Kokerei Hansa in Dortmund zeigt Kunst: „One on One“

+
Blick auf ein Gemälde von Matthias Galvez, zu sehen im Hochhaus der Kokerei Hansa in Dortmund. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Es gibt sie noch, die intimen Räume der Ruhrindustrie. Dort, wo die Abrissbirne halt machte, kann nachempfunden werden, was Industriekultur bedeutet. Es ist ein langsamer Prozess.

Wenn die Produktionsstätte ihre Originalität bewahrt, fühlt sich der Zustand zwischen Gestern und Heute wie eine Atempause an. Kein Museumskonzept glättet hier die rauen Wände, keine Theatergruppe belebt die verlassenen Fabriketagen. Zwischen den Programmpunkten und Veranstaltungen von Ruhr.2010 sind solche Orte zu finden. Auf der Kokerei Hansa in Dortmund-Huckarde zum Beispiel. 1992 wurde die Kokerei geschlossen. Die Stiftung Denkmalpflege und Geschichtskultur übernahm die Aufgabe, große Teile des Industriestandorts vor dem Verfall zu schützen. Zu den Gebäuden auf der Weißen Seite der Kokerei gehört auch das Hochhaus Hansa. Hier wurde aus dem Gas, das bei der Koks-Produktion entstand, Benzol erzeugt. Zwei Aggregate waren für die Treibstoff-Gewinnung zuständig. Ab 1940 sollte das schmale Gebäude nur noch als Regel- und Mechanikerwerkstatt genutzt werden. Nun lässt es sich auf mehreren Stockwerken erkunden. Insgesamt zehn Künstler helfen dabei. Sie haben sich auf Hansa eingelassen: „One on one“ heißt die Ausstellung.

„Wir wollen das Hochhaus nicht bespielen“, sagt Marita Pfeiffer. Die Leiterin des Stiftungsteams sucht nach einem kulturellen Mehrwert mit den historischen Räumen. Das klingt abstrakt, wird aber konkret, wenn die Künstler hinzukommen, die das Institut für Kunstentwicklung artlab21 (Berlin/Los Angeles) ausgesucht hat. Seit Jahren besteht eine Zusammenarbeit mit artlab21. Mittlerweile ist das Institut als gemeinnütziger Verein anerkannt, so dass in Dortmund zwei Nonprofit-Organisationen kooperieren. Es geht also nicht darum, die Kokerei zu kommerzialisieren und Besuchermassen zu locken. Vielmehr soll das „Hochhaus“ ein Refugium sein, wo sich Kunst und Industriegeschichte wechselseitig erfahren. Das Stiftungsteam hebt auf Momente ab, die beispielsweise die erzählerischen Bilder von Matthias Galvez forcieren. Der Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee malt lebensnahe Szenen, in denen seine Freunde, seine Freundin und er selbst die Hauptrollen spielen. Gerade die theatralischen Augenblicke seiner Beziehungsbilder sorgen an den entrückten Orten, die schrundige Wände, alte Heizungskörper und riesige Wasserbehälter verwahren, für neue Konzentration. Die Industriearchitektur wird anders wahrgenommen vis á vis zur Malerei. Der Blick des Künstlers in ein Wohnzimmer mit Couch, Tisch und zwei schlafenden Frauen bringt für den Industriearbeitsplatz mit Glasbausteinen einen Bezug hin zum Privaten. Solche Gegensätze tun gut, weil sie verschiedene Assoziationen anstoßen.

Amely Spötzl erinnert mit ihren lyrischen Objektarbeiten aus Brombeerästen, Holzscheiben und Blütenständen an eine Gegenwelt zur Industrie. Amely Spötzl stickt lineare Muster um Blütenstempel herum und konzentriert beides zu einem sinnlich-naturnahen Ornament. Diese filigrane Arbeit wirkt inmitten der Industriekulisse noch orginärer als es an irgendeiner Museumswand sein könnte. Auch ihre Kreise aus den Samen-Basen zahlreicher Pusteblumen, die mit farbigen Fäden umspannt sind, sensibilisiert und stellt Verbindungen zu archaischen Steinkreisen her.

Das Projekt „Hochhaus Hansa“ hat für die Kunst und das Industriedenkmal wechselseitige Qualitäten. Oft ist bei ähnlichen Projekten vom „Dialog“ die Rede. Aber im Unbestimmten will die Stiftung Industriedenkmal und Geschichtskultur ihre Projekte nicht belassen. Künftig sollen drei bis vier Ausstellungen im Jahr auf der Kokerei Hansa stattfinden. „Und die Projekte werden wissenschaftlich begleitet“, sagt Marita Pfeiffer. Die Stiftung will nämlich wissen, welchen Ertrag die Kooperation mit Künstlern aus New York und Los Angeles, aus Düsseldorf und Berlin für das Industriedenkmal bringt. Vom Netzwerk sei häufig die Rede und wie wichtig, solche Kontakte sind, sagt Pfeiffer. Aber kommen die Künstler wieder? Was bleibt fürs Industriedenkmal? Ein neues Image?

Erstmal bleibt noch die Kunst. In Dortmund hat Taka Kagitomi seine installativen Arbeiten geschaffen. Satoshi Kojima zeigt bizarre Figurenbildwelten gleich daneben. Sie greifen auf asiatische Motive zurück. Beide studieren an der Akademie in Düsseldorf und sind Schüler von Peter Doig, einem international renommierten Künstler. Kagitomi hat Becher, Schüsseln und Töpfe auf kleine Lautsprecher gesetzt. Sobald seine Lieblingsmusik zu hören ist, hüpfen die trockenen Reiskörner, die auf den Membranen der Lautsprecher verteilt sind. Ein Fahrrad steht im Zentrum dieser Arbeit, ein Schlafsack liegt nebenan, ein selbstgemachter Tisch, ein Kochutensil. Kagitomi hat hier gearbeitet, gelebt – am Ort der Industriekultur.

Die Schau

Michael Sistig, Robert Seidel, So-Young Park, Amely Spötzl, Cole Sternberg, Rebecca Lowry, Taka Kagitomi, Satoshi Kojima, Matthias Galvez und Natasha Schmitten stellen im Hochhaus auf der Kokerei Hansa in Dortmund, Emscherallee 11, aus. Bis 10. Oktober; di-so 12 bis 17 Uhr; Führung sonntags 15 Uhr. Tel. 0231 / 931122 33; Besucher sollten sich am Info-Point melden. Das Hochhaus wird aufgeschlossen. www.

industriedenkmal-stiftung.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare