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Fund von Babyleiche in Lüdenscheid: Kind wie Müll im Keller entsorgt

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Von: Olaf Moos

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Totes Baby im Kellerraum aufgefunden
Zwischen allerlei Gerümpel in diesem Keller des Wohnhauses wurde das Neugeborene regelrecht entsorgt. © Olaf Moos

Der Fund einer Babyleiche in einem Keller in Lüdenscheid (NRW) beschäftigt die Ermittler. Der schreckliche Fall gibt große Rätsel auf. Es gibt schwere Vorwürfe.

Lüdenscheid - Ein toter Säugling in einem Karton in Lüdenscheid (NRW) – der Fall stellt für die Ermittler zehn Tage nach der schrecklichen Entdeckung im Keller eines Wohnhauses an der Herscheider Landstraße offenbar ein schier unlösbares Rätsel dar. Klar ist hingegen, wie traumatisiert die Angehörigen der Frau (43) sind, die zunächst als Hauptverdächtige galt, nach ihrer Festnahme jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt wurde.

StadtLüdenscheid
Höhe423 m
Fläche86,73 km²

Lüdenscheid/NRW: Babyleiche lag seit eineinhalb Jahren im Keller

Die Obduktion des kleinen Leichnams hat keine Erkenntnisse darüber gebracht, ob das Mädchen umgebracht wurde oder tot zur Welt gekommen ist. Dass die Gerichtsmediziner nichts über die Todesursache herausgefunden haben, hat nach Angaben des zuständigen Staatsanwalts, Thomas Wünnenberg, „mit dem Zustand der Leiche zu tun“.

Der leblose Körper des Mädchens hat nach Informationen unserer Redaktion etwa eineinhalb Jahre in dem Versteck gelegen. Auf die Frage, ob eine weitere Obduktion Aufschluss über die Frage geben könnte, ob die Mutter für die Tötung des Babys strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann, sagt Wünnenberg: „Derzeit ist nichts weiter geplant.“

Damit droht die Ungewissheit im früheren Umfeld der 43-Jährigen fortzubestehen. Der Ehemann (48) der Frau und sein aus erster Ehe stammender ältester Sohn (23) sprechen über die Vorgänge, die die Familie nachhaltig in eine tiefe Krise gestürzt haben – und für die sie allein die Mutter des toten Säuglings verantwortlich machen. Es ist ein Bericht über Enttäuschung, Verzweiflung und Ratlosigkeit. Vater und Sohn wollen in der Öffentlichkeit namentlich nicht genannt werden.

Babyleiche in Lüdenscheid: Mann der Hauptverdächtigen äußert sich

Die Geschichte beginnt am 10. August 2011 als verspätetes Glück für den Arbeiter aus Lüdenscheid. Nachdem seine erste Frau ihn und zwei Söhne wegen der Liebe zu einem anderen Mann hatte sitzen lassen, heiratet er erneut. Seine zweite Frau bringt innerhalb von zwei Jahren zwei Kinder zur Welt. Der Junge und seine Schwester sind heute im Grundschulalter.

Der älteste Sohn, hier Andreas genannt, erinnert sich an „ein paar gute Jahre“. Demnach gibt es Arbeit für den Vater, „er steht jeden Morgen um 4 Uhr auf“, die zweite Frau kümmert sich um die Kinder und die finanziellen Angelegenheiten der Familie. Andreas sagt: „Vor etwa vier Jahren verschlechterte sich die Beziehung und blieb irgendwie stecken.“

Der Grund mag zunächst in gesundheitlichen Problemen des Vaters liegen, der hier Viktor genannt wird. Viktor erzählt, er habe zwei Wirbelsäulen-Operationen überstehen müssen, sei länger krank gewesen. „Im Bett lief mit meiner Frau zu der Zeit gar nichts.“ Sie besorgt sich einen Job als Reinigungskraft. „Sie hatte immer regelmäßige Arbeitszeiten, aber sie ist immer viel länger geblieben.“ Ein erster Verdacht keimt auf. „Ich habe gedacht, die hat bestimmt ein Verhältnis. Ich habe abgewartet.“

Ich habe gedacht, die hat bestimmt ein Verhältnis. Ich habe abgewartet.

Der Ehemann der Kindesmutter

Sohn Andreas schildert eine Begebenheit, die etwa zwei Jahre zurückliegt. „Sie kriegte einen Bauch.“ Natürlich, so der 23-Jährige, habe sein Vater sie darauf angesprochen. „Aber sie sagte, sie sei beim Arzt gewesen, und der hat ihr wohl erklärt, dass das an den Wechseljahren liegt.“ Der Bauch wuchs. Erst viel später kommt dem Familienvater nach eigenen Worten in den Sinn, wofür seine Frau sich sein Korsett aus dem Schrank genommen hat, das ihm die Ärzte nach seiner Rücken-OP als Stabilisierung verordnet haben. „Die hat den Bauch damit weggedrückt.“

Babyleiche in Lüdenscheid: Schockierende Vorwürfe

Zum endgültigen Bruch zwischen den Ehepartnern kommt es laut Viktors Bericht am 22. Mai dieses Jahres. An diesem Tag wird durch einen Zufall offenbar, was Viktor längst geahnt hatte. Und erst an diesem Tag formen sich Erinnerungen an merkwürdige Begebenheiten für den 48-Jährigen zu einem Bild – wird für ihn konkret, was für ihn jahrelang undenkbar war.

„An diesem Tag bin ich von der Arbeit nach Hause gekommen. Meine Frau war gerade den Müll runterbringen.“ Viktor erinnert sich, wie er in der Wohnung ihr Smartphone liegen sieht – und aus seinem Verdacht wird Gewissheit. Aus E-Mails und WhatsApp-Nachrichten erfährt er: „Sie betrügt mich mit mindestens vier Männern, hat sich immer wieder in Hagen mit ihnen getroffen.“ Er sagt, er habe Nacktfotos seiner Frau entdeckt, die sie ihren Liebhabern geschickt habe. Während er berichtet, laufen ihm Tränen über die Wangen.

Die Ereignisse an diesem 22. Mai überschlagen sich. Als die 43-Jährige von der Mülltonne hinterm Haus zurück ist, verweigert ihr Viktor den Zutritt zur Wohnung. „Ich habe sie einfach nicht mehr reingelassen.“ Etwa eine Stunde später taucht die Frau in Begleitung der Polizei auf und will ihre beiden Kinder mitnehmen. Der Junge (9) entscheidet sich, bei seinem Vater zu bleiben. Und seine zehnjährige Schwester? Viktor ist sicher: „Die ist aus Angst mitgegangen.“

Babyleiche in Lüdenscheid: Polizei-Einsatz wegen häuslicher Gewalt

Es ist nicht die erste Eskalation in der Familie. Aktenkundig ist, dass ein Nachbar schon am Tag zuvor die Polizei gerufen hat. Der Radau in der Wohnung klingt für ihn nach häuslicher Gewalt. Viktor wird von den Beamten „angezählt“, wie es im Polizeijargon heißt.

Die Probleme türmen sich weiter auf. Der 48-Jährige sagt, er habe am selben Abend eine Kladde durchforstet, in der seine Frau Unterlagen gesammelt hat. „Da lagen Rechnungen, die sie nicht bezahlt hat, und Mahnungen über ausstehende Raten.“ Auf Kontoauszügen entdeckt der Familienvater Überweisungen von Geldbeträgen, die in die Türkei und vermutlich nach Nigeria gegangen sind, „so um die 2.000 Euro“.

