief flogen. „Plötzlich wurde es so komisch und wir merkten, dass das Wasser kam.“ Die Flutwelle trat bereits über die Brücke und sie rannten schnell hinüber auf eine nahe gelegene Anhöhe. „Dort war dann die ganze Möhnestraße versammelt, bis auf Willi und seine Familie.“

Mit Willi meint sie Willi Hennecke, ihren damaligen Nachbarn. Er saß in dem Zwei-Familien-Haus in der Möhnestraße, in dem er lebte, mit allen Bewohnern im Keller. Bis auch sie das Rauschen hörten. „Ich weiß noch genau, wie eine Frau sagte: Es kommt nur Wind auf. Bis meine Mutter dann meinte, dass es Wasser ist. Wir sind aufgesprungen und da sind auch schon die Scheiben hinter uns geplatzt, weil das Wasser von außen reindrückte.“ Alle liefen zunächst in den ersten Stock, dann auf den Boden. Dort nahm der Vater Willi Hennecke und seinen Bruder bei der Hand und ging zum Fenster. „Ich weiß es noch genau, er sagte, wir sollten uns das ganz genau ansehen, so etwas würden wir nie wieder erleben“, sagt Hennecke.

Schon dabei stockt ihm die Stimme, man merkt, wie die Erinnerungen zurückkehren und ihn immer noch tief bewegen. „Ich habe es auch nie vergessen“, fügt er mit tränenerstickter Stimme hinzu. Hennecke war damals viereinhalb Jahre alt. Alle Bewohner mussten auf den Dachfirst klettern, denn das Wasser in dem Haus stieg bis in den Dachboden. Ihn und das Wasser trennte nur ein Meter, wäre es weiter gestiegen, hätte er keine Chance gehabt.

Zwei Stunden mussten sie abwarten, ehe sie zumindest wieder auf den Boden hinabsteigen konnten, weil das Wasser schon wieder ein wenig sank. „Wir hatten Glück, dass unser Haus nicht an der Hauptströmung lag, sonst wäre es für alle zu spät gewesen“, sagt er – und berichtet weitere Einzelheiten. In Niederense schwamm alles das vorbei, was das Wasser zuvor weggerissen hatte. Die Trümmer des Klosters Himmelpforten, das Holz der Sägewerke, tote Tiere, sogar ein kompletter Dachstuhl.

Die Relikte des Klosters Himmelpforten, das bis auf die Fundamentmauern von den Wassermassen fortgespült wurde, dienen inzwischen als Gedenkstätte für zahlreichen Opfer der Möhnekatastrophe.

 

Wie liefen die Angriffe vor 70 Jahren ab?

Die Möhnetalsperre wird in diesem Sommer 100 Jahre alt. Der 16. Mai 1943 ist ein sonniger Tag, der in eine helle Vollmondnacht übergeht. Die Wetterlage bietet beste Flugbedingungen. Zwischen 21.29 Uhr und 22.01 Uhr starten daher auf dem britischen Fliegerhorst Scrampton in Lincolnshire 14 Lancaster-Bomber der ersten und der zweiten Angriffswelle. Im Tiefflug rasen die Maschinen über Westdeutschland hinweg. Die erste Angriffswelle erreicht über das Münsterland und den Raum Hamm am 17. Mai um 0.20 Uhr den Möhnesee. Sofort werden die Maschinen von den noch am Möhnesee verbliebenen 2-Zentimeter-Flakgeschützen unter Feuer genommen.

