Kirchenwahl: Gemeinden gehen die Presbyter aus

BIELEFELD ▪ Fast 500.000 evangelische Christen sind an diesem Sonntag in der evangelischen Kirche von Westfalen zur Wahl aufgerufen: Es geht um die personelle Ausstattung der Leitungsgremien (Presbyterien) der 522 Gemeinden für die nächsten vier Jahre.

Von Manfred Brackelmann

Dabei kann längst nicht mehr in jedem Fall von einer wirklichen Wahl die Rede sein: In nur noch 127 westfälischen Gemeinden stellen sich überhaupt mehr Kandidatinnen oder Kandidaten zur Verfügung, als Plätze im Presbyterium zu besetzen sind. In den anderen – knapp 80 Prozent – der Gemeinden haben sich gerade jeweils so viele Kandidaten gefunden, wie Plätze zu besetzen sind. Klartext in vielen Fällen: Wer Presbyter(in) ist, bleibt – oder: Wer auch nur einmal interessiert den Finger gehoben hat, ist praktisch schon im Amt. Fazit dahinter: Interessierten Nachwuchs gibt es auf breiter Front nicht mehr – ein bitterer personeller Schwund in einem Ehrenamt, das für das aktive Leben der Gemeinden eine bedeutende Rolle spielt.

Die Sorge um das Schrumpfen der kirchlichen Laien-Basis an einer so wichtigen Stelle treibt die Kirchenleitung sehr wohl um. Wobei Oberkirchenrat Dr. Arne Kupke beim Landeskirchenamt in Bielefeld in seiner Bewertung noch zurückhaltend bleibt, die er als „beunruhigend“ darstellt. So werde es für die Landeskirche immer schwerer, Menschen zu gewinnen, die sich – zumal ehrenamtlich in Leitungsfragen engagieren wollten.

Noch vor vier Jahren habe in immerhin noch 228 von damals 556 Gemeinden eine echte Wahl stattgefunden, fanden sich mehr Bewerber als Plätze – noch die doppelte Zahl im Vergleich zu diesem Jahr. Für die Kirchenleitung sehr wohl eine Herausforderung: „Die Gründe werden wir nach der Wahl sorgfältig analysieren müssen.“

Das sieht Andreas Duderstedt als Pressesprecher der evangelischen Landeskirche nicht anders. Einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Zahl der Kirchenaustritte und damit Abwendung von der Kirche als solcher sieht er nicht: „Diese Zahlen gehen seit Jahren zurück.“ Eher spielt aus seiner Sicht die Verbindlichkeit eine Rolle, die am Presbyteramt hängt. Interessenten – möglich vom 18. bis zum 75. Lebensjahr – werden für die feste Zeit von vier Jahren gewählt. Und in dieser Zeit bleibt es – entgegen häufigen Vorurteilen abseits der Gemeinden – nicht bei „Kaffeekränzchen“.

Wichtige Aufgabe des Presbyteriums ist unter anderem die Wahl des Pfarrers oder der Pfarrerin – widerstrebende Interessen und Vorbehalte gegen einen Kandidaten/eine Kandidatin nicht ausgeschlossen. Zudem ist das Gremium für die Konzeption mit verantwortlich, die jede Gemeinde für sich erarbeitet: Profil und Schwerpunkte – in einer Zeit schrumpfender Gemeindezahlen oder Zusammenlegungen eine Aufgabe, die Konfliktpotenzial birgt. Darüber hinaus geht es um handfeste Bereiche wie Finanzen und Immobilien der Gemeinde.

Deutlichere Worte für mögliche Ursachen des Interessenschwundes findet Egbert Mustroph, seit 36 Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Hamm-Westtünnen. Auch in seinem – im Zuge einer Fusion – von der Presbyterzahl her geschrumpften Gemeindebezirk stehen vier Interessenten für vier Plätze bereit und sind damit absehbar gewählt – nach zwei vorausgegangenen Wahlperioden mit mehr Bewerbern als Plätzen.

„Da schlägt sich sehr wohl eine innere Distanzierung von der Kirche in Zahlen nieder“, ist der 64-Jährige überzeugt. Es fehle in der alltäglichen Praxis immer häufiger an denen, die bereit seien, Verantwortung im Gemeindeleben zu übernehmen. Dafür müsse man vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wieder engagierter werben: „Wir sind keine Funktionärskirche, sondern bauen uns von unten auf. Dafür lohnt es sich zu arbeiten – und diese Botschaft müssen wir wieder in mehr Köpfen bewusst machen.“

Quelle: wa.de

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