Ein Leben für den Rummel - Die Kirmes-Könige aus Westfalen

+
Johannes Schneider - mit 87 noch begeisterter Schausteller.

SOEST - An den Schneiders kommt auf deutschen Rummelplätzen niemand vorbei. Mit über zehn großen Fahrgeschäften sind sie die Kirmes-Könige aus Westfalen. Auch Familienoberhaupt Johann Schneider ist mit 87 Jahren noch immer auf Reisen - zur Zeit bei der Allerheiligenkirmes in Soest.

Von Andreas Sträter

Einer wie Johann Schneider hört nicht auf. Denn er gehört auf die Reise. Mit seinen 87 Jahren ist der Schausteller aus Soest seit fast 70 Jahren mit einem Autoscooter unterwegs. Momentan hat er sein Fahrgeschäft auf der Allerheiligenkirmes aufgebaut - die nach Veranstalterangaben größte Innenstadtkirmes Europas hat am Mittwoch begonnen. Dort trifft Schneider auch auf seine Verwandtschaft - eine westfälische Schausteller-Dynastie. Mit über zehn Fahrgeschäften sind die Schneiders auch als die Kirmes-Könige Westfalens bekannt.

Der Familienälteste Johann Schneider ist auch immer noch der Erste, der eine Runde auf den familieneigenen Wasser- und Achterbahnen dreht. "Das lasse ich mir nicht nehmen, ich mache auch noch den Freefall-Tower mit", sagt Johann Schneider. Er ist mit dem Kirmes-Gen zur Welt gekommen: Denn die Schneiders blicken zurück auf 150 Jahre Familientradition. Gründer der Dynastie ist Heinrich Schneider, der eine Schiffschaukel baute und damit auf Reisen ging. Im Jahre 1925 kommt der kleine Johann auf die Welt und hilft schon früh mit im familieneigenen Hippodrom. Die Eltern haben eine Pferdebahn mit Bier-Ausschank. Doch während des Zweiten Weltkrieges werden die Pferde der Familie Schneider konfisziert. Der Betrieb des Hippodroms ist nicht weiter möglich.

In Soest findet die Allerheiligenkirmes statt.

Doch nach dem Krieg hatten Johann und seine Brüder eine zündende Idee: Mit 8000 D-Mark bauten sie ihren ersten Autoscooter. Material, Farben und Holz liehen sich die Schneider-Brüder noch bei Verwandten. Schnell gab ihnen der Erfolg recht: In den 1950-er Jahren trifft der Autoscooter den Zeitgeist. Auch mit seinen Sprüchen kann Schneider punkten: "'Alles in die Kurve legen, die Fahrt wird schneller', habe ich damals gesagt." Früher, da lockte Johann die Besucher mit frecher Musik von der Schallplatte und einem guten Aussehen in das Autoscooter. "Ich hatte eine unheimliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Erol Flynn", sagt der alte Schneider. Noch immer trägt der Schelm der alten Schule ein fein rasiertes Oberlippen-Bärtchen. Etwas wehmütig blickt Schneider auf die 70-er Jahre - eine glänzende Zeit für die Kirmesindustrie.

Zur Familien-Dynastie gehört auch Michael Schneider aus Lippstadt, der dort seine Piratengeisterbahn "Pirates Adventure" mit Abenteuerkammern, Plastik-Krokodilen und einem Erlebnisparcours aufgebaut hat. Die Figuren seiner Attraktionen sprechen nicht nur Deutsch, sondern auch Niederländisch und Englisch. Nach der Allerheiligenkirmes in Westfalen wird Schneider sein Geschäft nach London verschiffen und zum "Winter Wonderland" im Hyde-Park aufbauen. Dort wird er bis Januar bleiben, seine Frau bleibt mit den Kindern zu Hause in Lippstadt. Weihnachten wird getrennt gefeiert. "Aber wir sind ja sonst immer zusammen. Wer kann das schon sagen?", sagt Michael Schneider.

Er freut sich, in Soest mal wieder auf seinen Onkel Johann zu treffen. Auch er weiß: so einer wie Johann, der setzt sich nicht zur Ruhe. Kollegen, die sich von der Reise verabschieden, sterben bald darauf, heißt es unter den Kirmesmachern. - lnw

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare