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Kostal Automobil Elektrik schließt bis 2024 alle Produktionsstandorte in Deutschland - Stellenabbau

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Von: Thomas Machatzke

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Firma Kostal Lüdenscheid und die Autobahn
Die Kostal-Zentrale in Lüdenscheid soll schon bald weitgehend leerstehen. Die Produktionsstandorte in Halver, Lüdenscheid und Meinerzhagen sollen bis Ende 2024 geschlossen werden. © Henrik Wiemer/come-on.de

Großer Schock: Die Kostal-Gruppe in Lüdenscheid will alle Produktionsstandorte der Kostal Automobil Elektrik in Deutschland bis Ende 2024 auslaufen lassen. Der Stellenabbau wird massiv.

Lüdenscheid/NRW – Schlag für die Industrieregion im Märkischen Kreis: Die Kostal-Gruppe in Lüdenscheid plant eine umfangreiche Restrukturierung und will alle Produktionsstandorte der Kostal Automobil Elektrik in Deutschland bis Ende 2024 auslaufen lassen. Das bedeutet einen erheblichen Stellenabbau an den Standorten Lüdenscheid, Halver und Meinerzhagen. Mitarbeiter und Betriebsrat sind geschockt.

UnternehmenKostal-Gruppe
HauptstandortLüdenscheid
GründerLeopold Kostal

Kostal Automobil Elektrik in Lüdenscheid schließt bis Ende 2024 alle Produktionsstandorte in Deutschland

Der Betriebsrat (BR) der Kostal-Gruppe geht von einem Stellenabbau in der Produktion zwischen 650 und 800 Stellen aus. In der Verwaltung sollen nach BR-Informationen noch einmal 150 nach Ungarn verlagerte Stellen dazukommen, sodass sich der Stellenabbau im hohen dreistelligen Bereich bewegen dürfte. Von einem „höheren dreistelligen Bereich“ geht auf Nachfrage auch die Geschäftsführung aus. „Die Zahl steht aber unter Vorbehalt und kann noch nicht konkretisiert werden, denn zunächst werden wir uns mit dem Betriebsrat beraten“, heißt es. Die IG Metall hat sich mit deutlichen Worten zu den Kostal-Plänen geäußert.

„Die Geschäftsführung der Kostal Automobil Elektrik (KAE) sieht sich zu einer umfangreichen Restrukturierung gezwungen. Die Produktion an den deutschen Standorten in Lüdenscheid, Meinerzhagen und Halver soll demnach bis Ende 2024 auslaufen und an andere Standorte verlagert werden“, heißt es in der Mitteilung der Geschäftsleitung. Nur so könne Schaden von der gesamten Kostal-Gruppe abgewendet und der Fortbestand als unabhängiges Familienunternehmen gewährleistet werden.

Und weiter: „Automobilzulieferer wie die Kostal Automobil Elektrik (KAE) stehen seit Jahren unter hohem Preis- und Wettbewerbsdruck. Diese Entwicklung hat sich zuletzt durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine verschärft. Eine strikte Kostenkontrolle und der Stellenabbau der Jahre 2018/19 sowie mehrere Effizienzprogramme hätten bisher nicht ausgereicht, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Produktionsstandorte nachhaltig zu sichern.“

Kostal-Gruppe: Betriebsrat rechnet mit Abbau von 800 Stellen im Märkischen Kreis

In der Mitteilung erklärt Hansjörg Herrmann, Geschäftsführer der KAE und als Chief Operating Officer (COO) verantwortlich für die weltweite Produktion und das Europa-Geschäft: „In Deutschland werden wir uns zukünftig auf andere Aufgaben als die Produktion konzentrieren. Die Hauptaufgabe ist und bleibt, unser Automobilgeschäft aus Deutschland nachhaltig und profitabel zu steuern und weiterzuentwickeln.“

Die geplante Restrukturierung der folgenden zwei Jahre werde jetzt mit dem Betriebsrat im Detail beraten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unverzüglich über die Ergebnisse dieser Beratungen informiert. Die Zeit der Unsicherheit für die Beschäftigten sollen die Verhandlungsführer so kurz wie möglich halten, unvermeidbare Härten sollen sozialverträglich abgefedert werden. Die Geschäftsführung könne betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen, werde sie aber wo immer möglich vermeiden.

Kostal-Gruppe spricht von Verlusten in deutschen Produktionswerken

„In unseren deutschen Produktionswerken machen wir große Verluste. Das wissen auch unsere Mitarbeiter. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren alles versucht, um Schließungen und Verlagerungen zu vermeiden. Trotz aller Anstrengungen konnten wir mit den deutschen Produktionskosten kein nachhaltig profitables Geschäft erreichen“, wird Herrmann weiter zitiert. Die anhaltende Transformation der Automobilbranche und die damit einhergehenden Änderungen in den Antriebstechnologien erforderten erhebliche Zukunftsinvestitionen, die dem Familienunternehmen zusätzlich große finanzielle Lasten auferlegen. Aus Verantwortung der gesamten KOSTAL-Gruppe gegenüber sei die geplante Schließung der Produktion in Deutschland daher hart, aber folgerichtig.

Jedem von uns tut es leid, dass wir nicht alle unsere Beschäftigten bis zum Renteneintritt bei uns beschäftigen können. Das ist allerdings keine Frage mangelnder Loyalität, sondern eine der wirtschaftlichen Notwendigkeit. 

Hansjörg Herrmann, Geschäftsführer der KAE

„Jedem von uns tut es leid, dass wir nicht alle unsere Beschäftigten bis zum Renteneintritt bei uns beschäftigen können. Das ist allerdings keine Frage mangelnder Loyalität, sondern eine der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die KAE Deutschland kann keine Sonderrolle einnehmen und unterliegt den gleichen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Profitabilität wie unsere Standorte in anderen Ländern.“

Herrmann: „Am Ende müssen wir diesen Schritt gehen, um die Arbeitsplätze von 18.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weltweit aus unternehmerischer Verantwortung nachhaltig zu sichern. Wir wissen, dass diese Veränderungen harte Einschnitte bedeuten. Mit unseren Beschäftigten werden wir respektvoll umgehen und sie schnellstmöglich über geplante Veränderungen informieren. Sobald wir mit dem Betriebsrat einig sind, werden wir mit unseren Mitarbeitern das Gespräch suchen.“ Von den 18.000 Mitarbeitern sind 3200 in Deutschland beschäftigt.

Entwicklungsabteilungen und andere Geschäftsbereiche nicht betroffen

Die geplante Restrukturierung betreffe hauptsächlich den Geschäftsbereich Kostal Automobil Elektrik (KAE) und deren Standorte Halver (rund 50 Mitarbeiter), Meinerzhagen (rund 90 Mitarbeiter) und Lüdenscheid (Konzern-Zentrale an der Bellmerei). Der geplante Stellenabbau beschränke sich allerdings nicht auf die Produktionsbereiche. Auch in der Verwaltung der Kostal-Gruppe würde ein Stellenabbau beziehungsweise eine Verlagerung an das neu gegründete Kostal Business Service Center in Ungarn (Budapest) geplant. In Ungarn hat die Kostal-Gruppe vor kurzem ein neues Werk mit 360 Arbeitsplätzen aufgemacht. Vor allem die Bereiche IT, aber auch der Einkauf sollen dort angesiedelt werden.

Auf der Zeitschiene soll das Werk in Halver als erstes geschlossen werden, danach das Werk in Meinerzhagen und zuletzt die Produktion in der Konzern-Zentrale an der Bellmerei.

Kostal stellt eines heraus: Die KAE Entwicklungsabteilungen und die anderen Geschäftsbereiche des Unternehmens sind von den Schließungen der Werke nicht betroffen. Die Entwicklung im Bereich der Automobilbranche sitzt inzwischen zum Teil am Kostal-Standort in Dortmund. Der Geschäftsbereich Kostal Industrie Elektrik ist in Hagen zu Hause, die Kostal-Kontaktsysteme sind am Timberg in direkter Nachbarschaft zur Konzern-Zentrale (mit Produktion) an der Bellmerei angesiedelt. Auch die in Schalksmühle ansässige Soma GmbH unter dem Kostal-Dach (Prüftechnik & Automation) ist nicht betroffen. Und auch Kostal Solar Electric ist außen vor bei diesen Planungen.

Firmengebäude Kostal Lüdenscheid
Beim Lüdenscheider Unternehmen Kostal wird es einen massiven Stellenabbau geben. © Cedric Nougrigat

Aus dem Umfeld des Betriebsrats hieß es am Dienstagmittag (22. Juni), die Mitarbeiter seien geschockt gewesen nach den Informationsgesprächen in den einzelnen Betrieben und Abteilungen. In Halver sollen die Mitarbeiter zum Teil geweint haben. Der Betriebsrat selbst beklagt, erst sehr spät über die Planungen informiert worden zu sein. Außerdem beklagt er, dass die IG Metall zuletzt Angebote gemacht habe, Lösungen für die Standorte im Kreis zu finden. Die Geschäftsleitung aber sei nicht willens gewesen, diese Lösungen umzusetzen.

Die Schließung der Produktionsstätten wird derweil weitreichende Folgen für die gesamte Region haben, denn in der Region gibt es viele kleinere Unternehmen, die für Kostal arbeiten und Teile zuliefern.

Für Menschen und Wirtschaft im Märkischen Kreis ist das Aus der Produktion bei Kostal der nächste Schlag nach der Sperrung der Autobahn A45 wegen der maroden Talbrücke Rahmede bei Lüdenscheid. Die Folgen für die Unternehmen sind jetzt schon dramatisch: Kündigungen, Wettbewerbsnachteile, Umsatzrückgänge.

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