Und er findet einen Brief vom Vermieter, der offenbar seit Monaten keine Mietzahlungen erhalten hat. „Er hat uns die Wohnung gekündigt.“ Am nächsten Tag habe er sich von einem Freund schnell Geld geliehen, damit er wenigstens die Wohnung nicht verliert. Er schlägt auf die Tischplatte, während er erzählt. „Ich habe auf einmal über 12.000 Euro Schulden.“

Dass im Keller ein totes Kind versteckt sein könnte, über diesen eher vagen Verdacht, sagt er, habe er lange nachgedacht – und ihn gleichzeitig zu lange verdrängt. Zu seinem Puzzlebild, das er sich zusammengesetzt hat, gehört ein Ereignis in dem Kellerraum, Wochen vor dem Eklat. „Sie war mit unten, und als ich mal nachschauen wollte, was in dem Karton ist, hat sie mich regelrecht weggezogen.“ Sie habe gesagt: „Ach, da sind nur alte Schuhe drin.“ Als erste Reaktion, sagt der misstrauisch gewordene Ehemann, „habe ich gedacht, die hat doch bestimmt ein geheimes Telefon da drin“.

Babyleiche in Lüdenscheid in Tüten, Folie und Kissenbezug gewickelt

So verdichten sich wenige Tage vor der endgültigen Trennung und einen Monat vor dem tatsächlichen Leichenfund die bösen Ahnungen des 48-Jährigen. Er sei am 20. Mai mit Andreas auf der Wache gewesen. „Wir haben gesagt, wir vermuten, dass meine Frau schwanger war und das Kind umgebracht hat.“ Aber die Polizeibeamten „wollten meine Angaben gar nicht aufnehmen – und meine Personalien auch nicht“. Viktor räumt ein, ziemlich laut geworden zu sein. „Ich habe rumgebrüllt: Ihr hört mir nicht zu!“

Polizei Hagen nimmt Stellung zu Schilderungen: „Konkrete Angaben fehlten“

Zu den Schilderungen der Betroffenen erklärt Sebastian Hirschberg, Sprecher der Hagener Polizei: „Es wurde kein Bericht zu einem Besuch des Mannes auf der Wache am 20. Mai 2022 gefertigt. Hätten sich jedoch, bei einem tatsächlichen Besuch, konkrete Hinweise auf eine Straftat ergeben, wären umgehend Ermittlungen eingeleitet worden. Die Polizei nimmt jeden Hinweis ernst und verfolgt Straftaten konsequent.“

Der Einsatz der Polizei am 21. Mai in der Wohnung der Familie erfolgte laut Hirschberg wegen eines Konfliktes zwischen dem Ehemann und der Mutter des einen Monat später aufgefunden Neugeborenen. „Die Frau schilderte den Beamten, dass sie von ihrem Mann geschlagen worden sei.“ Einen Tag später habe der Ehemann mit seinem Sohn „in aggressivem Zustand“ die Polizeiwache aufgesucht. Hintergrund sei die am Vortag aufgenommene Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt gewesen.

In der Stellungnahme Hirschbergs heißt es: „Weiterhin machten die Männer vage Angaben zu einer im Sommer/Herbst 2020 eventuell bestandenen Schwangerschaft. Einen Rückschluss auf eine mögliche Straftat war zu diesem Zeitpunkt nicht herleitbar, da konkrete Angaben fehlten.“

Vier Tage nach der Trennung kommt das zehn Jahre alte Mädchen in die Wohnung seines Vaters zurück. Viktor berichtet, wie er stundenlang im Bett liegt und grübelt, „Tag für Tag“. Ein weiteres Puzzleteil fällt ihm auf. „Immer, wenn einer von uns in den Keller ging, um irgendwas zu erledigen, kam sie mit.“ Vielleicht doch kein verstecktes Handy, vielleicht was anderes.

Warum keiner der Männer früher auf die Idee kommt, den Verdacht zu überprüfen, warum keiner von ihnen die wochenlange Abwesenheit der Frau nutzt und in dem alten Fernsehkarton nachschaut, um das Geheimnis zu lüften – Antworten auf diese Fragen geben Vater und Sohn nicht.

Babyleiche in Lüdenscheid: „Geh’ mal unten nachgucken, ich glaube, da liegt das Kind.“

Am 21. Juni schließlich sagt Viktor zu seinem Ältesten: „Geh’ mal unten nachgucken, ich glaube, da liegt das Kind.“ Andreas schildert ruhig und konzentriert die folgenden Minuten. „Ich habe die Tasche aufgemacht, es war so eine Netto-Plastiktasche.“ Schicht für Schicht, sagt der junge Mann, habe er weiter gemacht. „Frischhaltefolie, noch eine Tüte, ein Müllsack, dann ein Kissenbezug, darin eine Plastiktasche vom Drogeriemarkt Müller, dann ein paar Handtücher.“

Dieses Bild und der Geruch – das werde ich einfach nicht mehr los.

Der Stiefsohn der Kindesmutter

Der Gestank sei immer unerträglicher geworden. „Ich habe Handschuhe angezogen.“ Und dann der Anblick eines kleinen Kopfes. Andreas: „Das Kind war normal groß, wie ein richtiges Baby, und es hatte Haare.“ Er habe einen Riesenschreck gekriegt. Der 23-Jährige schaut ins Leere, irgendwo vor eine Wand, und sagt: „Dieses Bild und der Geruch – das werde ich einfach nicht mehr los.“ Andreas weiht seinen Vater ein, ruft die Polizei und führt die Beamten zu der Leiche.

Es ist unklar, wie Viktors Ehefrau am Nachmittag des 21. Juni in die vormals gemeinsame Wohnung gekommen ist. Der 23-Jährige berichtet, sie habe in der Küche gesessen, mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt, und „ziemlich emotionslos“ gewirkt.

Während zwei Beamte Vater und Sohn befragen, habe die Frau einem anderen Polizisten erklärt, das Kind vor eineinhalb Jahren allein zur Welt gebracht zu haben, im Badezimmer. Die Mordkommission des Hagener Polizeipräsidiums wird eingeschaltet. Viktor sagt: „Die haben uns bis 2 Uhr nachts vernommen.“

Babyleiche in Lüdenscheid: Jugendamt wird eingeschaltet

Das Jugendamt der Stadt wird benachrichtigt. Viktor sagt, er habe mit den Fachleuten über das Sorgerecht für die beiden Kinder gesprochen – und über ein Näherungsverbot, mit dem seine Frau belegt werden könnte. Die Mitarbeiter des Jugendamtes hätten ihm empfohlen, seine Frau nicht in die Wohnung zu lassen. „Wir haben Angst, dass sie uns die Kinder entführt.“

Stadt-Pressesprecherin Marit Schulte-Zakotnik bestätigt den Einsatz zum Wohl der Kinder. „Unsere Leute sind seit Mittwochmorgen (22. Juni, Anm. d. Red.) in engem Kontakt zu den Betroffenen und machen auch Hausbesuche. Das Jugendamt ist bemüht, gezielt therapeutische Betreuung zu vermitteln und jegliche Unterstützung zu organisieren.“

Ob, wann und wie die Behörden aus dem Fund des Säuglings Tatvorwürfe herleiten oder gar ein Strafverfahren einleiten, ob jemand für den Tod des Mädchens verantwortlich gemacht werden kann oder wer der Vater des Babys ist – auf diese Fragen gibt es offiziell keine Antworten von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Babyleiche in Lüdenscheid: „Wir wollen das Kind taufen lassen“

Doch dass da ein wehrloser Mensch wie Müll in einem Keller entsorgt wurde, lässt die Familie nicht ruhen. Im Wohnzimmer hängt über dem Fernseher ein großes Portraitfoto. Es zeigt den polnischen Geistlichen Karol Wojtyla, der als Johannes Paul II. fast 27 Jahre lang auf dem Papstthron saß. In seine Richtung schaut Andreas und sagt: „Wir wollen das Kind taufen lassen und beerdigen. Das gehört sich so, das Mädchen war die Schwester meiner Halbgeschwister.“

Der Staatsanwalt hat die Leiche freigegeben, die Beisetzung fand am Freitagmittag statt. Zuvor wurde das Kind getauft, es sollte einen Namen haben. Viktor und Andreas waren sich einig: Es wird Marie heißen.

Vor drei Jahren hatte die Polizei MK in Kierspe ein neugeborenes Kind im Müll entdeckt. Wenige Monate später starb in Plettenberg ein einjähriges Kind durch Gewalt seines Pflegevaters.

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