Mauer des Schweigens

Ohne mit der Wimper zu zucken, spricht Hannelore Kraft von politischer Verantwortung. Wen die neue Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen meint, ist klar: den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland. Seit der Loveparade-Katastrophe am Samstag duckt sich der CDU-Mann weg – die SPD-Politikerin Kraft wird auf ihn keine Rücksicht nehmen. Von unseren Korrespondenten

An diesem Mittwoch schickt sie ihren Innenminister Ralf Jäger vor die Presse. Er hat dem Kabinett bereits über „Duisburg“ berichtet. Darf man sich Neues erhoffen? Klarheit darüber, wer wann was entschieden und zu verantworten hat? Oder bleibt die Öffentlichkeit weiter darauf angewiesen, dass Medien hervorkramen, was nicht für sie bestimmt war?

Protokolle von Beamten-Sitzungen, Vermerke, Warnungen, Unterschriften – etliches hat bereits den Weg aus den Schubladen des Duisburger Rathauses gefunden. Da wurden Sicherheitsbestimmungen zur Seite gewischt, Zweifel überhört. So belastet zum Beispiel ein Sitzungsprotokoll Sauerland immer mehr. Bereits vier Wochen vor der Loveparade habe das Bauordnungsamt laut einem Zeitungsbericht massive Einwände gegen das vorgelegte Sicherheitskonzept erhoben. Aus dem Schriftstück gehe weiter hervor, dass der Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe Druck ausübte: „Der OB wünscht die Veranstaltung, und daher muss hierfür eine Lösung gefunden werden“.

Zudem mehren sich Hinweise darauf, dass die Veranstaltung erst kurz vor Beginn unter hohem Zeitdruck genehmigt wurde. Die Genehmigung der Bauaufsichtsbehörde ist erst am 21. Juli, also drei Tage vor dem Event, erteilt worden. Aus dem Papier geht auch hervor, dass zu diesem Zeitpunkt das abschließende Brandschutzkonzept noch gar nicht vorlag. Dies sollte erst am 22. Juli nachgereicht werden. Dies passt auch zu Medienberichten, nach denen die ordnungsbehördliche Genehmigung erst Stunden vor dem Beginn der Party unterschrieben wurde.

„Verhängnisvolle Anweisung“

Schwere Vorwürfe des Loveparade-Chefs Rainer Schaller gegen die Duisburger Polizei sind inzwischen von den Ermittlern zurückgewiesen worden. Schaller hatte erklärt, zur Katastrophe habe eine „verhängnisvolle Anweisung“ der Polizei geführt, die Schleusen vor dem Tunnelzugang auf dem Gelände zu öffnen. Dadurch sei der Hauptstrom der Besucher unkontrolliert in den Tunnel gelangt. „Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in der Lage zu sagen, was der Auslöser war für das Ganze, wie es sich ereignet hat“, sagte eine Sprecherin der ermittelnden Kölner Polizei. „Wir fänden es gut, wenn sich Herr Schaller nicht in Spekulationen verlieren würde.“ Doch jetzt schirmt ohnehin eine Mauer des Schweigens alles ab, was möglicherweise bereits langsam aufgeklärt wird. Staatsanwälte und Polizisten sind schon von Berufs wegen ziemlich verschlossen, solange ein Ermittlungsverfahren läuft. Und die Verantwortlichen in der Verwaltung tun, worüber sich Rechtsanwälte von Straftätern freuen: „Nichts sagen und abwarten, was der Vorwurf ist“ (siehe unten).

Viele Menschen in Duisburg und anderswo haben allerdings wenig Verständnis für juristische Klugheiten angesichts des Schicksals von 20 jungen Menschen, die im Gedränge erbärmlich zu Tode gequetscht wurden. Sie fordern den Rücktritt des Oberbürgermeisters. „Du hast versagt“, könnte Sauerland auf einem Schild am Ort der Massenpanik lesen.

Der Stadtchef hat „Verständnis“ für Rücktrittsforderungen, will ihnen aber nicht nachkommen. Erst sollen „die Puzzleteile zu einem Gesamtbild“ zusammengefügt werden. Am Donnerstag wollen Demonstranten vor dem Duisburger Rathaus deutlich machen, dass sie das entschieden anders sehen.

Wie lange sich der bislang beliebte Stadtvater, der jetzt Polizeischutz braucht, noch halten kann, ist offen. Der Druck auf ihn wird immer größer. Sauerland wird daher nicht zur Trauerfeier für die Opfer kommen. Nach offizieller Lesart, um „die Gefühle der Angehörigen nicht zu verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht zu provozieren“. In Polizeikreisen hieß es allerdings, auch Sicherheitsbedenken hätten zu der Entscheidung geführt. Gegen Sauerland seien Morddrohungen ausgesprochen worden.

Quelle: wa.de

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