Kirchenorgeln im Revier mit dem Bus entdecken

+
Organist Helmut Engels stellt „seine“ Orgel in der evangelischen Kirche in Hattingen-Niederwenigern den Besuchern vor. ▪

Von Gabriele Fritz und Achim Lettmann ESSEN ▪ Für die Schönheiten der dörflichen Ruhrlandschaft zwischen Essen, Hattingen und Bochum bleibt keine Zeit. Die Reisenden konzentrieren sich im Bus auf Metallguss, Gebläsekonstruktionen, Antriebsarten für Ventile und Schallphysik bei Pfeifen. Bernhard Schüth referiert nicht über Industrieanlagen, sondern über Orgelbau.

Der Kantor der evangelischen Gemeinde Essen-Überruhr führt auf seinen Orgelfahrten im Rahmen der Ruhr.2010 zu klangreichen Schätzen in stillen Ecken der Region. 200 Jahre Orgelbaugeschichte im Kulturhauptstadtjahr stehen noch bis Oktober auf dem Programm des Evangelischen Kulturbüros, samt kleiner Konzerte der Kirchenmusiker auf „ihren“ Orgeln. Die Idee zu den Fahrten hatten die Kantoren in den evangelischen Kirchenkreisen, als sie überlegten, was können sie zum Kulturhauptstadtjahr beisteuern.

Bernhard Schüth kennt sich aus, weil er 1993 für die St. Lambertus Gemeinde in Essen-Rellinghausen eine Flentrop-Orgel bauen ließ. Die Firma aus Zaandam (Niederlande) ist ein traditionsreiches Unternehmen, das für die Kathedrale in Mexico City eine Orgel gebaut hat und im Dom zu Riga ein altes Instrument restaurieren konnte. Schüth ist durch ganz Europa gereist, um sich verschiedene Orgelbautraditionen anzuschauen. Heute können viele Firmen barocke, deutsch- oder französisch-romantische Orgeln bauen. Ein Jahr habe er mit der Firma Flentrop um das Klangbild gerungen, sagt Bernhard Schüth. Und er ist froh über das Ergebnis.

Wer französische Klangtraditionen des 19. Jahrhunderts, süddeutschen Orgelbau oder Neubauten kennenlernen will, muss nicht internationale Konzertsäle bereisen. Das Ruhrgebiet vereint eine reiche Orgelbautradition. 30 verschiedene Orgeln in evangelischen und katholischen Gemeinden des Ruhrgebiets zählen zum Repertoire der Orgelfahrer. „Die Instrumente sind von 24 verschiedenen Orgelbauern“, sagt Bernhard Schüth. Die älteste ist eine Vorenweg-Orgel auf Schloss Cappenberg. In Hattingen steht die älteste romantische Orgel von 1875 und die jüngste findet sich in der Hammer Liebfrauenkirche, eine Goll-Orgel aus Luzern (Schweiz) von 2006. „Mit 52 Registern eine große Orgel“, sagt Schüth.

Letztlich ist jede Orgel ein Unikat. Einzigartig in Form, Klang, in der Anpassung an die Raumakustik und in der Bauweise des komplexen Innenlebens. Ob sie nun in der romanischen Dorfkirche in Bochum-Stiepel, in der kleinen neugotischen Sandsteinkirche in Hattingen-Niederwenigern oder in der großen Backstein-Lukaskirche in Altenbochum-Laer stehen.

Helmut Engels, seit 1966 Organist an der evangelischen Kirche in Hattingen-Niederwenigern, schwärmt von „seiner“ Ibach-Orgel. „Ibach-Orgeln vermeiden das Schreiende“, sagt er und verweist auch auf die leicht und geräuschlos zu spielenden Manuale und Pedale, also die Tastenreihen für Hände und Füße. Der 81-jährige passionierte Kirchenmusiker und Orgelkenner machte sich stark für die 1990 erfolgte Restaurierung des Instruments, das 1875 im traditionsreichen Barmer Unternehmen Ibach gefertigt wurde. Eine Privatspende machte es möglich.

Engels lässt die verschiedenen Register erklingen: „Principal“, „Flutdouce“ (süße Flöte), „Rohrflöte“, „Viola“ oder „Vox Celeste“, die „Himmelsstimme“. Insgesamt 17 Register, also Klangfarben, besitzt das Instrument seiner Kirche. Beim Registerzug „Calcantenklingel“ ertönt nur ein Bimmeln. Organist Engels lacht, denn das Glöckchen ist das alte Signal für den Calcanten, den Blasebalgtreter. Der musste früher, bevor der Strom Einzug hielt, das Gebläse mit der Hand oder dem Fuß bedienen und vor dem Einsatz des Organisten für Luftzufuhr sorgen.

So manche Pfeifenreihe steht in einer „Schwellkammer“, einem geschlossenen Kasten, dessen Lamellen der Organist per Pedal regulieren kann. Ein Besuch der Lukaskirche in Altenbochum-Laer macht hörbar, was für feine und leise Töne eine große Orgel dadurch erzeugen kann. Ätherisch und hauchzart klingt hier das Register „Aeoline“. „Die feinen Pfeifen dazu müssen Sie sich wie Spargel vorstellen“, sagt Hausorganist Hans-Christian Tacke.

Die entschlussfreudige und finanzkräftige Gemeinde baute 1899 Kirche samt Orgel in nur gut einem Jahr, mit besonderer Mechanik. Oben auf der Empore ist es zu hören, das leichte Rauschen. Denn hier wird neben dem Windstrom in den Pfeifen eine zweite Pneumatik benötigt: die Übertragung vom Tastenanschlag zu den Pfeifen. „Und so werden an dieser Orgel auch keine Register gezogen', sondern Ventilschalter gedrückt“, erläutert Tacke.

Durch die Vielfalt der Klangfarben überraschen Organisten ihr Publikum außerhalb des Gottesdienstes gerne mit besonderer Musik-Literatur. Wer hätte gedacht, wie gut französische Marschmusik aus der Napoleonzeit zu einer Orgel passt? Schüth demonstriert es mit einem Stück von Louis James Alfred Lefébure-Wely. Einst waren die „Windmaschinen“ von reformatorischen Eiferern als „Teufels Trompeten“ verschrien. ▪ epd/WA

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare