Halter (23) sitzt im Gefängnis

Amtliches Todesurteil für "Spike": Stadt will aggressiven Hund einschläfern lassen

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Dem Molosser-Mischling Spike, derzeit in einer Pflegestelle, droht die „Vernichtung“.

Spike ist ein Molosser-Mischling und gilt als „nicht gesellschaftsfähig“ und aggressiv. Nun soll der etwa fünf Jahre alte Hund sterben.

  • Molosser-Mischling "Spike" gilt als "nicht gesellschaftsfähig" und aggressiv.
  • Die Stadt Lüdenscheid will den Hund einschläfern lassen - aus Kostengründen.
  • Sein Halter sitzt seit April 2018 in Haft.

Lüdenscheid - Der Halter – ein 23-jähriger Lüdenscheider, der wegen räuberischer Erpressung seit April 2018im Gefängnis sitzt – hat Post vom Ordnungsamt gekriegt. In dem Brief heißt es unter anderem, es sei beabsichtigt, Spike „auf Anordnung einschläfern zu lassen“ – aus Kostengründen

Der Häftling hat seine Rechtsanwältin Julia Kusztelak eingeschaltet, um Spikes Leben zu retten. Als der Hundehalter in Haft kommt, beschlagnahmt das Rechts- und Ordnungsamt der Stadt seinen Vierbeiner. Nach zwei turbulenten Tagen im Tierheim Dornbusch ist nach Worten des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, Thomas Höllmann, klar: „Hier kann Spike nicht bleiben.“ 

Höllmann und sein Team finden eine Pflegestelle für den Rüden. Die Hundetrainerin, bei der der Molosser-Mischling in Obhut kommt, will namentlich ungenannt bleiben. Sie hat Erfahrung mit beschlagnahmten Hunden – nach eigenen Worten unter anderem aus dem Rocker-Milieu – und ist auf die Resozialisierung aggressiver Hunde und deren Vermittlung spezialisiert.

Spike soll eingeschläfert werden: Draußen eine "Bestie"?

Spike, so die Fachfrau, habe zwar ein auffälliges Aggressionspotenzial, mache aber langsam Fortschritte. Sein Verhalten spreche für die Annahme, dass jemand ihn „für Delikte wie räuberische Erpressung trainiert und benutzt hat“, berichtet sie dem Portal come-on.de*. 

Die „Hundeflüsterin“ berichtet, dass die Freundin des Häftlings über Spike gesagt habe: „In der Wohnung geht’s einigermaßen. Aber draußen ist er eine Bestie.“ Auf der Internet-Seite des Tierheims Dornbusch steht im Vermittlungsangebot unter anderem: „Ich bin meinem Menschen treu und anhänglich. In Begegnungen mit Fremden zeige ich mich jedoch höchst wachsam und äußerst skeptisch.“ 

Weiter heißt es: „Wie ihr schon merkt, bin ich absolut kein Anfängerhund. Ich brauche wirklich hundeerfahrene (...), souveräne Halter, die mir klare Ansagen geben können und mir körperlich gewachsen sind. Denn ich bin ein wahres Kraftpaket! Kinder, Artgenossen und andere Tiere sollten nicht im Haushalt leben.“ Am liebsten sei ihm „ein großer Hof, abgelegen und sicher umzäunt“. 

Im Knast in Schwerte äußert sich der 23-jährige gegenüber seiner Anwältin anders. Spike sei „superlieb“ gewesen und habe auf Spaziergängen nie andere Hundehalter oder deren „Fußhupen“ attackiert. Damit meint der Häftling kleinere Hunde. Spike hat immerhin eine Schulterhöhe von 65 Zentimetern.

Stadt will Hund einschläfern lassen - Halter will zahlen

Obwohl der Lüdenscheider weiß, dass er seinen Hund nach der Haftentlassung nicht wiederbekommt und die Behörde das ohnehin wegen fehlender Voraussetzungen ausschließt, will er Spike retten. Julia Kusztelak berichtet, ihr Mandant habe jetzt einen Job in der Haftanstalt und verdiene 100 Euro im Monat. „Er erklärt sich bereit, die Hälfte seines Lohns für Spikes Leben zu geben.“ 

Möglicherweise ist das nur der Tropfen auf den heißen Stein. Denn die Stadt hat nach eigenen Angaben inzwischen rund 15.000 Euro für die Pflege und Erziehung des Hundes bezahlt. Die Kosten für die Unterbringung und Verpflegung belaufen sich demnach auf 20 Euro pro Tag

Jährlich gebe die Stadt rund 60.000 Euro für Hunde aus, die beschlagnahmt werden.

Spike seit zwei Jahren in Plegestelle - „Verwertung“ möglich

In dem Brief an den Häftling heißt es: „Rechtlich ist es möglich, einen sichergestellten Hund bereits nach einem Jahr zu verwerten.“ Spike sei jetzt seit fast zwei Jahren in der Pflegestelle, „doch ist mit einer Änderung der Situation nicht zu rechnen“. Die Kosten für die Unterbringung „übersteigen den Wert des Hundes um ein Vielfaches“. 

Das Schreiben an den eingesperrten Hundehalter schließt mit dem Satz: „Sofern Sie sich nicht zur Vernichtung äußern, kann ohne weitere Anhörung auf Grund der vorliegenden Erkenntnisse Ihr Hund eingeschläfert und somit vernichtet werden.“ Er habe Gelegenheit, bis zum 27. Februar „zur Verwertung des Hundes Spike Stellung zu nehmen“. 

Rechtsanwältin Kusztelak reagiert schnell. In einem Schriftsatz ans Ordnungsamt bezeichnet sie die Einschläferung „vor dem Hintergrund der Kosten“ als „rechtswidrig“ – und bittet um Akteneinsicht. Mit Vollmacht ihres Mandanten widerspricht die Juristin der angedrohten Maßnahme „ausdrücklich“. 

Auch Tierschützer Thomas Höllmann äußert sich kritisch. „Da macht es sich die Stadt viel zu leicht, so einfach geht das alles nicht.“ Nach Gesprächen mit mehreren Behördenvertretern erläutert der Vereinsvorsitzende das vorgesehene Prozedere vor der „Hinrichtung“ eines Hundes. 

„Das Ordnungsamt muss zunächst einen Fachtierarzt mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragen.“ Falls der Gutachter der Einschläferung zustimmt, trete eine Kommission zusammen. Die bestehe aus Vertretern des Veterinäramtes beim Märkischen Kreis, des Tierschutzvereins, des städtischen Rechts- und Ordnungsamtes sowie dem Fachtierarzt. 

So sei gewährleistet, dass Spike nicht ausschließlich aus Kostengründen getötet wird, „sondern weil ihm anders wirklich nicht mehr geholfen werden kann“, sagt Höllmann.

Spike soll sterben: Das sagt die Stadt

Auf Anfrage erklärt die Stadt, das Schreiben an den Hundehalter stelle noch keine Verfügung dar, sondern sei „nur“ eine Anhörung des Adressaten. 

Die Frage, warum Spike sterben soll, beantwortet der Sprecher der Verwaltung, Sven Prillwitz. Wörtlich heißt es: „Die Entscheidung, ein Lebewesen womöglich einschläfern lassen zu müssen, fällt uns alles andere als leicht. Wir bedauern das sehr. Allerdings hat uns die Hundetrainerin, die sich seit rund zwei Jahren um Spike kümmert, bescheinigt, dass dieser Hund sehr aggressiv und gefährlich ist.“ 

Spike könne daher ausschließlich an einen Hundehalter vermittelt werden, der in der Erziehung und im Umgang mit solchen Hunden sehr erfahren ist. Leider habe sich in den vergangenen zwei Jahren niemand gefunden, der Spike aufnehmen will. „Ihn im Tierheim unterzubringen, ist aufgrund seines Wesens leider auch keine Option.“

Hundtrainerin: "Schon Fortschritte"

Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Als Behörde sind wir dazu verpflichtet, mit dem Geld der Steuerzahler verantwortungsbewusst umzugehen. Einen aggressiven Hund dauerhaft (...) unterzubringen, entspricht dieser Verantwortung nicht.“ 

Zum anderen – und das sei der wichtigere Punkt – habe die Stadt eine Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit. „Wir haben dafür zu sorgen, dass dieser äußerst aggressive Hund niemanden beißt. Daher bleibt uns leider nichts anderes übrig, als diese schwierige Entscheidung zu treffen.“ 

Rechtsanwältin Julia Kusztelak, selbst Hundehalterin und im Tierschutz engagiert, will sich damit nicht zufriedengeben. „Es wäre toll, wenn sich jemand fände, der Spike aufnimmt.“ 

Die Hundetrainerin, bei der Spike derzeit lebt, sagt: „Er ist schwierig, aber er hat schon Fortschritte gemacht.“

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