Mehr zum Thema hier:

www.dhmothclub.co.uk

www.dambusters2013.org.uk

www.quax-flieger.de

www.100-jahre-moehnesee.de

Titus Müllers Buch „Nachtauge“ handelt von der Bombardierung

Ruhrgebiet mag das Jahrhundertleuchten

Die dunkle Seite des Sperrmauer-Jubiläums

Rundfahrt und Gedenkflug

Ein erster Angriff auf die Sperrmauer um 0.28 Uhr bleibt erfolglos, in Abständen von zehn Minuten folgen vier weitere Versuche. Beim sechsten Anflug gelingt es um 0.49 Uhr, eine Rollbombe vor der Sperrmauer zu platzieren. Die Detonation der Bombe reißt tiefe Risse in die Mauer, die dem Wasserdruck nicht standhalten kann. Schließlich klafft eine Lücke von 76 Metern Breite und 23 Metern Höhe in der Mauer. Der britische Bomberverband fliegt nach den Angriffen auf die Möhnesperrmauer die Eder-Talsperre an, die um 1.37 Uhr ebenfalls zerstört wird.

Der Damm des Sorpesees hält dagegen bauartbedingt zwei Bombenexplosionen um 0.46 Uhr und um 3.14 Uhr stand, auch der Abwurf einer Rollbombe auf die Ennepe-Talsperre um 3.37 Uhr bleibt erfolglos. Der geplante Angriff der britischen Luftwaffe auf die Lister-Talsperre kommt wegen aufkommenden Nebels nicht zustande.

Von den 19 in England für die „Operation Chastise“ am 16. und 17. Mai 1943 gestarteten Flugzeugen kehren acht Lancaster-Bomber nicht zurück. 53 der insgesamt 133 eingesetzten Soldaten werden bei der Operation getötet, drei können mit dem Fallschirm abspringen und kommen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die 617. Bomb Sqaudron erhält nach ihrem Erfolg den Spitznamen „Dambusters“. Die noch heute bestehende Staffel gilt vielen in England als die vielleicht berühmteste Squadron der Royal Airforce. Ihr Wahlspruch „Aprés moi, le déluge – nach mir die Sintflut“ geht auf einen Ausspruch des französischen Königs Ludwig XV. zurück, ist zugleich aber wohl auch eine Anspielung auf die Bombardierung der Talsperren. - tbg

 

Welches Ziel hatte der Angriff?

Mit der „Operation Chastise“ (Züchtigung) wollte die britische Militärführung die Wasserversorgung des Ruhrgebiets treffen. Ziele sollten der Möhnesee, der Sorpesee, der Edersee sowie die Listertalsperre, die Ennepetalsperre und der Diemelsee sein. Überlegungen für einen solchen Schlag wurden bereits seit 1937 angestellt. Geeignete Bomben, um eine Staumauer wie die des Möhnesees zu zerstören, standen zunächst aber nicht zur Verfügung. Im Verlauf des Krieges wurde von den britischen Luftstreitkräften unter dem Decknamen „Upkeep“ eine spezielle „Bouncing Bomb“ entwickelt. Diese „Rollbombe“ glich einem zylindrischen Fass und war mit 2600 Kilogramm Sprengstoff gefüllt.

Bis April 1943 wurden etwa 50 Exemplare gebaut. Vor dem Abwurf wurden die Bomben durch Elektromotoren in eine schnelle Rotation entgegen der Flugrichtung gebracht. Auf diese Weise sollten die Rollbomben wie ein Kieselstein über die Wasseroberfläche titschen und so die Torpedonetze als Schutz vor Angriffen auf die Sperrmauern überwinden. Nach dem Aufprall auf die Sperrmauer sollten die Rollbomben in die Tiefe absinken. Für die Auslösung der Ladung waren die Zünder auf eine Wassertiefe von neun Metern eingestellt.

Für den Transport der tonnenförmigen Bomben mit 1,60 Meter Länge und 1,30 Meter Durchmesser wurden durch die Royal Airforce ab Februar 1943 insgesamt 23 viermotorige Maschinen des Typs Lancaster Mk III umgerüstet. Speziell für diesen Luftangriff wurde im März 1943 vom Hauptquartier des britischen Bomber Command ein Spezialverband zusammengestellt, die „617. Bomb Squadron der 5th. Bomb Group“ unter dem Befehl von Wing Commander Guy Penrose Gibson. Mehrere Wochen lang wurde über englischen Talsperren der Tiefflug über der Wasseroberfläche von Seen trainiert. Am 15. Mai 1943 wurden die Piloten, Navigatoren und Bombenschützen von 21 Maschinen über ihren Auftrag, die Angriffsziele und den Ablauf der Operation informiert. Der Angriff erfolgte mit 19 Lancaster-Bombern in drei Angriffswellen. - tbg

 

Die Folgen der Bombardierung:

Nach der Zerstörung der Möhnesperrmauer ergoss sich eine gewaltige Flutwelle in das Möhne- und das Ruhrtal. Neheim wurde nach amtlichen Feststellungen noch von einer acht Meter hohen Flutwelle getroffen, die sich mit sechs Metern in der Sekunde durch das Tal wälzte. Der westfälische Landeshauptmann Karl Friedrich Kolbow berichtete am 19. Mai 1943 in einem Brief, dass das untere Möhnetal und das Ruhrtal zwischen Neheim und Hengsteysee völlig zerstört seien. Die Zahl der Opfer wird auf mehr als 1200 Tote geschätzt. Von amtlicher Seite wurde die Zahl von mindestens 1579 Toten angegeben, darunter 1026 ausländische Arbeitskräfte.

Zwangsarbeiter wurden für den Wiederaufbau eingesetzt.

Schwer getroffen wurde Neheim, wo die Hochwasserwelle die Luftschutzbunker überflutete, in die sich die Bevölkerung gerettet hatte. Besonders tragisch erscheint der Tod der vielen Zwangsarbeiter, die in Barackenlagern im Möhne- und im Ruhrtal untergebracht waren. In Orten wie Günne oder Wickede wurden viele Häuser zerstört und insgesamt mehrere hundert Einwohner getötet. Das Kloster Himmelpforten im Möhnetal wurde bis auf die Grundmauern fortgespült. In Schwerte stand das Hochwasser haushoch in der Innenstadt. Mit 50 bis 70 deutschen „Volksgenossen“ forderte die Zerstörung der Edertalsperre weniger Tote. Auch hier sind den Angaben zufolge jedoch zusätzlich 749 Zwangsarbeiter aus der Ukraine durch die Wassermassen umgekommen.

Das Ziel der „Operation Chastise“, die „kriegswichtige Industrie“ im Ruhrgebiet nachhaltig zu stören, wurde wohl nur ansatzweise erreicht. Allerdings fehlte es in den Ruhrgebietsstädten während der Ruhrschlacht im Sommer 1943 an Löschwasser. Erst ab Mitte Juni 1943 lief die Wasserversorgung an der Ruhr wieder einigermaßen störungsfrei.

Von den Nazis wurde die Zerstörung der Möhnetalsperre unter anderem während der an mehreren Orten inszenierten Gedenkfeiern propagandistisch ausgeschlachtet und für Durchhalteparolen genutzt. Gleiches gilt für den raschen Wiederaufbau der Staumauer, der unter dem Einsatz mehrerer tausend Zwangsarbeiter im Oktober 1943 fast abgeschlossen war. - tbg

 

Details von der 617. Squadron:

Eine detailreiche Darstellung über die Bombardierung der Möhnetalsperre bietet auf der Grundlage der einschlägigen Literatur das Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ des LWL. Die englischsprachige Homepage der 617. Squadron mit ausführlichen Informationen über den Angriff, die Rollbombe, die Flugzeuge und die Besatzungen findet sich unter www.dambusters.biz. - tbg

 

Ausstellung der Dorfgemeinschaft:

Die Dorfgemeinschaft Günne-Brüningsen erinnert mit einer Ausstellung in der Schützenhalle Günne am Westricher Weg an die Möhnekatastrophe. Die Ausstellung wird am Freitag, 17. Mai, nach einer Gedenkfeier ab 19.30 Uhr eröffnet. Zuvor findet um 18.30 Uhr die Gedenkfeier statt. Von Samstag bis Mittwoch, 18. bis 22. Mai, ist die Ausstellung jeweils von 15 bis 19 Uhr geöffnet.

Quelle: wa.de

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