Der lange Weg zur Gleichstellung

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Die SPD-Politikerin Clara Zetkin hatte den Internationalen Frauentag im Jahre 1911 initiiert. ▪

WESTFALEN ▪ Vor 100 Jahren gingen die Frauen auf die Straße, um mitbestimmen zu dürfen, doch richtig mitreden können sie oft noch heute nicht. Zwar haben die Frauen um die deutsche Feministin und Sozialistin Clara Zetkin, die im März 1911 an der ersten Frauentags-Demonstration teilnahmen, ihr konkretes Ziel erreicht: das Wahlrecht für Frauen. Doch es geht längst um mehr.

Wer sitzt auf den Chefsesseln, wer macht trotz Kind Karriere, und wer bringt mehr Geld nach Hause? Es mag einigen Männern ja schon aus den Ohren raushängen, aber: Frauen und Männer sind vor allem in der Arbeitswelt noch immer nicht gleichberechtigt. Der Anteil weiblicher Topmanager bei deutschen Dax-Unternehmen liegt nur bei 3,2 Prozent. Frauen in Deutschland verdienen rund 23 Prozent weniger als Männer. Der Unterschied ist so hoch, wie in kaum einem anderen europäischen Land. Das geht aus dem Gutachten der Sachverständigenkommission für den Ersten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vom Januar 2011 hervor. 228 Seiten brauchen die Hochschulprofessorinnen und -professoren, um über die (noch nicht vorhandene) Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland zu berichten. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum es den Internationalen Frauentag 100 Jahre nach seiner Gründung immer noch gibt.

Ein ganz anderer Grund ist Connie (Name geändert). Sie war 14, als sie von ihrem Vater schwanger wurde. Als sie ihn anzeigte, wurde sie von der Familie wie eine Aussätzige behandelt. „Ich hätte meinen Vater verführt, meiner Mutter den Mann weggenommen und Schande über sie gebracht“, berichtet das Mädchen aus Nicaragua. Gewalt in der Familie und sexueller Missbrauch von Frauen und Mädchen sind in Nicaragua immer noch Tabuthemen, heißt es in einem Amnesty-International-Bericht. Demnach gibt es in Nicaragua kein Gesetz, das körperliche Züchtigung verbietet – das Familienleben gilt als Privatsache. Doch auch in vielen anderen Ländern prägen Diskriminierung und Gewalterfahrung das Leben von Frauen. „Weltweit an erster Stelle stehen die vielen Arten sexualisierter Gewalt“, sagt Gunda Opfer (Koordinationsgruppe „Menschenrechtsverletzungen an Frauen“).

Nicht nur am 8. März kämpften Frauen eines jeden Landes gegen ihre Probleme, aber an diesem Datum mit besonders viel „Druck“ und öffentlicher Aufmerksamkeit. Die Menschenrechtlerin betont: „Es wird heute gern vergessen: Auch alle Fortschritte für uns Frauen in Europa sind zustande gekommen durch unermüdlichen Einsatz unerschrockener Frauen.“

Einen Tag wie den Internationalen Frauentag hält auch Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte, für wichtig, um das Bewusstsein für die Probleme zu schärfen. „Natürlich muss aber jeden Tag an der Gleichberechtigung von Frauen und Männern gearbeitet werden“, sagt Rudolf. Ihrer Ansicht nach sind Frauen in Deutschland in wichtigen Positionen immer noch unterrepräsentiert, weil die Strukturen nach wie vor an typischen Männerbiographien ausgerichtet sind, weil die Gremien, die Führungspositionen besetzen, von Männern dominiert sind, und weil es an Betreuungseinrichtungen fehlt.

Zwar sind auch die alten Rollenbilder noch stark in den Köpfen verankert, doch laut Rudolf sind vor allem die Rahmenbedingungen für die Ungleichheit verantwortlich. „In fast allen Bereichen haben Mädchen und Frauen bessere Noten, sind erfolgreich und sind selbstbewusst. Frauen werden aber dann zurückgeworfen, wenn sie sich zwischen Familie und Karriere entscheiden müssen“. Frauen und Männer müssten sich gemeinsam um die Familie kümmern und gleichermaßen die Chance haben, erfolgreich im Beruf zu sein.

Das deckt sich im Übrigen durchaus mit den Wunschvorstellungen der Eltern selbst. Laut Gutachten für den Gleichstellungsbericht wünschen sich Frauen in Teilzeitarbeitsplätzen tendenziell eher längere Arbeitszeiten, während die oft von Überstunden geplagten Männer gerne kürzer arbeiten würden. ▪ Laura Engels

Quelle: wa.de

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