Keyless-Go-Mafia in Lüdenscheid

So gehen Autodiebe also vor: Männer vor Haustür in Lüdenscheid gefilmt 

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Ein Täter steht direkt an dem C63, in der Hand ein Aktenkoffer.

Lüdenscheid - Die Kameras haben alles festgehalten. Keine 15 Sekunden dauert der Auftritt der zwei Männer vor einem Haus in Lüdenscheid. In der Hand haben sie Aktenkoffer. Sie haben es auf ein Luxus-Auto abgesehen. 

Wäre der Plan der Täter aufgegangen, hätte Frank Schmidt (Name geändert) seinen Mercedes C63 vermutlich nie wiedergesehen. Weniger Glück hatten zwei Lüdenscheider, denen in den vergangenen zwei Wochen Luxuskarossen gestohlen wurden. Das Perfide an der Masche: Die Täter schlagen immer dann zu, wenn die Opfer zuhause sind. 

Kamerasystem war installiert

Es ist Sonntagabend, Tatortzeit, als Frank Schmidt eine Nachricht auf sein Smartphone bekommt. Pling! Erst einen Tag zuvor hatte er die Arbeiten für ein Sicherheitssystem an seinem Haus abgeschlossen. Wesentlicher Bestandteil sind zwei Kameras mit Bewegungsmeldern – eine mit Blick auf die Garage, eine andere im Klingelknopf direkt am Hauseingang. Immer wenn jemand das Grundstück betritt, informiert ihn das System und schickt eine Nachricht aufs Handy. Dann kann Frank Schmidt schon vom Sofa aus sehen, wer vor der Tür steht. 

Ein zweiter Täter steht direkt an der Haustür, versucht das Schlüsselsignal zu verlängern.

Die zwei Männer, die am 25. November um 20.30 Uhr auf seinem Display erscheinen, kennt er nicht – und sie verhalten sich nicht wie normale Besucher. Die Kamera an der Tür zeigt einen Mann, der schnellen Schrittes zum Eingang geht, in der einen Hand einen Aktenkoffer. Er klingelt nicht. Stattdessen presst er kurz den Aktenkoffer an die Haustür. Zeitgleich stellt sich sein Komplize direkt an die Fahrertür des 107.000 Euro teurenMercedes C63. Auch er hat eine Tasche dabei, die er direkt an die Autotür hält. 

Auf dem Smartphone alles mit angesehen

Maximal drei Sekunden verharren sie so, dann brechen sie ab – weil sich die Autotür nicht öffnet und wohl auch weil Schmidts Hund angeschlagen hat und laut bellt. Frank Schmidt ist Zeuge, weiß sofort, was er auf dem Smartphone beobachtet. Diese Männer haben es auf seinen Mercedes abgesehen – mit 476 PS, Sportfahrwerk und Keyless-Go. 

"Der Tank war fast leer"

Schmidt stürmt zum Fenster, Adrenalin schießt ein. Er leuchtet mit der Taschenlampe in seinen Vorgarten und ruft den beiden Männern zu: „Kann ich helfen? Was wollt Ihr hier?“ Die Männer antworten noch: „Nein“ und „Nix“. Dann gehen sie schnellen Schrittes die Straße hinunter. Frank Schmidt versucht noch zu folgen. Als er an die nächste Ecke kommt, sind die Männer verschwunden. „Einer hatte eine Plastiktüte dabei. Da waren bestimmt mitgebrachte Kennzeichen drin“, sagt Frank Schmidt. „Aber weit wären sie nicht gekommen, der Tank war fast leer.“

Alarmiert durch Autodiebstahl in Lüdenscheid

Der Lüdenscheider war an diesem Tag vorbereitet. Er wusste um die Sicherheitslücke bei seinem Keyless-Go-Fahrzeug. Zudem war er alarmiert, weil erst wenige Tage zuvor ein hochwertigerBMW X5 mit 570 PS und einem Wert von 50.000 Euro an der Haydnstraße gestohlen worden war (Bericht hier). 

Die Keyless-Go-Fahrzeuge erkennen die Täter an bestimmten Merkmalen an den Türgriffen. Mit Hilfe eines simplen Reichweiten-Verlängerers tricksen die Diebe dann das Keyless-Go-System aus. Das Videoportal Youtube ist voll von Beispielvideos. 

Um das Sendesignal zu unterdrücken, hatte Frank Schmidt seit einiger Zeit den Keyless-Go-Schlüssel in einen mit Alufolie abgedeckten Alu-Milchkühler gesteckt. Nur deshalb gelang der Diebstahl nicht. „Ein normaler Kühlschrank tut es auch“, sagt Schmidt. Kühlschränke haben einen Alu-Mantel. 

In einem solchen Alu-Behälter hat Frank Schmidt den Schlüssel aufbewahrt, um das Signal zu unterbinden. 

Schmidt behält seine Beobachtungen nicht für sich. Er wendet sich an die Lüdenscheider Nachrichten, um andere Lüdenscheider zu warnen. Auch bei der heimischen Polizei meldet er den Vorfall vor seinem Haus. Die Videosequenzen brachte er den Ermittlern mit. 

