Loveparade hielt eigenes Sicherheitskonzept nicht ein

Teilnehmer versuchen am Samstag in Duisburg, das eingezäunte Gelände der Loveparade zu verlassen.

DÜSSELDORF ▪ Für Dieter Wehe, Inspekteur der Polizei Nordrhein-Westfalens, ergibt sich ein vorläufiges Bild über die Ursachen, die zu der tödlichen Eskalation bei der Loveparade am vergangenen Samstag in Duisburg führten. Der Veranstalter habe die Vorgaben des eigenen Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten, lautet sein schwerwiegender Vorwurf. Es seien nicht genügend Ordner eingesetzt worden.

1000 Ordner hatte der Veranstalter, die Lopavent GmbH, zugesagt. Allein 150 private Sicherheitskräfte des Veranstalters sollten zur Publikumssteuerung eingesetzt werden. Ihre Aufgabe sollte es sein, Sicherheitskontrollen an den Einlass-Schleusen durchzuführen und den Publikumsfluss im Eingangsbereich zu überwachen. „Sollte es zu Stauungen oder Pfropfbildungen kommen, fordern sie die statischen Besuchergruppen auf, weiter zu gehen“ heißt es im Sicherheitskonzept. Die „Entzerrung von Publikumsstauungen“ sei „jeder Zeit möglich“, weil das Gelände komplett videoüberwacht werde.

In der Praxis habe das aber nicht funktioniert: Am westlichen Tunneleingang sei die Hälfte der Schleusen zunächst gar nicht mit Ordnern besetzt gewesen, erläuterte Wehe. Dadurch habe sich der Zugang zu dem Festgelände erheblich verzögert. Ohnehin habe sich die Situation am Einlass schon dadurch erschwert, dass die Zugänge nicht, wie in der Genehmigung vorgesehen, um 11 Uhr, sondern erst um 12.04 Uhr geöffnet worden seien. Der Grund für die folgenschwere Verzögerung: Auf dem Festgelände seien noch Planierarbeiten im Gange gewesen. Dabei sei vereinbart gewesen, dass bei großem Besucherzustrom sogar schon ab 10 Uhr der Einlass erfolgen sollte. Als Folge der verspäteten Öffnung der Zugänge und der teilweise nicht besetzten Schleusen hätten sich an den Eingängen große Rückstaus gebildet, während es auf dem Festgelände noch genug freie Flächen gegeben habe. Bis zu 20 000 Raver hätten zeitweise Schlange gestanden. Die Stimmung sei zunehmend „unruhig“ geworden. Vereinzelt seien Polizisten sogar angegriffen worden; die Situation habe zu kippen gedroht.

Zusätzlich erschwert habe die Situation im Tunnel, dass die Raver, die das Festgelände erreichten, am Ende der Rampen stehen blieben, um die Floats zu beobachten. Der Veranstalter habe im Vorfeld zugesagt gehabt, „Pusher“ einzusetzen, die die Raver tiefer auf das Gelände lotsen sollten. Ob es diese Ordner überhaupt gegeben habe, wisse er nicht, „sie haben aber ihre Aufgabe definitiv nicht erfüllt“, sagte Wehe.

Um 15.30 Uhr dann die Eskalation: Der Veranstalter bat die Polizei um Hilfe, weil die eigenen Ordner die Situation nicht mehr beherrschten. Es sei vereinbart worden, dass Polizisten Ketten bilden, um den Druck der nachdrückenden Massen aufzuhalten, schilderte Wehe. Außerdem sollten die Ordner der Veranstalter die Schleusen sofort schließen, um weiteren Druck auf den Tunnel zu verhindern. Das habe aber nicht funktioniert: Im Gegenteil sei sogar eine Rampe zeitweise geöffnet und außerdem seien Zaunelemente entfernt worden: „Dadurch hat sich der Zulauf sogar noch weiter erhöht.“ Der Druck im Tunnel sei zu dem Zeitpunkt so groß geworden, dass die Polizisten die Sicherheitsketten hätten aufgeben müssen: „Sie konnten dem wachsenden Druck nichts mehr entgegensetzen.“

Das war der Beginn des für hunderte Raver verhängnisvollen Chaos‘: Als einige von der Warterei genervte Raver den Zaun an einer Treppe zur westlichen Rampe überwanden und über die Treppe nach oben gelangten und dort auch noch das Victory-Zeichen zeigten, war kein Halten mehr. Dorthin strebten nun die Massen, rissen den Zaun nieder, um ebenfalls über die Treppe zu entkommen. „Die Möglichkeit, diesen dichten Raum zu verlassen, hat zu einem noch großeren Andrang geführt“, so Wehe. Genau dort sei es dann zu den Todesfällen gekommen. Die umgestürzten Zaunelemente hätten sich als Stolperfallen erwiesen. „Alle Toten wurden hier aufgefunden, im Tunnel gab es keinen einzigen Toten“, sagte Wehe.

Für NRW-Innenminister Ralf Jäger ergibt sich aus dem Bericht der Polizei, dass das Sicherheitssystem des Veranstalters zum völligen Zusammenbruch gekommen sei. „Die Polizei hat dann alles getan, um die Absperreinrichtungen aufrecht zu erhalten und noch größeren Schaden abzuwenden,“ so Jäger.

Loveparade-Chef Rainer Schaller reagierte am Abend zurückhaltend. Die Vorwürfe müssten sehr genau überprüft werden. Die Staatsanwaltschaft werde herausfinden, ob nicht auch das Verhalten der Polizei die Situation mitverursacht habe. Er habe das vollständige Videomaterial vom Tunnel- und Eingangsbereich übergeben.

Zudem werde das Loveparade-Management zusammen mit sozialen Einrichtungen einen Hilfsfonds für Angehörige einrichten. Schaller: „Wir wissen, dass wir damit das Leid den Angehörigen nicht lindern können, aber wenigstens sollen sie finanzielle Hilfe bekommen.“

Detlef Burrichter

Quelle: wa.de

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