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Schüler in Angst: Bus aus Lüdenscheid in Calais angegriffen

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Sekunden vor der Attacke auf den Reisebus aus Lüdenscheid sammelt sich in der Dunkelheit eine Gruppe von Männern am Straßenrand. © Screenshot / LN

Lüdenscheid - Es sollte eine spannende und fröhliche Exkursion werden. London hieß das Ziel. Doch was Jugendliche der Jahrgangsstufe 10 am Bergstadt-Gymnasium in der französischen Hafenstadt Calais erleben mussten, liegt bis heute wie ein Schatten über der Reise.

In der Nacht zum Samstag griff eine ganze Gruppe von bewaffneten Männern – mutmaßlich kampierende Flüchtlinge – einen der beiden Reisebusse aus Lüdenscheid mit Stöcken, Brettern und Steinen an. Zwei Scheiben gingen dabei zu Bruch. Die Lüdenscheider blieben, zumindest körperlich, unverletzt. 

Ein knapp viereinhalb Minuten dauerndes Video, das einer der Schüler auf der Youtube-Plattform im Internet hochgeladen hat, dokumentiert die Ereignisse und die Entsetzensschreie der geschockten Gymnasiasten. Der Beitrag ist inzwischen aus dem weltweiten Netz entfernt.

Der nächste Hafen

Die Fahrt von der Kreisstadt in Richtung Dunkerque in Nordfrankreich, wo die Fähre ablegen sollte, begann am späten Donnerstagabend. Die Tour lief zunächst planmäßig, doch in Dunkerque war es in der Nacht zu Freitag dermaßen stürmisch, dass das Schiff nicht ablegen konnte. 

Die Begleitlehrer entschlossen sich, knapp 50 Kilometer weiter zu fahren – nach Calais. Das Szenario in der Warteschlange der Fahrzeuge vor den Anlegern des Überseehafens ließ, wie eine junge Teilnehmerin sich erinnert, nichts Gutes erahnen. 

Männer am Straßenrand gingen immer wieder auf Lastwagen oder Busse zu, andere tauchten urplötzlich aus der Dunkelheit auf und trugen Gegenstände bei sich. An ein Aussteigen, um sich die Beine in der Wartezeit zu vertreten, war nicht zu denken. 

Bis heute gibt es immer wieder Versuche, Fahrzeuge zu „kapern“ und über den Kanal ins Vereinigte Königreich zu gelangen.

Angstvolle Minuten

Dieses Ziel hatte auch die Reisegruppe aus Lüdenscheid. Doch anstatt in den Nachtstunden entspannt im Bus zu sitzen und sich unbeschwert auf die Tage in London zu freuen, durchlitten die Jugendlichen angstvolle Minuten. 

Auf dem Video war zu sehen, wie der Bus in einer Kolonne weiterer Busse und Sattelschlepper stoppt. Mehrere Gestalten nähern sich, die Gespräche zwischen den jungen Passagieren klingen zunächst unbesorgt. 

Als in der Fahrzeugschlange Motorengeräusche und Gehupe laut werden, wird es hektisch. Ein Lastwagen nähert sich ruckweise und laut hupend dem Reisebus, biegt ganz knapp davor nach links ab. Die Stimmung unter den Passagieren wird unruhiger, die Gespräche drehen sich um das Szenario auf der Straße. 

Plötzlich knallt es, Mädchen kreischen entsetzt auf, ein Mann – vermutlich einer der Begleitlehrer – ruft mehrfach „Weg da!“ und „Duckt euch!“. Einer der Jugendlichen schreit „Der soll weiterfahren!“ Dann ist die Videoaufnahme beendet.

Reparatur in England

Nach Informationen unsrer Redaktion gingen bei dem Angriff auf den Bus die Windschutz- und die Heckscheibe zu Bruch. Angaben, dass auch mindestens ein Reifen zerstochen wurde, sind nicht bestätigt. 

Klar ist aber, dass der Busfahrer die jungen Lüdenscheider schließlich auf die Fähre brachte und sie trotz der Beschädigungen zu ihrem Hotel in London transportierte. 

Die zerborstenen Scheiben wurden in England repariert. Am Montagabend kehrten die Zehntklässler des BGL in die Obhut ihrer Eltern zurück.

Tränen in der Schule

Die Ereignisse in Calais sprachen sich in den sozialen Netzwerken der Schüler noch während der Reise rasend schnell herum und landeten als Thema auch in diversen WhatsApp-Gruppen von Gymnasiasten und Eltern. 

Der Leiter des Bergstadt-Gymnasiums, Dieter Utsch, gab auf Anfrage unserer Redaktion und in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium Arnsberg als Schulaufsichtsbehörde keine Erklärung zu den Vorgängen und den Folgen für seine Schützlinge ab. 

Wie jedoch zu erfahren war, sind bei einzelnen Gymnasiasten gestern, am ersten Schultag nach der Rückreise am Rosenmontag, Tränen geflossen. 

Weiter heißt es, die schockierenden Erlebnisse sollten „schulisch intern aufgearbeitet, versachlicht und erklärt werden“, um den teilweise traumatisierten Schülern zu helfen, mit den Eindrücken fertig zu werden.

Flucht aus dem „Dschungel" auf gekaperten Autos

Calais, mit etwa 74 000 Einwohnern so groß wie Lüdenscheid, gilt seit der ersten großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 als bevorzugtes „Sprungbrett“ nach England – für Menschen aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, Äthiopien, aus dem Sudan oder Syrien. 

In der schnell wachsenden Zeltstadt mit provisorischen Unterkünften – bekannt geworden als der „Dschungel von Calais“ – warteten im August 2016 nach Angaben des Internetdienstes Wikipedia rund 9000 Flüchtlinge unter zeitweise erbärmlichen hygienischen Bedingungen auf Ihre Chance, eine Mitfahrmöglichkeit über den Ärmelkanal zu ergattern. 

Nach der Auflösung des Camps durch die französische Regierung hatten sich Anfang 2018 wieder rund 600 Migranten in verschiedenen Camps rund um Calais gesammelt. Bis heute gibt es immer wieder Versuche, Fahrzeuge zu „kapern“. 

Aktuell haben es die Sicherheitsbehörden immer wieder mit Gewaltausbrüchen zwischen den ethnischen Gruppen zu tun, deren Angehörige nur ein Ziel kennen: das Vereinigte Königreich.

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