Täter schlagen zu, wenn Opfer zuhause sind 

„Nach Ansicht der Bilder gehen wir von einem versuchten Diebstahl aus“, sagt Polizeisprecher Christof Hüls auf Anfrage. Zu beobachten sei in den Videos das typische Verhalten bei dieser Masche. Dafür spreche auch, dass die Täter zuschlagen, wenn die Autobesitzer sichtbar zuhause sind. Nur dann können die Täter sicher sein, dass Schlüssel und Auto vor Ort sind. 

85 Kfz-Diebstähle im vergangenen Jahr

Ein Zusammenhang mit dem ersten Diebstahl sei aber nicht zu belegen, so Polizeisprecher Hüls.Inzwischen ist ein weiterer Fall hinzugekommen. Am vergangenen Mittwochabend wurde an der Parkstraße ein BMW Kombi M550d x-drive Touring gestohlen. Das Oberklasse-Fahrzeug hat einen Wert von 80.000 Euro – verbaut war ein Keyless-Go-System (Bericht hier). 

Insgesamt wurden 2017 im Märkischen Kreis 85 Kfz-Diebstähle aktenkundig, ein Jahr zuvor waren es 92. Aktuellere Zahlen gibt es noch nicht. 

Täter kommen bei Landsleuten unter

Der Polizeisprecher erinnert an einen Fall aus Meinerzhagen vor einigen Jahren, bei dem junge Kuriere aus Osteuropa festgenommen wurden. Die Ermittlungen ergaben, dass mehrere Täter bei Landsleuten in der Region untergekommen waren und von dort Objekte ausspähten. Anschließend wurde die „Bestellliste“ abgearbeitet. Das Ziel: Meist PS-starke, auffällige Fahrzeuge der Luxus-Klasse. Schwierig sei es aber, an die Auftraggeber heranzukommen, so Hüls. Das war nicht nur in diesem Fall so. 

Lesen Sie auch: Drei hochwertige Pkw in einer Nacht im Kreis Unna gestohlen

Polizei: Hersteller haben kein bombensicheres Verfahren

„In den Fahrzeugen ist unterschiedliche Technik verbaut. Den Täter gelingt es, innerhalb kurzer Zeit neue Systeme zu umgehen. „Ein bombensicheres Verfahren ist bei keinem Hersteller verbaut“, erklärt der Polizeisprecher. Den Schlüssel in einem Alu-Behälter zu bewahren – wie Frank Schmidt es tut – , sei eine Möglichkeit. Um ganz sicher zu gehen, müsse man aber das System ausschalten lassen. 

Frank Schmidt war deswegen schon beim Mercedes-Händler seines Vertrauens. Das Leasingfahrzeug gibt er dann im nächsten Jahr zurück. Sein neues Auto ist schon bestellt. Es wird ein BMW. Auch Keyless-Go hatte er in der Ausstattungsliste angekreuzt. Auf seinen Wunsch hin wird das Auto nun aber mit abgeschaltetem System ausgeliefert.

Was ist Keyless Go und wie funktioniert es?

Keyless-Go ermöglicht das schlüssellose Öffnen und Starten eines Fahrzeugs. Es wurde erstmals 1999 in der S-Klasse von Mercedes-Benz verbaut. 

Keyless-Go ist der eingetragene Markenname von Mercedes-Benz, steht mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch aber synonym für das verwendete System. Nahezu sämtliche Automobilhersteller bieten Keyless-Go – unter anderem Namen – als Zusatzausstattung an. 

Das System besteht aus drei Komponenten: einem mechanischen Schlüssel, der Fernbedienung in diesem Schlüssel und dem RFID-Transponder im Fahrzeug. RFID steht dabei für die Identifizierung mit Hilfe elektromagnetischer Wellen. 

Das Prinzip: Nähert sich der Fahrer oder die Fahrerin mit dem Schlüssel zum Beispiel in der Hosentasche oder der Handtasche, erkennt der Transponder mit Hilfe von Antennen den Schlüssel. Das Fahrzeug wird entriegelt und der Motor kann gestartet werden. 

Mindestens bei BMW und Mercedes sind die Fahrzeuge mit Keyless-Go auch von außen zu erkennen, da sie über besondere Türgriffe verfügen. 

Diebe tricksen das System aus, indem sie Reichweitenverstärker einsetzen – und damit den Transponder glauben lassen, der Schlüssel wäre am oder im Fahrzeug. 

Die Diebe nutzen die Gewohnheit vieler Fahrzeugbesitzer, die ihr Auto direkt am Haus abstellen und den Schlüssel im Flur deponieren. Ist das System ausgetrickst, drücken sie den Startknopf im Auto und fahren davon. In den Zielländern wird dann die Schnittstelle neu codiert und ein neuer Schlüssel erstellt. 

Quelle: wa.de

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Kommentare

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Kommentare

Annakatharina
(0)(0)

Eigentlich sind die Hersteller in der Pflicht. Oder arbeiten die mit den Dieben zusammen? Könnte man fast meinen.

Andreas Schmidt
(2)(0)

Ein Verfahren gäbe es schon, das zu unterbinden, und ein heimischer Hersteller (Kostal) hat dazu, wie ich vor einigen Wochen zufällig sah, bereits ein Patent angemeldet. Es wird höchste Zeit, dass sowas in Serienfahrzeugen verbaut wird.