Landarzt im Münsterland: Volles Wartezimmer und doch in den Miesen

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Der Landarzt Peter Wacker steht in Rosendahl (Kreis Coesfeld) neben einem Traktor. Ärzte und Krankenkassen verhandeln am Donnerstag wieder über die Honorare.

ROSENDAHL-DARFELD - Am Donnerstag verhandeln Ärzte und Krankenkassen wieder über die Honorare. Im Gegensatz zu den Spezialisten in den Städten beklagen Hausärzte in der Fläche unzumutbare Zustände. Peter Wacker im Münsterland macht in manchen Monaten sogar Verlust.

Na klar, ein Dorfarzt sei er, sagt Peter Wacker, während er in seinem Golf quer durch die Bauernschaft im münsterländischen Rosendahl düst, "ein Dorf- und Landarzt". Vor ein paar Jahren sei er mal mit seiner Kutsche zu den Hausbesuchen gefahren. Ein alter Bauer, habe geweint bei dem Anblick, erzählt der Allgemeinmediziner. "Auf so einem Hof wohnen manchmal vier Generationen unter einem Dach. In letzter Instanz bin ich immer Familienarzt."

Dr. Peter Wacker ist stolz auf seinen Beruf, darauf, dass er Landarzt ist, sich Zeit nimmt für die allermeisten Patienten. Um Geld ging es dem 63-Jährigen in seinem Beruf eigentlich nie, seit kurzem aber umso mehr. Seit Wochen streiten die niedergelassenen Ärzte und Krankenkassen über die neuen Honorare. Am Donnerstag (4. Oktober) nehmen beide Seiten ihre festgefahrenen Verhandlungen im Honorarstreit wieder auf.

Für ihn und die meisten seiner Kollegen sei die aktuelle Honorardebatte "ein Witz", sagt Wacker. "Gäbe es da eine Tabelle wie in der Bundesliga - wir Landärzte wären seit Jahren als Absteiger im Tabellenkeller", sagt er mit einem Kopfschütteln. "Wir werden schlechter gestellt, das war immer so."

Dabei läuft die Praxis im beschaulichen Rosendahl-Darfeld auf den ersten Blick gut. Das Wartezimmer ist voll, einen anderen Hausarzt gibt es erst im nächsten Dörfchen. Da klingt das Angebot der Kassen von rund 1800 Euro mehr pro Jahr doch ganz gut. Peter Wacker schüttelt den Kopf. "Ein Witz ist das." Zwischen 12 000 und 15 000 Euro setzt die kleine Praxis monatlich um, "davon muss ich das Personal bezahlen, die Miete, Rente, Berufsversicherungen bis hin zum Sprit für die Hausbesuche - und das ist alles vor Abzug der Steuern." Es gibt Monate, da macht er Miese. "Ein Laborarzt wirft da seine Maschinen an und wird dafür fürstlich bezahlt. Jeden Monat gleich."

Aber ob nun 10 Prozent mehr Honorar die Lösung wären, da ist Peter Wacker skeptisch. Gründe für die Kluft zwischen dem armen Landarzt und dem Radiologen-Millionär gibt es zu viele. Die meisten in der Struktur, sagt Peter Wacker. Egal wie oft ein Patient zu ihm kommt, er verdient etwa 32 Euro pro Patient. Pauschal. Ganz egal wie oft er zum Hausbesuch in den Altenheimen ist. Wie viele Patienten pro Quartal behandelt werden, steht durch das sogenannte Regelleistungsvolumen ebenfalls fest. Sind es mehr, bekommt der Arzt für die Behandlung gerade noch 10 Prozent von der Kasse - etwa 3,20 Euro.

Bei Privatpatienten ist das anders, aber Privatpatient ist in Rosendahl nur etwa jeder Zehnte. "Ein Neurologe oder Orthopäde in der Stadt macht einfach seine Praxis für zwei Wochen zu, um keine unbezahlten Leistungen zu erbringen - das ist auf dem Land halt nicht möglich." Nicht mal dann, wenn gestreikt wird. Im aktuellen Tarifstreit soll das anders werden - für ein paar Tage will der Landarzt mitstreiken und die Praxis schließen.

Schon im Alter von zwölf Jahren wusste Peter Wacker, dass er mal Arzt werden will - Landarzt. Ein angesehener, ein wichtiger Beruf und mittlerweile ein aussterbender mit schlechtem Einkommen bei langen Arbeitszeiten. Der Gewinn, den die Praxis abwirft, ist minimal. Peter Wacker ist heilfroh, dennoch eine Nachfolgerin gefunden zu haben, denn er weiß, dass auch seine Kollegin von Monat zu Monat lebt. "Von der Hand in den Mund", wie er sagt. "Ich meine, es müsste für Hausärzte und vor allem Landärzte eigene Honorare geben. Anders geht es nicht."

Quelle: wa.de

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