Karneval

So läuft die Weiberfastnacht im Kölner Frauenknast

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Das Kölner Dreigestirn hinter Gittern.

Seit über 20 Jahren findet in der Justizvollzugsanstalt Köln eine Karnevals-Sitzung für die weiblichen Insassen statt. Einen Tag vor Weiberfastnacht kommen das Kölner Dreigestirn sowie bekannte Karnevalskünstler unentgeltlich in die Haftanstalt, um für ein wenig Spaß zu sorgen. Das funktioniert.

Köln – Draußen strahlt die Sonne, als Seine Tollität Marc I. samt Gefolge durch die schattigen Gänge der Justizvollzugsanstalt Köln schreitet. Die roten Schnallen-Schuhe des Prinzen klackern auf dem Flur, die lange Pfauenfeder am Prinzenhut streicht über die Gefängnisdecke. Das Wetter in Köln ist herrlich, einen Tag vor Weiberfastnacht. Und die Stadt bereitet sich auf die Zeit des Jahres vor, die für viele Rheinländer so bedeutend ist wie Weihnachten, Ostern und der eigene Geburtstag zusammen. Während die ersten Eisbärinnen und Cowgirls schon in feucht-fröhlicher Vorfreude über die Domplatte torkeln, freuen sich auch die aktuellen Anwohnerinnen der Rochusstraße 350 im Stadtteil Ossendorf auf einen Stimmungsaufheller. Heute ist Weiberfastnacht im Frauenknast.

Frank Pohlen ist deshalb viel auf den Beinen. Der Leiter Sicherheit und Ordnung in der JVA führt durch die Gänge, in der Hand zwei riesige Schlüssel mit mächtigen Bärten. Das Geräusch der massiven Türen, die hinter einem ins Schloss fallen, lassen keine Zweifel: zu bedeutet zu. Pohlen erzählt während des Ganges in Richtung Veranstaltungssaal ein wenig über die JVA, der größten in NRW und der zweitgrößten im ganzen Land. Manchmal wird Pohlen ungewollt makaber. Wenn er zum Beispiel vom „Tag der offenen Tür“ zum 50-jährigen JVA-Jubiläum im vergangenen Jahr berichtet. Oder sagt, dass die Mädchen und Frauen heute mal aus dem „Alltag ausbrechen könnten“. Darauf angesprochen, sagt Pohlen: „Ich merke das gar nicht mehr.“ Und lächelt.

DJ Marc Colonia sorgt für das Warm-Up

Im Kinosaal ist DJ Marc Colonia mit dem „Warm Up“ beschäftigt. Fast 150 Frauen sitzen in den Sesseln, die meisten verbüßen eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Doch es sind auch andere dabei, schwere Mädchen, die schlimme Dinge auf dem Kerbholz haben. Man erkennt sie nicht. Die Nazi-Braut Beate Zschäpe war hier auch für fast zwei Jahre in U-Haft. DJ Marc merkt nicht, dass er hier eine besondere Weiberfastnacht anheizt. „Alles ganz normal“, sagt der erfahrene Karnevalskünstler. Nur eins fällt ihm auf: „Die kommen hier schneller in Stimmung als die Leute woanders.“

Hier sind die Fotos von der Weiberknastnacht

Die meisten der Frauen stehen nach wenigen Minuten. Johlen, klatschen und singen ausgelassen. Das Kölner Festkomitee hat in diesem Jahr Kostüme gespendet. Es sind Indianer, Clowns und Teletubbies im abgedunkelten Saal. Die Anstaltsleiterin hat sich in diesem Jahr als Krümelmonster aus der Sesamstraße verkleidet, sie trägt ein blaues Kleid mit aufgenähten Keksen und zwei Kuller-Augen auf dem Kopf. Angela Wotzlaw sagt: „Die Frauen können heute mal die Knast-Routine vergessen. Sie merken, dass man auch Spaß haben kann, ohne dass man betrunken oder bekifft ist.“ Der Blick in den Saal bestätigt ihre These. Wotzlaw selbst ist auch aus der Routine ausgebrochen. Sie wippt beschwingt zur Musik.

Die Anstaltsleiterin kommt als Krümmelmonster

Der NRW-Justizminister ist auch da und beeindruckt. Peter Biesenbach ist das erste Mal bei dieser Veranstaltung dabei, die seit nunmehr gut 20 Jahren stattfindet. „Die Anstaltsleiterin hat mich kurzfristig eingeladen“, erzählt der CDU-Politiker. Also habe er den Termin „mal dazwischen geschoben“. Eine gute Entscheidung, wie er nun findet. „Das ist eine tolle Idee, ich bin ganz begeistert. Das ist für mich eine Facette der Resozialisierung. Wir wollen ja, dass die Menschen auch in der Haftanstalt in dieser Hinsicht fit bleiben.“ Sorgen um seine Krawatte muss er sich mangels passendem Schneidewerkzeug nicht machen. Alles, was als Waffe verwendet werden könnte, ist hier verboten.

Über ein halbes Dutzend Show-Acts gibt es. Die Künstler treten alle ohne Gage auf, die meisten zahlen drauf. „Machen wir aber gern“, sagt Andrea Schönenborn von den „Funky Marys“. Die Tänzerinnen waren vor sechs Jahren schon einmal hier. Für sie ist es „kein Unterschied“, ob sie vor inhaftierten Frauen oder freilaufenden Narren auftreten. „Das ist ein ganz normales Künstler-Saal-Verhältnis“, sagt Schönenborn. Nur bei der Auswahl der Lieder müsse man ein gewisses Fingerspitzengefühl haben. Lieder wie „Wat ich noch möchte, sin dausend Nächte“ seien da nicht so angesagt.

Häftling Marah kann "den Alltag vergessen"

Die inhaftierten Frauen werden immer lockerer. Auch Marah Ziegler. Die 29-Jährige ist hinter ihrer schwarz-weißen Schminke kaum zu erkennen. „Ich gehe als Terror-Clown“, sagt die Bochumerin und grinst ein breites Skelett-Grinsen. Sie sitzt hier für sechs Jahre wegen Betruges und Steuerhinterziehung, vier Jahre hat sie noch vor sich. „Es ist großartig“, sagt sie: „Heute kann ich den Alltag vergessen.“ Dass sie mit ihren beiden Terror-Clown-Freundinnen am Ende noch die Publikumswahl für das beste Kostüm gewinnt, macht den Tag für sie ziemlich großartig. Die Indianerinnen und Teletubbies belegen die Plätze.

Komitee-Chef Kuckelkorn wird gefeiert

Bevor das Kölner Dreigestirn im Saal Einzug hält, um den „tristen Alltag“ (Marc I.) mal ein wenig aufzuhellen, wird noch Christoph Kuckelkorn auf die Bühne geholt. Der Präsident des Festkomitees des Kölner Karnevals wird von den Frauen bejubelt. Sie rufen: „Kuckelkorn, Kuckelkorn, Kuckelkorn“, als würden sie Anthony Modeste, den Stürmer des 1. FC Köln, nach einem Hattrick feiern. Kuckelkorn bekommt als Mitorganisator eine spezielle Auszeichnung: Neben einem JVA-Polo-Shirt gibt es noch einen VIP-Gastausweis. Demnach hat der 54-Jährige „Anspruch auf eine Zelle mit Blick auf den Dom“, falls er hier mal einrücken muss. Profi-Karnevalist Kuckelkorn („Ich bin in der Veranstaltungsbranche tätig. Im Hauptberuf bin ich Bestatter.“) grinst breit. Später tanzt er mit einer der Gefangenen durch den Saal.

Um kurz vor Acht ist langsam Schluss, DJ Marc hat die Cool-Down-Phase eingeleitet. Ein wenig länger als geplant dürfen die Frauen noch feiern. „Doch um 21 Uhr müssen alle in ihren Zellen sein“, sagt Sicherheitschef Frank Pohlen. Sein Gesicht hat wieder etwas härtere Züge angenommen. In seiner Hand klimpern die großen Schlüssel. Jens Greinke

Quelle: wa.de

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