Alle Eisenbahnverkehrsunternehmen suchen händeringend Lokführer

Von der Konsole in den Führerstand: Keolis wirbt mit neuer Simulation um Nachwuchs

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Hamm – Die Eisenbahnverkehrsunternehmen suchen händeringend Lokführer. Der Konzern Keolis bildet da keine Ausnahme. „Das schwierigste ist, Menschen überhaupt für den Eisenbahnerberuf zu interessieren“, sagt Nicole Pizzuti, Sprecherin des Unternehmens, das hierzulande vor allem mit der Marke „Eurobahn“ unterwegs ist. Zur Mitarbeitergewinnung geht Keolis mittlerweile auch ungewöhnliche Wege.

Wie diesen: Unter dem Motto „Vom Spieler bis hin zum Triebfahrzeugführer“ stellte der Zuganbieter dieser Tage gemeinsam mit dem Paderborner Publisher Aerosoft das neue PC-Bahnsimulationsspiel „Zusi 3“ vor. Wobei „Spiel“ eine Untertreibung ist. 

Es handelt sich um eine nahezu völlig realistische Simulation des Zugbetriebes. Das liegt daran, weil die „Hobby-Version“ auf der Software eines Profi-Bahnsimulators basiert, den Entwickler Carsten Hölscher unter anderem auch für Keolis eingerichtet hat. Seit September 2018 nutzt Keolis den Simulator am Firmenstandort Hamm zu Aus- und Fortbildungszwecken für angehende und tätige Triebfahrzeugführer.

Der Zugsimulator Zusi 3 bietet 500 Kilometer an fahrbarer Strecke mit, darunter die aktuelle Route Köln-Düsseldorf, die Marschbahn Heide-Westerland und die ICE-Strecke Kassel-Göttingen. 

Carsten Hölscher hat Zusi 3 entwickelt. Hier demonstriert er bei Keolis in Hamm die Spielversion für alle. Daneben läuft die Software auch in professionellen Loksimulatoren.

Über 200 Lok- und Triebwagenvarianten stehen zur Verfügung. Geboten werden originalgetreue Streckennachbauten, authentisches und physikalisch korrektes Fahr- und Bremsverhalten, eine vorbildgerechte und vollfunktionsfähige Signalisierung sowie diverse Varianten der Zugsicherungssysteme PZB, LZB und ETCS. 

Ausbilder kann sich in Simulation einschalten

Zusi ist außerdem umfassend erweiterbar. Mit den enthaltenen Editoren können zudem neue Inhalte selber erstellt und mit der Community geteilt werden. 

Entscheidender Unterschied zwischen Hobby- und Profi-Version: Bei den Profis kann sich ein Ausbilder in die Simulation einschalten und beispielsweise „nette kleine“ Aufgaben stellen.

Überraschender Wechsel aufs Gegengleis steht an 

Und so geht das: Entwickler Carsten Hölscher selbst fährt den virtuellen Triebwagen vom Typ Stadler-Flirt über eine eigens für Ausbildungszwecke „erfundene“ Strecke. Die weißen mit schwarzen Zahlen beschrifteten Hektometertafeln an den Oberleitungsmasten fliegen vorbei. 

Dann meldet sich über Zugfunk René Treckmann, Triebfahrzeugführer-Trainer bei Keolis. Er sitzt hinter einer Trennwand und „spielt“ jetzt mal den zuständigen Fahrdienstleiter. Ein überraschender Wechsel aufs Gegengleis steht an.

"Fahrt auf Sicht" angeordnet 

Ob Zug „2318“ noch vor Signal 23b halten kann, will er von „Lokführer“ Hölscher über Zugfunk wissen. Der bejaht und bringt seinen Zug vor Signal 23 b zum Stehen, obwohl hier grünes Licht eigentlich freie Fahrt signalisiert. Hölscher meldet, dass er vor dem Signal steht. Das Signal geht jetzt auf Rot. 

