Im Kloster Varensell suchen Gehetzte über den Jahreswechsel Auszeit

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Benediktinerinnen gehen durch den Kreuzgang in der Abtei Varensell in Rietberg (Kreis Gütersloh). Wenn anderswo Raketen geräuschvoll in die Luft schießen, geht es im Kloster ganz ruhig zu.

RIETBERG - Um es in der Silvesternacht richtig krachen zulassen, geben die Deutschen jedes Jahr Millionen Euro aus. In einem kleinen Kloster in Rietberg-Varensell könnte es nicht gegenteiliger zugehen.

Hier kommen kurz vor Silvester gestresste Manager und Menschen her, die ein Schicksalsschlag getroffen hat.

„Es sind ganz oft Leute, die mit Kirche und Glauben sehr wenig zu tun haben“, sagt Schwester Teresa Friese, die jedes Jahr rund 30 Gäste drei Tage über den Jahreswechsel begleitet. Kein anderes Angebot des Klosters ist so gut besucht. Die Plätze sind regelmäßig schon im Sommer ausgebucht.

Das Foyer der Benediktinerinnen-Abtei ist ein geräuschloser Raum. Sobald sich die schwere Eingangstür schließt, ist kein Ton zu hören. Dann die leisen, herbeieilenden Schritte einer Nonne auf dem langen Flur. „Silvester ist hier nicht so ein außergewöhnlicher Tag wie da draußen“, sagt Schwester Teresa, die klobige Sandalen unter ihrer schwarzen Kutte trägt.

Mit „da draußen“ meint die 45-Jährige Varensell, Ostwestfalen, die Welt. Wenn die Bewohner des kleinen Orts in der Silvesternacht Raketen in den Himmel schicken, ist das in dem mehr als hundert Jahre alten Kloster nur ganz leise zu hören.

Der strukturierte Alltag der 43 Schwestern macht vor Silvester dagegen keinen Halt. „Wir beten und gehen unserer Arbeit nach wie immer“, sagt Schwester Teresa, die im Kloster den Obstgarten leitet. „Dann ist man groggy.“ Der Lebensrhythmus „draußen“ sei aufgeweichter, meint sie. Damit könnten viele Menschen nicht umgehen. „Alles ist immer möglich, das stellt die Leute vor Herausforderungen.“ Auch deshalb kommen viele her.

Für die meisten Menschen sei Silvester ein wichtiges Datum. „Man hält inne, blickt zurück, das ganze Jahr wird nochmals aufgerollt“, sagt die Nonne. Menschen aller Berufsgruppen und Konfessionen, vom Studenten bis zum Senioren, kommen dann für drei Tage in die Abtei.„Unsere Gäste sind nachdenkliche Menschen, die ganz stark innerlich suchen und oft in ihrem Leben einiges zu tragen haben“, sagt Schwester Teresa. „Sie sind an eine Grenze gestoßen und brauchen eine Pause vom Alltag.“

In der mächtigen Klosteranlage mit den verstreuten Gärten meditieren die Gäste über den Jahreswechsel mit dem Konvent, malen oder arbeiten mit Ton. Dazwischen ist ganz viel „Nichts-Zeit“. „In letzter Zeit suchten viele das Gespräch“, sagt Schwester Teresa. „Ich habe das Gefühl, unsere Mediengesellschaft kommuniziert sich zu Tode, aber die Menschen reden nicht mehr miteinander.“

In der länglichen Bibliothek mit den sonnengelben Vorhängen liegen „Scrabble“ und „Das verrückte Labyrinth“; in den Regalen stehen gebundene Bücher, darunter „Gott und die Welt“ von Papst Benedikt XVI. Das Zimmer mit den rotgepolsterten Sesseln ist Aufenthaltsraum für die Gäste, die in einem eigenen Flügel wohnen. Hier stoßen manche um Mitternacht mit einem Glas Sekt an. Andere gehen durch den schmalen Treppenabgang hinab in die Krypta und suchen in dem Anbetungsraum mit dem flauschigen Teppich und den kleinen dunklen Holzbänkchen Zeit für sich.

Schwester Teresa selbst bekommt vom Jahreswechsel gar nichts mit, sie verschläft ihn. „Ich gehe nach dem Nachtgebet ganz normal ins Bett und zwischen drei und vier Uhr dann in den Anbetungsraum.“ Vielleicht wacht sie um Mitternacht kurz vom Läuten der Kirchenglocken auf. Dann aber ist es in dem Kloster wieder still. - dpa

Quelle: wa.de

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