René Teckmann von Keolis ist Trainer Triebfahrzeugführer. Hier bedient er im Zugsimulator von Keolis in Hamm Unionstraße den Ausbilderplatz.

Der Fahrdienstleiter ordnet „Fahrt auf Sicht“ an, was zunächst mächtig viel Schreibarbeit im Triebwagencockpit nach sich zieht. Alles muss genau protokolliert werden. Dann fährt Hölscher mit etwa 20 Kilometern pro Stunde über das rote Signal hinaus. 

Lokführer muss multitasking-fähig sein

Dazu muss er die punktförmige Zugbeeinflussung kurzzeitig ausschalten, weil er sonst zwangsgebremst würde. Gleichzeitig muss er durch einen quäkenden Signalton aufgefordert immer wieder den Sicherheitsfahrschalter loslassen. Ansonsten droht auch hier: Zwangsbremsung. 

Es wird schnell klar: Ein Lokführer muss multitasking-fähig sein. Es piept und quäkt immer wieder aus dem Armaturenbrett, Lampen leuchten auf, Druckanzeigen erheischen Beachtung. Dann geht es immer schön langsam aufs linke Streckengleis und bis zum Ausfahrsignal in einem Bahnhof. 

Bahn-, Bus- und Flugzeugsimulatoren sind Männersache

Leider sind wir auf einem Gleis ohne Bahnsteig gelandet. Die Fahrgäste können hier nicht aussteigen – die nächste Aufgabe für den Mann im Führerstand. „Auf einem realen Fahrzeug ließe sich das alles gar nicht schulen, weil es den Bahnbetrieb unverhältnismäßig stören würde und auch zu risikoreich wäre“, sagt Trainer Treckmann. Doch der Simulator macht’s möglich.

Jobangebote bei der Eurobahn

Multitasking-Fähigkeit als wichtiges Kriterium – das müsste dann doch nicht zuletzt auch etwas für Frauen sein, die in dieser Hinsicht im Durchschnitt als besonders befähigt gelten?

Aerosoft-Geschäftsführer Winfried Diekmann muss dem Frager diesen Zahn ziehen. Zumindest was die PC-Spiele-Welt betrifft, sind Bahn-, Bus- und Flugzeugsimulatoren so gut wie ausschließlich Männersache. Der klassische Bahnsimulator-Spieler ist über 45 Jahre alt und hat irgendwie ein Faible für die Eisenbahn. „Bahnenthusiasten“, nennt Diekmann sie. 

Quereinsteiger sind in elf Monaten Triebfahrzeugführer

Aber vielleicht ändert sich das ja demnächst. Immerhin hat es Keolis mittlerweile auf einen Anteil von sieben Prozent Frauen in den Zug-Führerständen gebracht, sagt Sprecherin Pizzuti. 

Elf Monate dauert für Quereinsteiger bei Keolis die Qualifizierung zum Triebfahrzeugführer. Ein anderer Weg – vor allem für junge Leute – ist die dreijährige Ausbildung zum Eisenbahner im Betriebsdienst, was den Lokomotivführerschein einschließt. 

Zur Website von Aerosoft

Und wer vielleicht seine bereits zart aufkeimenden Job-Ambitionen einmal testen will, der kann mit „Zusi 3“ über Zugstrecken fahren, die es auch in der Wirklichkeit gibt, kann beispielsweise Köln Hauptbahnhof über die Hohenzollernbrücke verlassen oder über einen Teil der neuen Schnellstrecke Berlin-München donnern und dabei feststellen, dass es mit dem neuen Zugsicherungssystem ETCS auch ohne Signale an der Strecke geht. 

Vielleicht wird dann aus dem Spieler am Ende tatsächlich ein Triebfahrzeugführer oder eine Triebfahrzeugführerin. Die Bahnwelt würde es ihnen danken. 

„Ohne ausreichend Personal werden die Herausforderungen der Zukunft mit stetig steigenden Fahrgastzahlen nicht zu bewältigen sein“, so Nicole Pizzuti. Das hört sich nach einem sicheren Job für Jahre an.

Quelle: wa.de

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